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Vernunftehe
04/29/2014

Die Liebe kommt nach der Hochzeit

Für eine gute Beziehung muss man nicht verliebt sein - TV-Sender arbeiten schon an neuen Formaten.

von Laila Daneshmandi

Sie haben einander noch nie gesehen, gerochen, berührt. Und trotzdem heiraten sie. Zumindest in der dänischen TV-Doku „Hochzeit auf den ersten Blick“ spielt sich „Liebe“ auf diese Weise ab. Dort treffen Paare einander zum ersten Mal vor dem Standesbeamten. Vier Experten (eine Paarberaterin, ein Sextherapeut, eine Pfarrerin und eine Anthropologin) stellen Duos zusammen, die sich auf eine Ehe mit einem Fremden einlassen. In den darauffolgenden Wochen fiebert das TV-Publikum mit, wie die Paare die Flitterwochen und den gemeinsamen Alltag bewältigen – am Ende steht die Frage: bleiben oder gehen?

Fünf Monate nach Ende der Dreharbeiten ist eine von drei Paarungen noch immer verheiratet. In Dänemark ist die Sendung ein Quotenhit. Die Vorbereitungen für Ableger in anderen Ländern laufen auf Hochtouren. Im deutschen TV soll die Heiratsshow dieses Jahr anlaufen.

Dass eine Beziehung auf Knopfdruck funktionieren kann, zeigt das deutsche Autorenpaar Susanne Wendel und Frank-Thomas Heidrich. In ihrem Buch „Wie wär’s mit uns beiden“ beschreiben die beiden, wie sie sich verlobt haben, ohne in einander verliebt zu sein. Drei Jahre später haben sie ein Kind und sind glücklich – die Liebe kam erst im Laufe der Zeit dazu. „Ich liebe dich“ bringt Wendel erst seit Kurzem über die Lippen.

"Nicht mehr auf den Traumprinzen warten"

„Ich hatte keinen Bock mehr darauf, ewig auf den Traumprinzen zu warten“, sagt die 41-Jährige. „Die Menschen haben heute hohe Ansprüche, weil wir so viele Möglichkeiten haben, uns zu verwirklichen. Wir geben uns nicht mehr mit irgendwas ab. Da ist es nicht so einfach, etwas Passendes zu finden.“ Wendel will anderen Mut machen, über den Tellerrand ihres Beuteschemas zu blicken. „Oft ist es ein guter Freund, den man nie für eine Beziehung in Betracht gezogen hätte.“ Sie fand Heidrich anfangs „gar nicht attraktiv – das hat sich dann verändert“.

Ihr Bild von ihm änderte sich mit der Entscheidung für die Beziehung. „Das ist zu einem gewissen Grad auch eine Disziplinfrage.“ Und die körperliche Anziehung? „Wir hatten anfangs überhaupt kein Bedürfnis, uns nahe zu sein oder uns zu berühren.“ Sie kannten einander vorwiegend nur aus Seminaren, bevor sie beschlossen, gemeinsame Sache zu machen und sich zu verloben. Das Paar verordnete sich täglichen Sex – „der Appetit kam mit dem Essen.“

Romantik

Dabei war sie jemand, für den Verliebtsein Grundvoraussetzung war. „Aber das Gefühl war nach ein paar Monaten weg. Wenn die Hormone nachlassen, kommt man auf den Boden der Realität zurück und merkt, das ist kein Prinz, sondern auch nur ein Mensch mit Macken.“ Ihre aktuelle Beziehung hat sie ohne rosarote Brille begonnen und „festgestellt, das ist gesünder – wir haben einander von Anfang an so gesehen, wie wir sind“.

Den Glauben an die Romantik hat Wendel nicht verloren, aber Verliebtheit sei für eine gute Beziehung nicht zwingend notwendig. Viel wichtiger sei, ob der Partner die gleichen Wertvorstellungen und Ziele hat. Oft würden Außenstehende besser sehen, ob zwei Menschen zueinander passen. „Unsere Seminarleiterin hat uns den richtigen Schubs gegeben. Wir wollten beide eine Beziehung, ein Baby und beide selbstständig sein – das hat eine starke Verbindung gebaut.“

Wendel ist überzeugt, dass Online-Partnerbörsen funktionieren, bei denen Singles zunächst nach Werten und Einstellungen befragt werden, bevor ihnen passende Partnervorschläge gemacht werden. „Hier werden viele Themen im Vorfeld abgeklärt – das Problem ist nur, dass viele den möglichen Partnern keine Chance geben. Bei dieser Shopping-Mentalität trifft man sich und wenn man sich nicht gleich verliebt, geben die meisten zu schnell auf.“ Auf den Richtigen zu warten, kann falsch sein, meint Wendel, die mit Ende 30 Torschlusspanik hatte und die Möglichkeit für Kinder nicht verpassen wollte.

Ob’s hält, bleibt spannend. Der legendären Hollywood-Schauspielerin Bette Davis (vier Ehemänner) fiel dazu nur folgendes ein: „Eine Vernunftehe ist nicht selten ein Geschäft, bei dem sich beide verrechnen.“

Buchtipp:"Wie wär's mit uns beiden" von Susanne Wendel und Frank-Thomas Heidrich, erschienen beim Horizon Verlag um 15,90€

Es braucht Verliebtheit, um sich zu binden

„Verliebtheits-Ehen gibt es erst seit etwa 200 Jahren und in manchen Kulturen gar nicht – es wäre schade, wenn wir dieses Privileg schon wieder abschaffen würden“, sagt die Imago-Therapeutin Evelin Brehms zur neu entfachten Idee der Vernunftehe. „Eine Frau mit Torschlusspanik sucht sich jemanden, um sich fortzupflanzen – das ist ein sehr traditionelles und trauriges Modell. Da bin ich wieder im 19. Jahrhundert.“

Gerade die Verliebtheit habe den Sinn, dass man sich bindet, unangenehme Seiten des anderen nicht sieht und das später besser aushält. Außerdem würde nicht nur eine Vernunftehe eine bewusste Entscheidung benötigen – auch jemand, der verliebt ist, entscheidet sich dafür, einen gemeinsamen Weg zu gehen. „Zuerst ist die erotische Anziehung da und dann schaut man, ob die Vernunftebene zusammenpasst. Auch da braucht es eine Vereinbarung sich aufeinander einzulassen.“

Für Brehms ist es eine Illusion zu sagen, bei einer Vernunftehe würde man keine Erwartungen in den anderen projizieren. „Denn auch die Entscheidung für diesen Partner ist eine Projektion, dass es mit ihm funktionieren könnte.“ Die Ausgangsbasis sei dieselbe: Das Paar kennt sich nicht und lässt sich aufeinander ein – egal, ob man aus pragmatischen Gründen eine Bindung eingeht oder weil man sich romantisch verliebt hat. Nur mache Letzteres mehr Spaß. „Dementsprechend glaube ich nicht, dass eine Vernunftehe besser funktionieren kann als eine Ehe aus Liebe – 15 Jahre Paartherapie sagen mir da einfach etwas anderes“, sagt Brehms.

Lange BeziehungenUntersuchungen hätten außerdem gezeigt, dass Menschen, die lange Zeit miteinander zusammen sind, so gut wie nie übereinstimmen. „Es hat sich immer einer der Entscheidung des anderen unterworfen. Es geht also mehr um die Fähigkeit, sich abzustimmen, als übereinzustimmen.“ Jede Beziehung brauche Konflikte und Reibungsfläche. Auch die gemeinsamen Werte werden laut Brehms in romantischen Beziehungen im Normalfall abgestimmt. „Man verliebt sich ja nicht in jemanden, der konträre Werte hat.“

Für die Suche nach einem Partner brauche es gesunden Menschenverstand, etwas Erotik, Bindungshormone – die Sympathie muss passen. „Wenn das alles stimmig ist, dann würde ich mich auf das Abenteuer einer gemeinsamen Zukunft einlassen. Es wäre schade, würden wir die Romantik abschaffen.“

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