Der „Star“ des Stammbaumes

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Foto: AP/Robert Clark 1550 Fossilienteile wurden bisher von einem Forscherteam rund um Lee Berger von der University of the Witwatersrand in Johannesburg sichergestellt. Finanziert wird das Projekt von National Geographic

Wie südafrikanische Forscher den Homo naledi, eine neue Menschenart, entdeckten und was den Fund so besonders macht.

Sterkfontein-Höhlen, Südafrika im Oktober 2013: Rick Hunter und Steve Tucker – beide Höhlenforscher  – sind wie so oft dabei, das ausgedehnte Karst-Höhlensystem zu sondieren. Plötzlich bemerken sie einen bisher unbekannten  Höhleneingang. Und sind elektrisiert.  Die Höhlen nahe Johannesburg werden nicht umsonst als „Wiege der Menschheit“ bezeichnet. Viele Vormenschen-Knochen wurden hier bereits entdeckt.

University of the Witwatersrand, homo naledi… Foto: /University of the Witwatersrand Doch es gibt ein Problem. Vom Eingang aus (Bild) führt ein zwölf Meter tiefer Schacht beinahe senkrecht nach unten. An einer Stelle verengt sich die Höhle auf   18 Zentimeter – viel zu eng, als dass einer der Wissenschafter hätte hindurchklettern können.

Lee Berger, Anthropologe an der Universität Witwatersrand, wird zum Leiter der Expedition bestellt. Und er hat eine Idee: Via Facebook sucht er weltweit  nach filigranen, gelenkigen Frauen, die sich durch die Engstelle winden können.  Weitere Voraussetzungen: Sie sollen erfahrene Kletterinnen sein und  den entsprechenden wissenschaftlichen Hintergrund haben. Der Plan geht auf.

University of the Witwatersrand, homo naledi… Foto: /University of the Witwatersrand (3)

Sechs zierliche Forscherinnen aus den USA, Kanada und Australien (Bild) wollen sich in den geheimnisvollen Schacht wagen.

Der Abstieg in die 30 Meter unter der Oberfläche liegende Rising-Star-Höhle dauert 40 Minuten. Marina Elliott, eine der sechs, sagt, es seien die schwierigsten und gefährlichsten Bedingungen gewesen, die man je bei der Suche nach den menschlichen Ursprüngen vorgefunden hätte (Bild unten).

University of the Witwatersrand, homo naledi… Foto: /University of the Witwatersrand Doch die Mühe hat sich gelohnt: Die Wissenschafter entdecken mehr als 1550 Fossilien-Teile – den bisher größten zusammengehörigen Fund fossiler menschlicher Überreste auf dem afrikanischen Kontinent. Jetzt haben die Forscher  auch noch bekannt gegeben, dass  sie glauben, die Fossilien gehören einer neuen Menschenart an.


Mini-Gehirn

Homo naledi wurde sie nach der Rising-Star-Höhle benannt – „naledi“ bedeutet „Stern“ auf Sosotho, einer in der Region gesprochenen Sprache. „Und er ähnelt den frühesten  Vertretern unserer Gattung, zeigt aber auch einige überraschend menschenähnliche Eigenschaften, die ihm seinen Platz innerhalb der Gattung Homo sichern“, analysiert der US-Anthropologe John Hawks. „Homo naledi hatte ein winziges Gehirn von der Größe einer Orange und einen sehr grazilen Körperbau.“ Er brachte es nur auf  etwa 1,50 Meter und 45 Kilogramm.

Menschen-Mix

Der Auswertung der Forscher ist zu entnehmen, dass es sich um einen noch ungewöhnlichenVertreter der Gattung Homo handelt: Der zierliche Homo naledi wirkt auf Grund seiner teils sehr archaischen, teils sehr modernen Merkmale wie ein evolutionäres Puzzle wirkt. "Das ist eine höchst seltsame Kombination von Merkmalen", sagt Anthropologe John Hawks. So hatten Vertreter der Art offenbar recht menschenähnliche Füße, aber ihr Gehirn erinnert in seiner geringen Größe eher an Australopithecinen – es hat gerade einmal das Volumen einer Orange und liegt damit außerhalb der Spannweite, die von frühen ostafrikanischen Vertretern der Gattung Homo bekannt ist, wie etwa dem Homo habilis oder dem Homo rudolfensis.

Auch die Hände und Handgelenke wirken modern, die gebogenen Finger dagegen erinnern an nichtmenschliche Primaten und könnten, ebenso wie seine Schultern, beim Baumklettern geholfen haben. „Seine Hände konnten Werkzeuge benutzen“, meint Tracy Kivell vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Überraschenderweise sind die Finger von Homo naledi stärker gebogen als die der meisten anderen frühen Hominiden. Das deutet darauf hin, dass er klettern konnte.“ „Im Gegensatz dazu sind seine Füße kaum von denen eines modernen Menschen zu unterscheiden“, ergänzt US-Anthropologe William Harcourt-Smith. Genau wie seine langen Beine sind sie ein Indiz dafür, dass er lange Strecken zurücklegen konnte.

Human Evolution HFR Foto: dapd/Lee Berger „Diese Kombination unterscheidet ihn von allen bisher bekannten Menschenarten“, resümiert Teamleiter Berger (Bild).
Woher die Forscher das wissen? „Wir haben alles gefunden, von Babys über Teenager und Erwachsene bis Alte; mehr als sich irgendjemand vorstellen konnte. Fast alle Knochen liegen mehrfach vor, sodass Homo naledi uns bereits jetzt  besser bekannt ist, als alle anderen fossilen Vertreter unserer Abstammungslinie“, sagt Berger.   Und er kann das einschätzen, hat er doch bereits 2008 mit Australopithecus sediba eine neue Vormenschenart entdeckt.

Alter unbekannt

Einzig über das Alter wird noch  gerätselt:  Sollten die Knochen etwa zwei Millionen Jahre alt sein, würde es sich um den ältesten Homo handeln, von dem sich mehr als ein Fossil erhalten hat. Sind die Knochen jünger als eine Million Jahre würden sie belegen, dass damals gleich mehrere Menschenarten nebeneinander im südlichen Afrika lebten. Die Knochen zeigen keinerlei Spuren von Aasfressern und Raubtieren.  „Wir sind zahlreiche Szenarien durchgegangen – beispielsweise ein Massensterben; ein unbekanntes Raubtier; den Transport von einem anderen Ort in die Kammer mithilfe von Wasser oder den Unfalltod in einer Todesfalle“, sagt Berger. „Als plausibelste Variante blieb nur die bewusste Beseitigung der Toten durch Homo naledi.“ Doch: Toten-Bestattungen hatte man bisher nur dem modernen Menschen zugeschrieben – eine weitere Besonderheit dieses Fundes.

Und wenn wir schon bei Besonderheiten sind: Die ersten Ergebnisse über Homo naledi wurden nicht in den renommierten Wissenschaftsmagazinen "Nature" oder "Science" veröffentlicht, die sich mit der Studie sicher gerne geschmückt hätten, sondern im frei zugänglichen eLife.  Auch die Erforschung des neuen Verwandten ist ein Musterbeispiel für Open Access und Nachwuchsförderung – 35 Jungforscher sind mit dabei.

Bisher hat das Forschungsteam die Überreste von mindestens 15 Individuen derselben Art geborgen. Doch Lee Berger ist überzeugt: „Diese Kammer hat noch nicht all ihre Geheimnisse preisgegeben. Es befinden sich dort unten möglicherweise noch hunderte, wenn nicht sogar tausende Überreste von Homo naledi“.

Skepsis bei Kollegen

Natürlich melden sich bereits Kritiker: So meint ein Schweizer Anthropologe zwar, dass das Material fantastisch sei‚ die Interpretation aber  fragwürdig. Dass eine neue Art gefunden wurde, die zudem auch noch ihre Toten beerdigte, sei eine tolle Geschichte. Doch die Knochen zeigten „verblüffende Übereinstimmungen“ mit Fossilien des frühen Homo erectus, die in Georgien gefunden wurden. Wahrscheinlich seien die Knochen aus der Höhle dieser Art zuzuordnen. Es sei fatal, Hinweise so vorschnell überzuinterpretieren.

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