Leben
08.08.2017

Des-pa-ci-to: Wie aus Liedern Sommerhits werden

Vier Silben dominieren seit Wochen die internationalen Charts. Ein allgemein gültiges Rezept für Sommerhits gibt es nicht – aber einige wichtige Zutaten.

Diesen Sommer teilt sich die Menschheit in zwei Gruppen: die, die beim Erklingen von "Despacito" augenblicklich ihre Hüften kreisen lässt. Und die, die nach dem zweiten Takt entnervt den Radiosender wechselt. Ja, an der puerto-ricanischen Tanz-Nummer von Luis Fonsi und Daddy Yankee – deren Titel übrigens "Immer mit der Ruhe" bedeutet – kommt derzeit niemand vorbei. Seit Ende April (!) steht sie an der Spitze der heimischen Charts und heimst seitdem einen Superlativ nach dem anderen ein. Kürzlich wurde das Feelgood-Lied sogar zum Politikum, weil der venezolanische Präsident damit für seine umstrittene Verfassungsreform warb – was Luis Fonsi gar nicht passte.

Bei so viel Tamtam also wenig überraschend, dass das deutsche Marktforschungsinstitut GfK Entertainment "Despacito" zum offiziellen Sommerhit des Jahres 2017 erkor. Was aber braucht es, damit sich ein Lied den begehrten Titel " Sommerhit" umhängen darf? Laut GfK eine eingängige Melodie, einen Rhythmus, der sich zum Tanzen eignet sowie hohe Abrufe auf Streaming-Portalen und bei Social-Media-Plattformen ("Despacito" ist übrigens der meistgestreamte Song aller Zeiten). Außerdem muss er Urlaubsstimmung verbreiten, in den Clubs rauf und runter gespielt werden, auf Platz 1 der Charts stehen und von einem Künstler stammen, der in den Jahren zuvor keine großen Charterfolge feiern konnte. Oder können Sie sich an einen zweiten Hit von Lou Bega oder Las Ketchup erinnern?

"Der Sinn der Sache ist klar", fasst Volkmar Kramarz von der Uni Bonn den "Despacito"-Hype zusammen: "Ungetrübtes Dancing in der Beach-Disco. Das wird unterstützt durch Meeresrauschen, mediterran-karibische Rhythmik und eine professionell-angenehm produzierte Klangwelt." Der Musikwissenschaftler forscht seit Jahren zu der Entstehung von Hits. "Ein Sommerhit", sagt er, "ist entweder ein Song, der im jeweiligen Sommer super erfolgreich ist – und vielleicht gar nichts mit dem Sommer an sich zu tun hat –, oder es ist ein sehr erfolgreiches Stück, das Urlaubsstimmung und relaxtes Feeling herbeizaubert." Bestes Beispiel: das entspannt dahinplätschernde, nicht wirklich tanzbare " Bacardi Feeling" von 1991.

Dorito, Dorito

Als Mutter aller Sommerhits gilt im Übrigen "Itsy Bitsy Teenie Weenie" (1960). Zehn Jahre später brachte Mungo Jerry "In The Summertime" heraus, mit 23 Millionen verkauften Platten der erfolgreichste Sommersong aller Zeiten. Vor 40 Jahren handelten die Hits der heißen Jahreszeit also auch von selbiger – was heute heute nicht mehr zwingend der Fall ist ("Despacito" beschreibt die laaangsame Verführung einer Frau). Auch sonst hat sich einiges verändert, weiß Kramarz: "Die Grundkonstruktion bleibt gleich, aber das ‚Sommer-Muster‘ passt sich dem jeweiligen Soundgeschmack an.""In The Summertime" spiegelt den Festival-Sound der Sechziger wider, "Lambada" klinge schon mehr nach modernen Zeiten, weit weg vom einstigen Hippie-Geist. "Jede Epoche, jede Generation, jeder Jahrgang hat eigene ästhetische Vorstellungen – auch bei den Abtanzhits im Urlaub."

Nachdem die jüngsten Sommerhits von DJs aus dem Genre der elektronischen Tanzmusik kamen, ist mit "Despacito" erstmals seit 15 Jahren wieder ein spanischsprachiger Latinopop-Titel angesagt. "Fast alle Sommerhits sind englischsprachig", sagt Kramarz, "Spanisch hat natürlich, wie Italienisch oder Portugiesisch, den südlichen Heimvorteil und kann als Urlaubshymne erfolgreich sein."

Dass nur wenige den Text mitsingen oder gar verstehen können, tut dem Erfolg von Sommerhits keinen Abbruch (Sie erinnern sich an "Dragostea din tei"?). Sogar Profis kämpfen zuweilen mit der ungewohnten Sprache: Justin Bieber, der "Despacito" mit einem Remix zum Mega-Erfolg verhalf, sollte den Hit in einem Club singen – und brachte statt der spanischen Textzeile nur "I don’t know the words so I say Dorito" heraus. Nun ja – gute drei Wochen hat er noch.

Die offiziellen Sommerhits seit 1990

1990 – MC Hammer: U Can’t Touch This

1991 – Kate Yanai: Bacardi Feeling (Summer Dreamin’)

1992 – Dr. Alban: It’s My Life

1993 – Culture Beat: Mr. Vain

1994 – Prince Ital Joe feat. Marky Mark: United1995 – Scatman John: Scatman’s World

1996 – Los del Río: Macarena

1997 – Bellini: Samba de Janeiro

1998 – Loona: Bailando

1999 – Lou Bega: Mambo No. 5

2000 – ATC: Around The World (La La La La La)

2001 – Dante Thomas feat. Pras: Miss California

2002 – Las Ketchup: The Ketchup Song (Aserejé)

2003 – Buddy vs. DJ The Wave: Ab in den Süden

2004 – O-Zone: Dragostea din tei

2005 – US5: Maria

2006 – Gnarls Barkley: Crazy

2007 – Culcha Candela: Hamma!

2008 – Katy Perry: I Kissed a Girl

2009 – Emilíana Torrini: Jungle Drum

2010 – Yolanda Be Cool & DCUP: We No Speak Americano

2011 – Alexandra Stan: Mr. Saxobeat

2012 – Lykke Li: I Follow Rivers

2013 – Avicii: Wake Me Up

2014 – Lilly Wood & the Prick: Prayer in C ( Robin Schulz Remix)

2015 – Felix Jaehn feat. Jasmine Thompson: Ain’t Nobody

2016 – Imany: Don’t Be So Shy (Filatov & Karas Remix)

2017 – Luis Fonsi feat. Daddy Yankee: Despacito

We Are Young

Mit Musik kennt sich die 20-jährige Ex-Song-Contest-Teilnehmerin aus. "Mein Lieblingssommerhit aller Zeiten ist 'We Are Young' von der Band Fun." Das Lied war zwar schon im September 2011 veröffentlicht worden, lief allerdings auch im Sommer 2012 noch non stop im Radio. "In diesem Sommer war ich mit meinen zwei besten Freundinnen und meiner Familie in Südfrankreich. Es gibt diese eine Szene, an die ich mich erinnere: Wir saßen zu dritt auf der Rückbank im Auto und das Lied kam auf einmal im Radio. Da haben wir alle drei bei offenen Fenstern aus vollem Herzen mitgegrölt. Seitdem ist das unser Song, der mich immer wieder in diese Zeit zurückversetzt."

Can't Stop The Feeling

Den Sommer verbringt der Ex-Dancing-Star am liebsten mit seiner Familie in einem kleinen Häuschen an einem Badesee nahe Wien – so auch im vergangenen Jahr. "Seitdem bekomme ich ‚Can’t Stop The Feeling‘ von Justin Timberlake nicht mehr aus dem Kopf", sagt der Vater zweier Söhne. "Die Kinder haben den Song rauf und runter gesungen, er war ja auch die Titelmelodie vom Animationsfilm ‚Trolls‘. Er wurde geträllert und gehört, wann immer wir zum See und zum Stand-up-Paddling gefahren sind. Das Lied erinnert mich durch und durch an die schöne Zeit mit der Familie." Nach dem Rücktritt von Ehefrau Eva Glawischnig gibt es in diesem Sommer hoffentlich noch mehr davon.

Paradise City

Aktuell begeistert die Mutter einer kleinen Tochter in der Amstettner Erfolgsproduktion "Hair"– ihr liebster Sommersong hat mit Musical aber nichts zu tun. "Mein persönlicher Sommerhit ist Paradise Cityvon Guns n’ Roses", erzählt die gebürtige Hamburgerin. Als der rockige Ohrwurm veröffentlicht wurde, war Shaki acht Jahre alt. "In diesem Sommer habe ich mit meinen Eltern einen Roadtrip durch Spanien gemacht. Dieses Lied verbinde ich mit Freiheit, offenen Autofenstern, Sonne und Sand in den Haaren." " Paradise City" wurde eines der erfolgreichsten Lieder der Band und schaffte es in der Liste der 500 besten Songs aller Zeiten des Rolling Stone Magazine immerhin auf Platz 459.

Summer Wine

Der "Metropol"-Chef und Musikexperte muss lange überlegen, bis ihm ein lieb gewonnener Sommersong einfällt. Denn eigentlich hat er nur ein Negativbeispiel im Ohr, wenn er an die heiße Jahreszeit denkt: "Ich kann Ihnen sagen, welches Lied mir im Sommer besonders auf die Nerven geht: ‚All Summer Long‘ von Kid Rock. Das hat mich, wie der Titel schon sagt, damals den ganzen Sommer lang verfolgt und genervt." Zwei Sommerlieder haben es Hofbauer, der am Konservatorium Wien unterrichtet, aber doch angetan: "Ich mag Summer In The City von Joe Cocker und Summer Wine in der Version von The Corrs und Bono. Eine hübsche Ballade mit schönen Sprachbildern."

Summertime

"Ach wissen Sie, mit der modernen Musik heutzutage kenn’ ich mich nicht so aus", sagt die Wiener Grande Dame – macht nichts, denn ihr liebstes Sommerlied stammt ohnehin aus einer anderen Zeit. "Den Song ‚Summertime‘ mag ich besonders gerne. Alle sagen jetzt, dass die Sommer in Wien noch nie so heiß waren. Dabei stimmt das gar nicht! Wien war immer bekannt für seine heißen Sommer. Daran muss ich denken, wenn ich dieses Lied höre." "Summertime" (and the Livin’ is easy...) ist die bekannteste Arie aus der Oper " Porgy and Bess" von George Gershwin, die 1935 uraufgeführt wurde. Der jazzige Evergreen wurde öfter gecovert als jedes andere Lied – u. a. von Billie Holiday und Ella Fitzgerald.