Leben
02.07.2017

So gelingen die perfekten Ferien

Wie die Auszeit unvergesslich wird, warum Kinder Langeweile brauchen – plus Ideen für eine kostengünstigere und sichere Betreuung.

Juhu, Ferien! Das Beste an der schulfreien Zeit: Die Kinder müssen nicht pünktlich um acht Uhr in der Klasse sitzen, der Wecker darf endlich pausieren. Schluss mit mühsamen Hausübungen, schweren Schultaschen, strengen Lehrern und Termindruck. Endlich kein Hamsterrad für Kinder und Eltern mehr.

Die Verschnaufpause brauchen viele Kinder dringend, sagt der renommierte Kinderarzt Remo Largo in seinem neuen Buch "Das passende Leben": "Kinder werden verunsichert und ängstlich, weil sie spüren, dass sie die Erwartungen der Eltern und Lehrer nicht erfüllen können. Das wiederum kann dazu führen, dass sie selbst nicht jene Leistungen erbringen, zu denen sie eigentlich fähig wären. Der Druck von Familie und Gesellschaft auf die Kinder ist so groß geworden, dass manche Kinder in ihrer Entwicklung langfristig beeinträchtigt werden." Erst diese Woche zeigte eine Studie, dass drei Viertel der Kinder – meist stressbedingt – unter Kopfschmerzen leiden.

Was heute oft fehlt

Seit seinem Bestseller "Babyjahre" vor 24 Jahren folgen Eltern dankbar Remo Largos Ratschlägen. Nun hat der 73-Jährige sein letztes Buch geschrieben und analysiert darin, worunter Kinder und Erwachsene leiden: "Wir leben nicht mehr in kleinräumigen, übersichtlichen Lebensgemeinschaften und eingebettet in die Natur, sondern in einer Gesellschaft, die es in dieser Form erst seit 200 Jahren gibt." Was heute fehlt? "Das Großziehen der Kinder war in der Vergangenheit Aufgabe der Familie und der Gemeinschaft. Kinder entwickelten sich, indem sie mit Menschen unterschiedlichen Alters zusammenlebten, die ihnen als Vorbilder dienten. So eigneten sie sich die Regeln des sozialen Umgangs an." Mit seinen Überlegungen spricht Largo Hedwig Wölfl vom Kinderschutzzentrum Möwe aus der Seele: "Gemeinsame Zeit ist die Mangelware unseres modernen Arbeits- und Schulalltags – das Einander-Zeit-Schenken wird in den Ferien zum kostbaren Erlebnis- und Erinnerungsgut. Davon profitieren tragfähige Eltern-Kind- sowie Geschwister-Beziehungen", erklärt sie.

Familien-Erinnerungen

Nur so entsteht das verbindende Wir-Gefühl in einer Familie, betont auch der Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, Christoph Hackspiel: "Wenn Kinder von schönen Ferien berichten, und Erwachsene von schönen Erlebnissen aus ihrer Kindheit erzählen, hat das eigentlich immer mit zwei Themen zu tun: unbeaufsichtigte Freiräume für Abenteuer, Spiel und Spaß mit Gleichaltrigen sowie entspannte, vom alltäglichen Leistungsdruck losgelöste Zeiten mit den Eltern. Eine Zeit, frei von gegenseitigem Erwartungsdruck und Nörgeleien, möglichst mit Phasen ohne Fernsehen und Internet."

Gerade in den Sommerferien sind kreative Konzepte gefragt, denn die Eltern stöhnen unter der finanziellen Belastung der Kinderbetreuung, zeigt eine Umfrage von Akonsult. 68 Prozent der Kinder verbringen Zeit bei Oma und Opa. 60 Prozent der Eltern bleiben selbst zu Hause. Oft schauen Kindermädchen (19 Prozent) oder Freunde (17 Prozent) auf die Kinder. Teuer werden Hort (14 Prozent) und Sommerlager. Rund 400 bis 600 Euro pro Kind geben Eltern für die Betreuung in den Sommerferien aus. Ein Drittel der Ausgaben geht für Sommercamps drauf, so eine Umfrage der Arbeiterkammer Steiermark. Kein Wunder, dass die Hälfte der Eltern die Ferien laut Akonsult für zu lange hält. Mehr BezugspersonenIm Sinne von Remo Largo sollten Eltern stattdessen den Kreis an Bezugspersonen vergrößern. Die Großeltern sind der Klassiker – und bereits im Einsatz. Sie sind mehr als nur eine Kinderbetreuung, sondern eine wichtige Bereicherung im Leben eines Enkels. Eine Ferienwoche im alten Kinderzimmer der Eltern sorgt für starken Familienzusammenhalt und bringt mehr Verständnis der Generationen.

Für kinderlose Tanten, die sich gerne um die Kleinen kümmern, gibt es sogar eine moderne Bezeichnung, die dem Zeitgeist mehr entspricht als Patentante: „Professional aunt, no kids“, abgekürzt „Pank“. Auch Onkel und Freunde springen bei diesem Trend ein: Ein Tag mit Kindern im Freibad macht ungebundenen Erwachsenen mehr Spaß, als gestresste Eltern annehmen würden. Und für Buben in der Frühpubertät kann ein Gespräch mit einem anderen Mann als seinem Vater durchaus erhellend sein.
Wer schon Geld für die Betreuung ausgeben muss, kann die Kosten eines Kindermädchens mit anderen Familien teilen. Das macht die Kinder und die Geldbörse glücklich. An den weiteren Tagen kann man sich mit den Eltern abwechseln. Wer einen Freund zu Besuch hat, lässt Papa eher am PC arbeiten.

Kinder in der Arbeit

Auch Arbeitgeber nehmen sich des Ferien-Dilemmas an. So bietet die Bank Austria für Mitarbeiterkinder günstige Feriencamps im eigenen Sportzentrum an, und T-Mobile teilt Tage ein, an denen Mitarbeiter ihre Kinder ins Büro mitbringen dürfen. Da beaufsichtigen Betreuer den Nachwuchs, und zu Mittag treffen Kinder und Eltern einander in der Kantine. Im Sommer gibt es eine Woche Ausflugsprogramm. Auch kleinere Unternehmen können flexibel sein: Den Vormittag mit einem Buch oder einem anderen Mitarbeiterkind im Büro zu verbringen, ist eine gute Vorbereitung auf die Arbeitswelt. Meist setzen Eltern sich unter Druck, den Kindern ständig Aktivitäten zu bieten, damit keine Langeweile aufkommt. Nicht nötig, findet möwe-Chefin Wölfl: „Diese Auszeit aus dem Alltag ist eine Chance für Kinder und Jugendliche, sich selbst kennenzulernen. Dabei kann das Gefühl der Langeweile – oder des ziellosen Treibenlassens – zu Kreativität führen.“

Zeit im Grünen tut Kindern besonders gut, betont Largo: „Kaum ein Kind zieht sein Zimmer, auch wenn es mit Spielzeug noch so vollgestopft ist, dem Spiel mit anderen Kindern in der freien Natur vor. Die Natur übt eine starke Anziehungskraft auf Kinder aus. Wahrscheinlich weckt sie in ihnen 100.000 Jahre alte Lernimpulse, die sie für ihre Entwicklung brauchen.“


Die coolsten Feriencamps

Fußball oder Reiten – das ist das typische Feriencamp für Kinder. Für Abwechslung gibt es Angebote mit Abenteuer- oder Coolness-Faktor als gute Gelegenheit, neue Interessen zu probieren und seltene Hobbys auszugraben. Manche Kinder schlafen lieber daheim und haben nur tagsüber Programm. Andere genießen die Auszeit von den Eltern – für alle ist das ein Entwicklungsschritt. Wichtig ist, dass die Eltern die Gruppenleiter persönlich kennenlernen, rät das Kinderschutzzentrum Möwe, und dass das Kind weiß, an wen es sich bei einem Problem oder einer unangenehmen Gruppendynamik wenden kann.

Coding & Roboter

In Zukunft werden vielleicht Roboter auf die Kleinen aufpassen, jetzt können Kinder schon lernen, wie sie mit den schlauen Maschinen umgehen. Beim DaVinci-Sommercamp in Wien bauen die sie eigene Roboter und programmieren sie (www.davincilab.at/sommercamp).

Graffiti & Design

An der Legalitätsgrenze bewegt sich das Sommercamp "Street Art": Dort entwickeln Kinder ihren eigenen Graffiti-Stil und ihre persönliche Unterschrift an der Wand und sie lernen, welche Mauern sie überhaupt besprayen dürfen. Nebenan können kleine Designer eine Woche lang ein Kleidungsstück entwerfen und selbst nähen (www.kids4sport.at).

Tanz & Bewegung

Eine gute Ergänzung für die coolen Großstadt-Kids ist "Street Dance": HipHop, Breakdance und Streetdance schon ab fünf Jahren (www.bigsmileclub.com/kids).

Ab in die Natur

Eine Woche im Wald ist eine Abwechslung für Stadtkinder: Im "Bunten Dorf" im Waldviertel verbringen Kinder eine Woche oder zwei Wochen im Zelt (www.dasbuntedorf.at). Das Camp der "Waldläuferbande", bei dem die Kinder im Burgenland wie ein Naturvolk leben, ist schon ausgebucht (www. waldlaeuferbande.at/sommercamp). Viele Kinder machen ihre Outdoor-Erfahrungen ohne Eltern mit den Pfadfindern.

Holli Knolli als Ferienbegleiter

Wer Aktivitäten mit seinen Kindern plant, hat im Sommer eine Menge Auswahl. Das Ferienspiel in Wien mit seinem Maskottchen HolliKnolli hat Tradition: Hunderte Angebote gibt es in ganz Wien, viele davon kostenlos. Die Kinder haben in der Schule die Broschüren für 6 bis 10 Jahre oder für 10 bis 13 Jahre erhalten. Wer sie nicht hat, kann sich unter www.ferienspiel.at einen Überblick verschaffen und in der wienXtra-kinderinfo im Museumsquartier einen Ferienspielpass holen. Manchmal ist auch eine Anmeldung erforderlich. Restplätze für die KinderUni gibt es bis 6. Juli.

Heute, Sonntag, findet von 14 bis 19 Uhr das Ferienstart-Fest im Donaupark Wien mit Bühne und Stationen statt (www.ferienspiel.at). Beim Lesefest im Rathaus (10 bis 18 Uhr) warten 40.000 Gratis-Bücher auf Leser (www.lesefest.at)