Die Geheimnisse der Wiener Unterwelt

Gipskeller der Hofburg
Foto: KURIER/Gilbert Novy Stumme Kellerbewohner in der Hofburg: Gipsmodelle der Ringstraßen-Architekten

Keller, die tiefer sind als die Häuser oben drüber hoch. Labyrinthe, die längst noch nicht alle ihre Geheimnisse preisgegeben haben. Kanäle, Gruften, Katakomben. Eine Entdeckungsreise durch das unterirdische Wien.

Einmal im Jahr bekommen Kaiserin Sisi und ihre  Mitbewohner, Wolfgang Amadeus Mozart, dessen Torso sich auf einem Polster räkelt, der österreichische Doppeladler mit dem stechenden Blick, der grimmige Drachentöter und die barbusigen Jungfrauen, die Dichter, Denker, Fürsten, Kaiser und Könige, Besuch.

Gipskeller der Hofburg Foto: KURIER/Gilbert Novy

Wenn am Tag des Denkmals das Gipsdepot unter der Hofburg öffentlich zugänglich gemacht wird (das nächste Mal am 30. September 2018). Den Rest des Jahres verbringen die Figuren in Stille tief unter dem Leopoldinischen Trakt der Wiener Hofburg. Es sind die Gipsentwürfe der Bildhauer und Architekten für die Prunkbauten der Ringstraße, die hier gelagert werden  – und damit ein Teil des unterirdischen Wiens. Jener "zweiten Stadt", die  sich den Blicken flüchtiger Besucher entzieht, deren Geheimnisse sich nur  mit  Beharrlichkeit enthüllen lassen.

Keller Stephansdom, Unterirdisches Wien… Foto: Kurier/Juerg Christandl Totenruhe: Katakomben unter dem Stephansdom

Tatsächlich  entfaltet sich  unter der Stadt ein Labyrinth von Kellern, bis zu vier Stockwerke tief, und Gängen, die  teilweise miteinander verbunden sind. Nicht  nur die Innenstadt ist unterminiert, auch unter Schloss Schönbrunn wurden Versorgungsgänge gegraben. Dass es allerdings eine unterirdische Verbindung von der früheren Kaiserresidenz bis in die Hofburg in der Innenstadt gibt, ist nur ein Gerücht – auch wenn es sich hartnäckig hält. Die Existenz eines Ganges unter der Erde zwischen dem Bundeskanzleramt am Ballhausplatz und der Hofburg, ist hingegen  seit der Angelobung der Regierung Schüssel im Jahr 2000 allgemein  bekannt.

Augustinerkeller, Unterirdisches Wien… Foto: Kurier/Juerg Christandl Weinausschank schon zur Zeit der Türkenbelagerung: Esterhazykeller

Der Großteil der Wiener Unterwelt entstand nach den Türkenbelagerungen 1529 und 1683. Da wurden unterirdische Zisternen und Lagerräume angelegt, um künftige Bedrohungen besser überstehen zu können. Aus dem  Zweiten Weltkrieg existieren immer noch Wegweiser, die den Schutzsuchenden unter der Erde Orientierung bieten sollten.   

Platz für Genuss

Doch es wäre nicht Wien, wenn viele der Keller nicht auch dem Genuss dienten. So wurden die Räume des heutigen Gipskellers unter der Hofburg bis zum Ende der Monarchie als Alkoholdepot des Kaisers genutzt. Im  Esterházykeller im Haarhof, gleich  ums Eck von der Naglergasse Richtung Wallnerstraße, wird seit 1683 Wein ausgeschenkt. Zunächst gratis an die Soldaten, um den Kampfeswillen der Verteidiger  im Einsatz gegen die  Türken zu stärken, seit Anfang des 19. Jahrhunderts und bis heute an die zahlende Kundschaft. Drei Geschoße tief sind die Keller dort, die unterste Etage wurde allerdings im Zuge des U-Bahn-Baus zugeschüttet.

Augustinerkeller, Unterirdisches Wien… Foto: Kurier/Juerg Christandl

Vier Ebenen unter der Erde: Weinhandlung Haas&Haas in der Ertlgasse

Noch tiefer runter geht es in der Ertlgasse nahe der Rotenturmstraße: Vier Stockwerke oder 60 steile Stufen. Passenderweise betreibt hier Haas & Haas eine Wein- und Delikatessenhandlung. In Brandauers Schlossbräu am Hietzinger Platz wiederum ruht ein riesiger Keller mit allen Gerätschaften, die es früher für einen Kühlkeller brauchte, wie im Dornröschenschlaf.
Die Unterwelt ist aber auch das Reich der Toten. Die Katakomben unter dem Stephansdom, entstanden  im Zuge des Dombaus, sind ein weitläufiger unterirdischer Friedhof. Dort ruhen allerdings nicht, wie hartnäckig tradiert, die Opfer der Pest in Wien, sondern erst lang danach wurde hier mit  Bestattungen begonnen. 

Kapuzinergruft Foto: KURIER/Gilbert Novy

Hier ruhen die Habsburger: Kapuzinergruft

Bischöfe und Domherren haben  hier ihre letzte Ruhestätte, in einer Nische stehen 76 Urnen mit Eingeweiden  von Habsburgern. Denn die wurden ja gleich dreifach bestattet: eben im Stephansdom, die Herzen in der Augustinergruft und die Leichname in der Kapuzinergruft.

Michaelerkirche Katakomben Michaelergruft… Foto: /Pfarre St. Michael/B. Lorsbach Gruselig: Der Sarg des Dichters Metastasio in der Michaelergruft

Manche Geheimnisse der Wiener Unterwelt werden erst nach und nach gelüftet. Zum Beispiel in der  Michaelergruft: Dort tauchte unlängst die Rechnung für Mozarts Totenmesse auf. Der stattliche Betrag widerlegte die Fama, dass der Komponist bei seinem Tod arm wie eine Kirchenmaus gewesen sei.
Wiens bekanntester und wohl auch weitläufigster Teil der Unterwelt ist das Kanalnetz. Schuld daran ist „Der 3. Mann“, Spionagethriller aus der Nachkriegszeit, der zum Welterfolg wurde.

Studio Publicity Still The Third Man Orson Welles Foto: imago/Cinema Publishers Collection/imago stock&people Weltberühmt, nicht nur in Österreich: Der dritte Mann. Orson Welles floh durch den Kanal

Zwischen Mai und Oktober waten tausende Einheimische und Touristen auf Orson Welles’ Spuren. 2.500 Kilometer lang ist die Kloake Wiens, bei trockenem Wetter verschlingt sie eine halbe Milliarde Liter Abwasser täglich, bei Regen drei Mal so viel.
Alles im Fluss also in Wiens Unterwelt.

freizeit.at-button

(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?