Vor 200 Jahren tanzte der Wiener Kongress - daraus entstand der Wiener Walzer

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Jubiläum
12/29/2014

Ein Skandal im Dreivierteltakt

Einst verpönt, ist der Wiener Walzer heute ein Tanz für die Massen. Salonfähig wurde er vor 200 Jahren.

von Julia Pfligl

Was war das für eine Aufregung! Eigentlich sollten im Wiener Kongress, der von September 1814 bis Juni 1815 dauerte, die Grenzen Europas neu festgelegt werden. Wurden sie auch.

Vor allem aber wurde getanzt. Auf unzähligen "Side Events", wie es heute heißen würde, also Bällen abseits der Verhandlungen. Und zwar anders als zuvor – enger, schneller, leidenschaftlicher. Erstmals wurde die geschlossene Haltung den ganzen Tanz über beibehalten, der Partner eng umschlungen. Da war Empörung vorprogrammiert, erzählt Birgit Jung, Leiterin der Tanzschule Arthur Murray und Veranstalterin der Wiener Walzer Weltmeisterschaft. "Noch nie war man einander beim Tanzen so nahe gekommen. Der Walzer war ein tänzerisches Spiel von Werben, Umkreisen, Fliehen und Fangen des Partners. Vor 1770 hatten einander beim Tanzen meist nur die Hände berührt."

1814, vor genau 200 Jahren, wurde der Walzer zum Wiener Walzer – und als solcher doch noch salonfähig. "Dass der Wiener Kongress Walzer tanzte, zeigt, wie sehr sich ein neues Lebensgefühl durchgesetzt hat", so Jung. "Der Sieg des Walzers war ein Sieg des Volkes."

Schnelle Drehung

Erstmals erwähnt wurde der Walzer allerdings schon 60 Jahre vor dem Wiener Kongress. "Walzen umatum" heißt es in einer Alt-Wiener Volkskomödie – angelehnt an das deutsche Wort "waltzen" , was so viel heißt wie "auf Wanderschaft sein". Seit Beginn des 18. Jahrhunderts wurde "sich walzen" als Synonym für "sich drehen" verwendet.

Der Begriff "Walzer tanzen" erklärt sich also durch die drehende Bewegung der Füße. Und die ist – zumindest bei Profitänzern wie Birgit Jung – recht flott. Denn, was kaum jemand weiß: Mit 60 Takten pro Minute ist der Wiener Walzer nach Takten gemessen der schnellste Tanz des Welttanzprogramms.

Walzer-Boom

Wer glaubt, der inoffizielle Nationaltanz der Österreicher habe sich in den vergangenen 200 Jahren nicht weiterentwickelt, irrt. Vor allem die Tanzhaltung hat sich stark verändert, erklärt Jung. "Die Ellbogen des Herren wurden im 19. Jahrhundert locker fallend gehalten, der Dame oft in die Augen geschaut. Diese hatte ihre linke Hand am Kleid, um es hochzuhalten. Heute tanzt man in einer geraden Position und die Köpfe schauen nach links." Auch das Musikrepertoire hat sich erweitert. Neben Klassikern von Johann Strauß, dem "Walzerkönig", wird bei Turnieren und auf Bällen gerne Populärmusik im Dreivierteltakt gespielt.

Trotz seines reifen Alters von 200 Jahren ist der Walzer immer noch sehr beliebt – vor allem bei jungen Tänzern. Die Tanzschule Elmayer bietet jeden Samstag einen Jour fixe für Walzerunterricht. "Die Kurse sind ganzjährig sehr gut besucht", berichtet Thomas Schäfer-Elmayer. "Der Wiener Walzer ist einer der beliebtesten Tänze überhaupt." Daran mag die einfache Choreografie schuld sein. Aber nicht nur, meint Birgit Jung: "Obwohl er seine Wurzeln im bäuerlichen Volkstanz hat, spricht der Walzer alle Schichten gleichermaßen an. Er ist ein Tanz, der die Massen vereint."

Liebe auf den ersten Walzer

Alles begann 1973, in einem Tanzcafé in Klagenfurt. Gottfried Riepl erinnert sich: "Als die Band einen Walzer spielte, hab’ ich zu Evelyn gesagt: Jetzt muss ich aufpassen, dass ich mich nicht in dich verliebe. Sie hat gesagt: ‚Das wär’ ja gar nicht so schlecht.‘ Ab dem Tag waren wir zusammen."

Der Walzer hat dem Paar Glück gebracht. Auch heute tanzen Gottfried (62) und Evelyn Riepl (58) noch gemeinsam, diesen Sommer feierten sie ihren 40. Hochzeitstag – mit zwei Töchtern, Schwiegersöhnen "wie aus dem Katalog" und vier "wunderbaren" Enkelkindern. "Eine ausgesprochen glückliche Verbindung", schwärmt der selbstständige Tischlermeister. "Der Walzer – und generell das Tanzen – hat uns unser ganzes Leben begleitet."

Viele Tanzkurse in Wien und Klagenfurt haben die Kärntner absolviert, Abzeichen in Bronze, Silber und Gold erworben. "Für uns ist Tanzen wie eine Therapie", erzählt Riepl, der mit seiner Frau nicht nur zusammenlebt, sondern auch -arbeitet. "Wenn wir in der Firma Spannungen hatten und am Abend tanzen waren, war alles wieder gut. Man kann nicht tanzen, wenn man verspannt ist. Irgendwann muss man lachen, und dann ist der Druck weg." Am liebsten tanzen die beiden im Dreivierteltakt: "Der Walzer strahlt so eine Lebensfreude aus – die Bewegung, das Schwingen... Wenn man gemeinsam schwingt und im Einklang ist, geht es gut."

Als geweihter Diakon war Riepl viele Jahre als Eheberater tätig. Und hat seinen Paaren immer wieder zum gemeinsamen Tanz geraten. "Tanzen ersetzt oft eine Therapie. Weil man auf den anderen eingehen muss. Man spürt sofort, wenn die Bewegung nicht passt, spürt die Stimmung des anderen." Heute gebe es leider nicht mehr viele Möglichkeiten zum Paartanz, Live-Musik sei vielen Veranstaltern zu teuer. Daher walzt das Ehepaar am liebsten auf Bällen. Und am 31. Dezember, zu den Klängen des Donauwalzers. Ein jährlicher Fixpunkt – "wenn’s sein muss, auch in Skischuhen!"

Bei welchem Walzer vor 41 Jahren der Funke übersprang, weiß Gottfried Riepl nicht mehr – aber er hat eine gute Entschuldigung: "Ich war einfach zu konzentriert auf meine Tanzschritte und auf das Gespräch mit ihr."

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