Leben
21.10.2017

Essstörungen: Magersucht dank Social Media?

Eine Studie deckt die problematische Selbstdarstellung essgestörter Frauen im Internet auf.

Jess trägt Jeansshorts und eine Oversize-Bluse. Der Kragen des Oberteils ist zur Seite geschoben und fällt über ihre knochigen Schultern. Ihr Schlüsselbein ragt weit heraus, ihre Oberschenkel wirken dünn und drahtig. Sie macht ein Foto von sich – und postet es auf der Social-Media-Plattform Instagram. "Das Gefühl hungrig zu sein, gibt mir das Gefühl stark zu sein", schreibt sie neben das Bild und fügt die Hashtags #thinspiration, #anorexia und #perfectbody hinzu. Der Begriff "thinspiration" setzt sich aus dem englischen Wort"thin" (dünn) und "Inspiration" zusammen und wird verwendet, um andere Nutzer zum Abnehmen zu animieren. Das Online-Profil von Jess verrät außerdem ihr Alter, sie gibt an 13 zu sein, und ihr Zielgewicht – 40 Kilogramm.

Problematische Postings

Jess ist nicht die Einzige, die sich und ihren Körper auf diese Art und Weise auf Instagram zur Schau stellt. Gibt man die oben genannten Suchbegriffe ein, findet man Millionen Einträge überwiegend weiblicher Nutzer, die Essstörungen propagieren. Allein unter dem Stichwort "anorexia" erscheinen über fünf Millionen Einträge. Wie verbreitet und problematisch diese Praktik ist, belegt nun eine aktuelle Studie aus Großbritannien. Forscher der University of Exeter analysierten Fotos, die unter den entsprechenden Begriffen geteilt wurden. Dabei offenbarte sich eine beträchtliche Anzahl bedenklicher Inhalte und Profile, die unterernährte Körper glorifizieren (mehr dazu hier).

Das ist vor allem für Mädchen und junge Frauen, die schon an Anorexie oder Bulimie leiden, gefährlich, erklärt Johanna Zierl, Psychotherapeutin und Expertin für Essstörungen. "Die Erkrankung wird verharmlost und glorifiziert. Mädchen und Buben fühlen sich bestärkt und verstanden." Die Psychotherapeutin betont aber, dass die einschlägigen Profile für gesunde Heranwachsende eher abstoßend als anziehend wirken. Problematischer sieht sie in diesem KontextEinträge, die extreme Fitnessroutinen und gesunde Ernährung in übertriebenem Maß verherrlichen: "Die sind als Einstieg in eine Essstörung fast gefährlicher."

Die britischen Studienautoren betonen, dass Instagram aufgrund seiner enormen Reichweite mittlerweile sogar gefährlicher sei als Pro-Ana-Websites. Zierl bestätigt, dass die Hemmschwelle, sich derartige Inhalte im Netz anzusehen, bei Instagram niedriger ist. "Man kann das aber nicht vergleichen, da auf Instagram ja 'nur' Fotos gezeigt werden, auf Pro-Ana-Seiten hingegen tatsächlich extrem gefährliche Empfehlungen abgegeben werden."

Blockierte Suchbegriffe

Instagram hat vor längerer Zeit auf das Problem reagiert. Vor vier Jahren verbannte man unter anderem den Hashtag #proana. Ein Versuch, die User zu schützen. Gebracht hat das bis dato wenig, da sich in der Community laufend neue Stichwörter etablieren. Sucht man die Hashtags #thinspiration oder # anorexia wird eine Warnmeldung ausgespielt. "Beitrage mit Worten oder Markierungen, nach denen du suchst können oft Verhaltensweisen fördern, die Schaden anrichten oder gar zum Tod führen können. Falls du gerade eine schwere Zeit durchmachst, würden wir dir gerne helfen." Unter dem Hinweis erscheint ein Link, der unter anderem zu einer Telefon-Hotline führt.

Der Druck, dem junge Mädchen und Frauen bezüglich ihrer Selbstwahrnehmung und ihres Essverhaltens ausgesetzt sind, hat sich durch Social Media jedenfalls drastisch verändert. "Früher waren es Models, die auf Plakaten oder im Fernsehen zu sehen waren, die ein Schönheitsideal vorgegeben haben, mit denen man sich aber nicht so stark identifizieren konnte", erklärt Zierl. Auf Social Media würde Authentizität vorgegaukelt, da die Nutzer wie Freunde miteinander interagieren. Dadurch steige der Druck enorm. Wirkungsvolle Maßnahmen, die das Problem an der Wurzel erfassen, sind nicht einfach umzusetzen. "Das Sperren der Hashtags löst das Problem nicht. Ich fände es sinnvoller, Mädchen und Buben so spät wie möglich mit Social Media zu konfrontieren und aufzuklären", betont die Expertin. Der kritische Umgang mit Schönheitsidealen und sozialen Medien sollte zudem in Schulen ein größeres Thema sein.

Auch die Eltern sind gefragt: "Niemand entwickelt nur durch Social Media eine Essstörung." Wichtig sei, dass Kinder in einem stabilen Umfeld aufwachsen, in dem es möglich ist, einen guten Selbstwert zu entwickeln. Dann kann der schädliche Einfluss sozialer Medien minimiert werden, denn "derartige Postings sind für User gefährlich, die ohnehin schon stark an sich zweifeln und sich in ihrem Körper nicht wohl fühlen".