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Hahnenkammrennen
01/15/2017

Das macht den Mythos Kitzbühel heute aus

Skiakrobaten, Reiche, Schöne, Mächtige, Fans werden beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel zu sehen sein. Doch es gibt auch ganz andere Geschichten zu erzählen.

von Uwe Mauch

Eine erste Überraschung für Neuankömmlinge auf dem Weg vom Bahnhof ins Zentrum der alten Bergwerksstadt: Nicht jeder Wagen ist ein Porsche mit Münchner Kennzeichen. Und nicht jede Passantin tritt im Nerz und in Lederstiefeln aufs Schneematsch-Trottoir.

Klischees von Orten, an denen man noch nie war, geben Sicherheit in einer komplexen Welt. Auch wenn sie immer nur Teile der Wirklichkeit abbilden.

So verhält sich das auch mit Kitzbühel. "Kitzbühel ist dort, wo sie Ski fahren und wo es teuer ist." Wissen Taxi-Fahrer von Ostfriesland bis Cottbus. Womit sie ja nicht ganz falsch liegen.

"Teil der nationalen Erzählung"

In der Tat ist das Hahnenkammrennen in Kitzbühel, das am kommenden Freitag zur 77. Auflage startet, "Teil der nationalen Erzählung", wie der Sporthistoriker Rudolf Müllner im Interview (siehe Seite 2) erklärt. Ein Länderspiel vor vollen Rängen des Wiener Ernst-Happel-Stadions, der Formel-1-Grand-Prix im steirischen Spielberg und dann eben der Mythos Kitz: viel mehr an nationalen Erzählungen hat unser kleines mitteleuropäisches Land im Bereich des Sports nicht zu bieten.

Und ja, sie sind natürlich schon Teil des Stadtbilds: die dicken Schlitten mit den getönten Scheiben und PS-starken Motoren; die gut riechenden Pelzmäntelträger, die behaupten, in ihren Palästen zu arbeiten, doch in Wahrheit nur an wenigen Tagen im Jahr in Kitzbühel urlauben; und die ebenfalls chic gekleideten Immobilienhaie, die von den auswertigen Geldmenschen fette Prämien für ein kleines oder größeres Haus oder Bauland kassieren.

Und man fragt sich unweigerlich: Wer zahlt eigentlich einen Quadratmeter-Preis von 4000 Euro für einen Flecken in Europa, in dem es klimatisch betrachtet an vielen Tagen des Jahres eher unwirtlich ist?

Schwarz-rotes Kitzbühel

Doch es gibt auch noch ein anderes Kitzbühel, wird Bürgermeister Klaus Winkler nicht müde zu betonen. Der Stadtchef, vielleicht nicht ganz zufällig ein studierter Steuerberater, versucht den hoch schnalzenden Immobilienpreisen mit sanfter Hartnäckigkeit entgegenzuwirken. Stolz erzählt Winkler von seinem neuen Projekt der Fünf-Euro-Wohnungen: "Die Wohnungen sollen die Mieter nur 300 Euro pro Monat kosten, inklusive der Betriebskosten."

Die seit Jahren eiernde rot-schwarze Welt gerät auch an dieser Stelle aus ihrer jahrzehntelang eingeübten Umlaufbahn: Während man im Roten Wien seit Jahren keinen Gemeindebau mehr eröffnet hat, greift jetzt ein ÖVP-Mann ausgerechnet in einer Kernzone des Kapitalismus die 100 Jahre alte Idee vom leistbaren Wohnen auf.

Für Einheimische nicht mehr leistbar

Hintergrund seiner Fünf-Euro-Initiative ist ein handfester, seit dem EU-Beitritt Österreichs schwelender Konflikt in der "legendärsten Sportstadt der Alpen" (Eigendefinition). Der Ärger wächst und bezieht sich auf ein viel diskutiertes Phänomen: Die, die geerbt haben, und die, die ebenso reich und einflussreich zugezogen sind, können es sich in Kitzbühel immer wieder richten. Haben mit ihren Zweit- und Drittwohnsitzen das halbe Leukental und vor allem die Hänge rundum zubetoniert.

Der Bürgermeister scheut den offenen Konflikt mit den Palastbesitzern. Er möchte vor den riesigen Anwesen der Zugezogenen keine Detektive postieren, sagt er. "Weil es nix bringt. Und weil wir nicht vergessen dürfen, dass uns diese Leute auch Arbeit geben." Winkler will den Frust der weniger Betuchten kanalisieren, will verhindern, dass noch mehr geborene Kitzbüheler ihrer Heimatstadt den Rücken kehren, weil sie sich das Leben neben den Superreichen nicht mehr leisten können.

Den heiklen Job des nicht gerade fürstlich honorierten Bürgermeisters wollen in Kitz nicht viele haben. Vielleicht wurde der groß Gewachsene auch deshalb im Vorjahr von fast zwei Drittel der Bürger für eine dritte Amtsperiode gewählt.

Alle sind Hahnenkamm

Fragt man Kitzbüheler nach ihrem Wesen, sind sich alle einig: "Wir sind stolz auf unsere Stadt und ihre Geschichte." Die Stadt war immer schon reich. Was sich auch an den Fassaden der historischen Gebäude in der Altstadt manifestiert. Ihren Reichtum haben die Kitzbüheler stets gerne gezeigt: Genüsslich erzählt wird die Geschichte vom Kauf einer neuen Kirchenglocke, dummerweise war die für den Kirchturm zu groß. Hat man halt einen neuen gebaut ...

Einzigartig ist auch, dass der lokale Skiclub – zum Leidwesen des Österreichischen Skiverbands – das Top-Rennen im Alleingang veranstaltet. Und damit ein unglaubliches Zusammengehörigkeitsgefühl fördert. Wenn die Roten Teufel per SMS um Hilfe rufen, begibt sich eine Hundertschaft von Freiwilligen auf den Berg, um die Piste mit ihren Skiern zu planieren. Es besteht Einigkeit, dass das Hahnenkammrennen für die Stadt von großer Bedeutung ist.

Die fünfte Jahreszeit

"Das Rennen ist unsere fünfte Jahreszeit", sagt die Präsidentin des Kitzbüheler Tourismusverbands, Signe Reisch. Aus gutem Grund: Für das kommende Wochenende dürfen die Kitzbüheler und ihre Nachbargemeinden mit Einnahmen von 40 Millionen Euro kalkulieren. Dies wurde jedenfalls von der Fachhochschule Kufstein errechnet.

Reisch ist die energische Urenkelin vom Skipionier Franz Reisch. Sie zeigt Richtung Kitzbüheler Horn: "Er hat dort im März 1893 die erste Skitour unternommen, und er hat auch unseren Skiclub gegründet." Sie selbst führt heute das Boutiquehotel Rasmushof gleich neben dem Zielhang, für das sich auch zum kommenden Wochenende Prominente angekündigt haben, die nicht unbedingt genannt werden möchten.

Von Einnahmen profitieren alle

Von den Einnahmen haben alle was. So darf beispielsweise jedes Volksschulkind dank einer Kooperation der Bergbahnen, des Skiclubs, eines Sportgeschäfts und der Stadtverwaltung gratis an einem einwöchigen Skikurs teilnehmen. Und der Familienpass, mit dem die ganze Familie die Skilifte im Winter und die Schwimmbäder im Sommer besuchen kann, wird für relativ erschwingliche 800 Euro pro Jahr angeboten.

Mag nicht jeder ein Freund der ballermannartigen Alkohol-Exzesse in der Fanzone sein (Casino-Direktor Gerhard Heigenhauser will am Abend nach der samstäglichen Abfahrt – vorsichtig formuliert – einen erhöhten Betrunkenheitsfaktor seiner spielfreudigen Gäste erkennen), so fließen doch alle Einnahmen an den Standln in die Kassen der örtlichen Vereine.

Rennleitung in Hand des Skiclubs

Einzigartig sind auch Typen wie Rennleiter Axel Naglich. In seiner Jugend stießen sich Naglich und seine Freunde tollkühn aus dem Starthaus, um die Abfahrt auf der extrem eisigen, steilen Streif als Vorläufer zu überleben. Nicht nur das. Wer an der Mausefalle oder im Zielschuss am weitesten sprang, gewann eine Kiste Bier.

Heute übernimmt der Architekt in einem fünfköpfigen Jurtyteam die Verantwortung für das Wohl der Athleten. In Sekundenschnelle muss er Entscheidungen treffen. "Bisher haben wir uns eigentlich nichts vorzuwerfen." Auch wenn der eine oder andere Sturz eventuell vermeidbar gewesen wäre.

Warum er sich das antut? "Weil ich ganz deppad bin, wenn es ums Skifahren geht", sagt Naglich lächelnd. "Und weil mich dieses Wir-Gefühl immer schon berührt hat."

Weniger harmonisch ist die Diskussion um die Snow Farm: Mit großem Energie-Aufwand wird im Frühjahr Schnee hinauf, auf über 1600 Meter geschafft und dort konserviert, um ihn im Oktober wieder hinunter ins Tal zu bringen und auf den nicht beschneiten Pisten aufzuschütten. Zunehmend mehr Menschen ist der Preis für diese Art von Ski-Sport zu hoch.

Die "Vogue von Kitzbühel"

Doch zurück zu den Pionieren: Seiner Zeit immer um mindestens einen Schritt voraus war der Kitzbüheler Unternehmer Kaspar Frauenschuh. Seine Eltern waren Gerber am Stadtrand; er selbst war der Erste, der exklusive Modelabels nach Österreich importierte. Zu einer Zeit, da diese für seine Landsleute noch unaussprechlich waren.

Früher als andere erkannte Frauenschuh auch, dass die Modebranche zunehmend unter Druck der aggressiv auftretenden Ketten geriet. Daher begann er, seine eigenen Kollektionen zu produzieren. Ökologisch, haut- und sozial verträglich, vor allem aber unglaublich schön. Sein Credo, dem er seit Jahren folgt: "Wir sind ein Familienbetrieb, der gemeinsam mit seinen Mitarbeitern nur moderat wachsen will."

Exklusiv ist, was die Familie Dahan ebenso seit vielen Saisonen bietet: zwei Mal im Jahr ein Hochglanz-Modemagazin in einer Auflage von je 10.000 Stück, das von seinen illustren Lesern auch "die Vogue von Kitzbühel" genannt wird.

"Die Fotos stammen von meinem Vater Paul Dahan, der als Designer und Fotograf zwischen seiner Heimatstadt Paris und Kitzbühel immer noch hin- und herpendelt", erzählt die Kitz-Magazin-Macherin Iris Dahan stolz. Ausgelacht hätten sie ihn anfangs. Doch sie habe es immer schon gewusst: "Mein Vater ist verrückt genug. Wenn er sich etwas in den Kopf setzt, dann setzt er es auch um."

Mit der S-Bahn nach Kitz

Und auch das ist einzigartig in Österreich: Der Skiclub als Veranstalter kauft sich von den ÖBB einen Shuttledienst. "Da richten wir für die Kitzbüheler ein 10- bis 15-Minuten-Intervall ein, das es sonst nur für die Wiener Schnellbahn gibt", erklärt dazu der ÖBB-Projektmanager Norbert Hörtnagl.

Die Zusammenarbeit mit dem Skiclub sei ein Traum, so Hörtnagl. Gut geplant, genau abgesprochen. Gleich neben der Station Kitzbühel-Hahnenkamm, im Haus der Skischule, werden die Eisenbahner wieder ihre Fahrdienstleitung einrichten. Dass sie dann an drei Tagen wieder 50.000 Fahrgäste hier durchschleusen werden, ist keine Schlagzeile wert, aber dennoch eine Erfolgsgeschichte.

KURIER: Herr Professor, welche Bedeutung hat Kitzbühel für Österreich?
Rudolf Müllner: Mausefalle, Steilhang-Ausfahrt, Hausbergkante, Traverse, Zielschuss, Dramatik, Spannung, das kennt bei uns jedes Kind. Champagnergesellschaft im Zielsack, Business, Tradition: Kitzbühel ist Teil der nationalen Erzählung, ein hoch aufgeladener mythischer Ort.

Was macht den Mythos aus?
Wenn wir nur das Hahnenkammrennen betrachten, können wir konstatieren: Kitzbühel ragt heraus als einer der wichtigsten Sportevents des Landes, als eine von wenigen Veranstaltungen, die auch über die Grenzen Österreichs hinaus strahlen. Das Gefühl, eine Weltbühne für den Sport zu bieten, wirkt in unserem Land – auch wenn das nicht die ganze Welt so sieht.

Und warum strahlt Kitzbühel in Österreich so stark aus wie sonst maximal ein Fußball-Länderspiel?
Die Streif für die modernen Gladiatoren und der Ganslernhang für die Slalomartisten liegen nicht nur in Österreich, die Rennen wurden und werden auch von Österreichern geprägt. Wir sprechen daher heute neben dem „Wunderteam“ der erfolgreichen Wiener Fußballer der 1930er-Jahre vom „Weißen Wunderteam“ der 1950er-Jahre. Mit Anderl Molterer, Ernst Hinterseer, Hias Leitner, Christian Pravda, Fritz Huber und dem „Schwarzen Blitz von Kitz“, dem unvergesslichen Toni Sailer.

Und wie sieht die andere Seite der Mythos-Medaille aus?
Kitzbühel kann auch als Modernisierungsmetapher für den erfolgreichen österreichischen Wiederaufbau und den Aufstieg zu einem der reichsten Länder der Welt gesehen werden. Diese Modernisierung hat in erster Linie der Tourismus vorangetrieben. Und man kann Skifahren im Lichte des weltweiten Klimawandels als problematisch ansehen oder auch nicht. Faktum ist, dass in den Bergen rund um Kitzbühel ein fantastisches Skigebiet geschaffen wurde.

Fantastische Skigebiete haben andere auch. Warum reden dennoch alle vom herausragenden Kitz?
Das hat zunächst mit der Erschließung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert zu tun. Es ist kein Zufall, dass Kitzbühel und auch Sankt Anton an einer wichtigen Bahnverbindung liegen. Dadurch konnte die Tourismus-Lokomotive so richtig abgehen.

Auch andere Skiorte liegen direkt an der Eisenbahn.
Dazu kommt, dass sowohl in Kitz als auch in Sankt Anton vorausdenkende, weltoffene, geschäftstüchtige Pioniere früh erkannt haben, welches Potenzial in den Bergen steckt. Eine wichtige Rolle in der Entwicklung spielen auch britische Gentlemen mit ausreichend Geld und freier Zeit im Winter. Mich fasziniert, dass 1907 die ersten österreichischen Skimeisterschaften in Kitzbühel ausgetragen wurden und nur ein Jahr später die Meisterschaften des legendären Ski Club of Great Britain.

Und warum wirkt das bis heute?
Nach 1945 ging im noch verarmten Österreich plötzlich ein Tor zur Welt auf. Die Reichen und Schönen kamen aus München und auch aus Wien, und mit ihnen die Reporter der Illustrierten. Mit der Überwindung des Bäuerlich-Ländlichen wurde die Stadt in den Bergen zu einer Art Monaco der Alpen.

Wirklich ein Monaco?
Erfolgreiche Sportler wie Anderl Molterer und der fast hollywoodhafte Toni Sailer waren auch in den USA und in Japan sehr beliebt. Wir müssen uns auch nicht unterschätzen.

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