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Weihnachten
12/21/2016

Das KURIER-Weihnachtsmärchen: Plötzlich Engel

Von der Weihnachtshasserin zum Weihnachtsengel. Die Geschichte eines klitzekleinen Wunders.

von Gabriele Kuhn

Hey, aufwachen – genug vom Schönheitsschlaf." Die Stimme, die das sagte, klang wie von jemandem, der zu viele Vanillekipferl gemampft hatte. Zu süß. Lisa mied Leute, die so drauf waren. Überhaupt: Sie verabscheute Menschen.

Während sie die Augen geschlossen ließ, fiel ihr ein, was sie zuletzt getan hatte: gestritten. Die Erinnerung daran blieb vage. Sie versuchte die Augen zu öffnen, es gelang nicht. "Was ist bitte los?", wollte sie schreien. Doch keine Silbe kam über ihre Lippen. Stattdessen erklang erneut die Stimme von vorhin, die Lisa innerlich als klassische Fluffi-Stimme abtat. Die sprach jetzt: "Was los ist? Das erkläre ich dir gerne." Lisa geriet in Panik. Da saß anscheinend jemand, der ihre Gedanken lesen konnte. "Himmel, Arsch und Zwirn – kann mich gefälligst jemand aufklären?" Sie wollte wieder zurück – in ihr Leben, ins Cool-sein, in den Abstand, in die sichere, distanzierte Welt.

Zum Teufel!

Zu ihrem Entsetzen spürte sie, wie jemand begann, ihr Haar zu streicheln und zu säuseln: "Das werde ich gerne tun, doch nur, wenn du höflicher wirst. Könntest du bitte im Kontext des Wortes Himmel den Begriff Arsch auslassen? Merci." In Lisa regte sich Unmut: "Zum Teufel, das wird mir zu blöd." Fluffi meldete sich prompt: "Tut mir leid, falscher Ansprechpartner. Diesbezüglich wärst du im Souterrain besser aufgehoben, aber du bist nun mal im Penthouse gelandet. Und da gibt es Regeln. Hier wird nicht geflucht, geschimpft, gehetzt oder intrigiert. So. Und jetzt darfst du aufwachen."

Etwas schnipste, schnalzte und klirrte. Lisas Augen öffneten sich – so, als hätte jemand dünne Fäden an deren Lider geknüpft und zart daran gezogen. Doch statt des Dunkelgraus ihres Schlafzimmers sah sie viel Licht. Einen Licht-Exzess. Der wirkte, als hätte jemand die Weihnachtsbeleuchtung der gesamten Innenstadt gestohlen, sie verhundertfacht und in einen gigantischen Glaswürfel getan, der seine Umgebung strahlen ließ.

Hallo, Vorhimmel?

Lisa versuchte herauszufinden, wo sie sich befand. "Ist da wer? Wo bin ich?" Die Fluffi-Stimme sprach: "Willkommen im Himmel, genauer gesagt im Vorhimmel." Es folgte eine Erklärung: "Pass auf, Lisa. Am letzten Tag des Septembers bist du wütend und besoffen ins Auto gestiegen, nachdem du dich mit deiner besten Freundin zerstritten hattest. Du warst schnell unterwegs, als du versucht hast, eine CD ins CD-Fach deines Autos einzulegen. Diese Unaufmerksamkeit nahm man zum Anlass, dich von der Erde abzuziehen."

"Aha, wie lange ist das her?", fragte Lisa, und bemerkte erst jetzt, dass sie einen rosafarbenen Pyjama mit weißen Punkten anhatte. "Pfah, ist der hässlich", dachte sie – sofort mischte sich Fluffi ein: "Erstens: Mein Name ist nicht Fluffi, nenn’ mich bitte Anna. Zweitens: Das ist unsere exklusive Penthouse-Kollektion. Seide. Himmlisch, quasi. Im Souterrain hättest du jetzt was aus kratziger Wolle an, obwohl es dort an die 65 Grad hat. Und bitte wundere dich nicht, dass du mich nicht siehst. Das kannst du noch nicht. Du bist erst im Vorhimmel." Lisa vernahm, dass heute der 23. Dezember war. Der Tag vor Weihnachten. Anna fuhr fort: "Womit wir schon beim wichtigsten Punkt sind – deiner nächsten Aufgabe."

WEIH-NACH-TEN! Lisa wurde übel. Alleine der Gedanke daran löste bei ihr Abwehr aus. Sie hasste das Fest. Doch Oberengel Anna redete auf sie ein: "Vergiss, was war. Zeit für einen Neubeginn." Dann kam auf einer weißen Wolke mit rosa Punkten ein Laptop dahergeflogen. Er landete auf Lisas Schoß. Sie las auf dem Bildschirm: "Willkommen im Vorhimmel. Wer hierher kommt, ist noch nicht reif für den richtigen Himmel. Für ganz oben brauchst du Himmelsfitness. Daher musst du als Engel zurück auf die Erde. Um zu sehen, um zu verstehen und zu spüren. Dabei geht es nicht nur darum, Weihnachten lieben zu lernen. Sondern vor allem, für dich selbst und deine Mitmenschen Verständnis zu entwickeln – also so etwas wie Liebe. Wenn du dann noch ein kleines Weihnachtswunder vollbringen könntest, gibt’s Bonuspunkte. Viel Freude wünscht dir das Team Zweite Chance." Der Laptop entschwand. Anna meldete sich nochmals: "Alles klar? Lisa nickte verwirrt. "Dann gute Reise!"

In die Herzen blicken

Eine Frage kam Lisa noch in den Sinn: "Was, wenn’s nicht klappt?" Aus der Ferne hörte sie, wie Anna rief: "Bleib cool, das ist noch nie passiert. Wer es in den Vorhimmel schafft, schafft auch das. Manche brauchen halt sehr lang dafür. Aber ehrlich – wir sind im Penthouse! Da ist Zeit nur eine Illusion."

Lisa fand sich im Herzen der Großstadt wieder. Links von ihr plärrte Last Christmas. Ein Paar hetzte Richtung U-Bahn. Jemand steckte seine Nase in einen süßen Becher, die Creme blieb an seiner Nasenspitze kleben. Ein Kind lachte. Zwei junge Menschen küssten einander im Schatten einer Kirche. Das Kaleidoskop des Menschlichen entfaltete sich vor Lisas Augen. Freude, Stress, Hass, Innigkeit, Eile, Einsamkeit. "Du hast die Wahl", sprach eine innere Stimme. "Du hast die Wahl, die Dinge so zu sehen – oder so."

Ausgerechnet Lisa, die sich nie für Menschen interessiert hatte, konnte nun in deren Herzen blicken. Sie las Gefühle und Geschichten. Sie sah, was jemanden bekümmerte oder glücklich machte. Sie sah Einsamkeit und Verbundenheit. Sie sah Not und Sehnsucht. Sie sah Liebe und Hass. Unzählige Eindrücke und Bilder prasselten auf sie ein. Und trotzdem begann sie zu verstehen. Sie verband Ursache mit Wirkung. Begriff, was einen Menschen ausmachte. Ein Song poppte in ihrem Kopf auf: Change your heart. Look around you...

Blick zurück

Lisa spürte Menschen, die traurig waren, weil sie gerade jemanden verloren hatten, den sie liebten, die müde und erschöpft waren und sich nach Ruhe sehnten, die Angst hatten, vor Dingen, die sie irgendwo gelesen hatten und nicht verstanden. Und sie fühlte ebenso Menschen, die innerlich strahlten, weil sie gerade frisch verliebt waren, etwas Schönes erlebt hatten oder einfach mit sich selbst im Reinen waren. Zum ersten Mal in ihrem Dasein hatte sie so etwas wie Mitgefühl und Verständnis. Nicht nur für die anderen, sondern auch für sich selbst. Es schien ihr nicht mehr logisch, dass es so viel Hass auf Erden gab. Würden sich mehr Menschen die Mühe machen, die Geschichte der anderen zu lesen und vielleicht nur ein bisschen zu verstehen, gäbe es vielleicht mehr Annäherung und weniger Hass.

Eine Träne bildete sich in ihrem Augenwinkel. Es war eine Träne, in der Moleküle von Trauer ebenso wie Moleküle des Glücks schwammen. Das erste Mal in ihrem Leben fragte sie sich, was bei ihr passiert war, dass sie als Lisa zu Weihnachten immer krank war oder wie gelähmt in ihrem Bett lag. Sie wusste nun, was zu tun war und ging zu ihrer ehemaligen Wohnung, die leer stand, aber noch niemand ausgeräumt hatte. Ihre Eltern lebten schon lange nicht mehr, Geschwister hatte sie keine. Freunde waren offensichtlich nicht interessiert. Die Vermieterin hatte ihre Sachen in mehrere Kartons gestopft.

Es war der kleinste Karton, der Lisa magisch anzog. Darin waren alte Briefe und Fotos verstaut. Fotos ihrer Eltern, Foto von sich selbst. Zeit ihres Lebens hatte Lisa diese Schachtel ignoriert. Und jetzt? Jetzt musste sie den Karton nicht mehr öffnen, um dessen Inhalt, und damit verbunden die Logik ihres Lebens und dessen Bedeutung zu erkennen. Puzzleteile fügten sich zu einem großen Bild zusammen, es war auf einmal alles klar.

Ihre Gedanken führten sie zu jenem Heiligen Abend, an dem sie sieben Jahre alt gewesen war. Durch die Glastür ins große Zimmer hatte sie wahrgenommen, wie etwas blitzte, obwohl es dunkel war. Ihr Herz klopfte, denn sie war sich sicher, das Christkind gesehen zu haben. Sie behielt es glücklich für sich, sagte nichts. Sie wollte nichts tun, was diesen magischen Moment womöglich zerstören würde. Denn gleichzeitig galt ihre ganze Aufmerksamkeit der Mutter, die an diesem Abend besonders nervös war. Jetzt, mit sieben Jahren, verstand Lisa, weshalb. Wie die vielen Jahre zuvor fragte sich die Mama, wann denn ihr Mann – Lisas Vater – nach Hause kommen würde. Und wie. Nüchtern oder, wie üblich, angetrunken? Früher oder später? Was würde er sagen, was tun? Lisa blieb dabei nicht verborgen, dass ihre Mama sehr viel weinen musste. Im Backrohr brutzelte eine Weihnachtsgans. Es roch gut, das Christkind hatte doch schon kurz vorbeigeschaut – warum war keiner glücklich, leicht und froh?

An diesem Abend kam Papa besonders spät heim. Lisa nahm wahr, wie er etwas von Bitte nicht bös sein sagte. Sie hörte, wie die Mutter erst schrie, dann schluchzte. Irgendwann klingelte ein Glöckchen, die Kerzen brannten, Papa war auf dem Sofa eingeschlafen. Die neuen Ski, die sich Lisa vom Christkind gewünscht hatte, lagen seltsam leblos unter dem Christbaum. Die Mutter schaute traurig, strich Lisa über Haare und sagte: "Frohe Weihnachten, Kleines". Lisa hatte das Gefühl, daran schuld zu sein, dass Mama traurig war und Papa schlief. Dieser Abend veränderte etwas in ihr. Es war der Moment, in dem sie begann, ihren Glauben zu verlieren. An die Liebe, die Magie, das Himmlische. Der Zauber dieser Zeit schwand ab nun von Jahr zu Jahr. Es schien daher auf seltsame Weise logisch, dass – nachdem sich der Vater zu Tode getrunken hatte – ihre Mutter acht Tage vor einem Weihnachtsfest ins Koma fiel, um acht Tage danach zu sterben. Stumm und ohne Erklärung dafür, warum sie so oft zugeschlagen hatte.

Das Gesehene verstehen

Was blieb, war die Wut, das Unverständnis, die Ohnmacht. Aus der kleinen Lisa war eine große Lisa geworden, mit gepanzertem Herzen. Engel Lisa sah erneut auf den Karton, die Fotos – und all die Geschichten, Gesichter und Geheimnisse, die sich darin verbargen. Ihr wurde bewusst, dass Geschichten auch Bausteine sein können, für Mauern, die wir um uns bauen. Nun war der magische Moment gekommen, hinzusehen, um das Gesehene nicht nur zu verstehen, sondern auch anzunehmen. Vor allem aber, um die Mauer und den Kokon niederzureißen und eine neue Geschichte zu schreiben. Auf einmal sah sie das traurige Gesicht ihres Vaters, dessen Lebensgeschichte so unendlich viele Verletzungen barg, dass er lieber trank, statt darüber zu sprechen. Sie sah das traurige Gesicht ihrer Mutter, deren 19-jähriger Bruder im Zweiten Weltkrieg gefallen war und dessen Tod ihr Herz brechen ließ. Sie sah sich selbst, wie sie trotz alledem von diesen, ihren traurigen Eltern mit ganzer Kraft geliebt wurde. Sie sah deren Bemühungen, es auf ihre Art gut zu machen. Indem Lisa, der Engel gewordene Mensch, das verstand, veränderte sich alles. Licht erfüllte das Dunkel ihres Herzens, Wärme und Ruhe breiteten sich aus. Der Karton ihres Lebens, ihr Lebens-Paket also, wirkte wie ein einzigartiges Geschenk, das nur für sie bestimmt gewesen war, das nur sie öffnen und mit dem nur sie etwas anfangen konnte. Ihr Leben, das Leben der anderen – mit ihr verwoben und dennoch getrennt. Eine einmalige Geschichte, mit einmaligen Lernchancen.

Lisa fiel ein Graffito ein, das sie auf einer Hausmauer gesehen hatte: "Bitte verlassen Sie die Welt so, wie Sie sie vorfinden möchten." Sie hatte endlich aufgeräumt, in ihrem Seelenhaus. Und noch etwas fiel ihr ein, ein Zitat von Hannah Arendt, das sie zu Lebzeiten aufgeschnappt hatte: Das höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen und abzuwarten, was sich daraus ergibt.

Bereit fürs Wunder?

Dann zog sie los, um Teil 2 ihrer Aufgabe zu erledigen, das Weihnachtswunder. Sie wusste intuitiv, dass sie an den Rand der Stadt musste. Dort würde jemand auf sie warten. Von der Stadt, durch einen Wald, auf eine Erhebung. Da saß ein zirka 58-jähriger Typ in einem ungeheizten Schrebergartenhaus. Reini, so hieß er, rauchte eine Zigarette, die Augen waren glasig, er hatte viel Wein intus. Und Tabletten. Die Aura des Typs war verzweifeltes, verwaschenes Grau. Früher hätte Lisa diesen Mann verabscheut – Motto "Selber schuld". Jetzt konnte sie ihr Herz für seine Geschichte öffnen. Reini hatte mit 29 hatte seine Frau kennengelernt, mit 32 war er Vater eines Sohnes geworden. Dazu Haus, Karriere, Hund – die Idylle. Schließlich war er immer seltener daheim, die Ehe wurde gleichläufig, er betrog seine Frau. Eines Tages kam er heim und niemand war da. Seine Frau hatte ihn samt Kind verlassen, anderntags folgte ein Brief vom Rechtsanwalt. Er verlor alles, seinen Sohn sah er nie mehr wieder. Reini zog in das alte Schrebergartenhaus seiner Großmutter. Er wurde zum Einsiedler, manchmal wusste er gar nicht mehr, ob er noch sprechen könne. Dann öffnete er den Mund und sprach: "Ich bin Reinhard. Mein Leben ist nutzlos." Jahrelang hatte er kein Weihnachten mehr gefeiert, sich stattdessen in die Besinnung getrunken. Mehrmals hatte er daran gedacht, für immer zu gehen. Aber ein feiner Faden hielt ihn im Leben.
Engel Lisa sah, woraus dieser Faden gesponnen war: aus Molekülen von Liebe und Hoffnung. Reini war also noch nicht verloren. "Was tun?", fragte sie sich, als sie Reini zusah, wie er die Tür seines Schrebergartenhauses öffnete und in den Garten ging. Er setzte sich unter einen Kirschbaum, in der einen Hand Wodka, in der anderen ein abgegriffenes Kinderfoto seines Sohnes. Die Nacht war bitterkalt. Reini trank, er dachte an Peter. Nie hatte er den Mut gehabt, ihn zu kontaktieren. Dabei malte er sich oft aus, was passieren würde, säße er seinem Sohn gegenüber. Die Szene endete stets mit demselben Gedanken: "Das Leben ist kein Film". Seine Liebe war nichts wert. Er hatte als Mensch versagt, als Mann und als Vater. Die Sterne funkelten, er sah es nicht.

Innere Stimme

Die ganze Zeit schon wollte Lisa eingreifen. Ihr ging das ein bisschen auf die Nerven, es kam ihr vor wie ein schlechtes Theaterstück. Sie wollte sich vor Reini aufbauen und sagen, dass er sich zusammenreißen, dass er endlich aktiv werden müsse. "Himmel!" Doch eine innere Stimme, vermutlich kam sie von oben, mahnte: "Stopp. Mit so einer Oberlehrernummer kommst du hier keinen Schritt weiter. Setz’ stattdessen ein, was du gerade gelernt hast: deine Herzensenergie. Spür hin, was zu tun ist." Lisa "spürte hin" (auf Erden hatte sie diesen Esoterik-Schwafel gehasst, fiel ihr ein) – und siehe da, es tat sich was. Aber leider das Falsche. Der Mann war eingeschlafen, hatte nicht einmal eine Jacke an. Die Zeit verging. Lisa wartete, dass er wieder aufwachen würde. Aber nichts geschah. "Alter! Der erfriert mir noch hier. Das kann’s jetzt aber nicht sein. Hallo, Fluffi, äh Anna, was ist jetzt mit dem ganzen Weihnachtswunder-Dings?"

Keine Antwort. Lisa schickte Reini in ihrer Panik schnell ein paar gute Träume – Bilder von früher, als sein Sohn gerade geboren wurde. Tatsächlich: Er lächelte im Schlaf, im Traum konnte er Peters Babyhaut riechen. Beeindruckt von ihrer Engels-Kraft hatte Lisa eine Idee: Sie könnte ja die Rettung anrufen. Aber womit? Von wegen Kraft. Nicht einmal ein Handy hat so ein Engel. Inzwischen war der Mond über dem Wald aufgetaucht. Er tauchte die Siedlung in kaltes Licht. Da! Sie sah drei Jugendliche vorbeitaumeln, offensichtlich waren sie nach einer Party noch lustig unterwegs. Lisa runzelte die Stirn, presste ihre Lippen zusammen und schickte mit aller Kraft folgenden Gedanken in deren Richtung: "Schaut zum Baum!" Nichts geschah. Lisa schrie mental. Da hörte sie einen der Burschen sagen: "Schau mal, da liegt einer." Jetzt ging alles schnell: Sie sah, wie die Jugendlichen per Handy die Rettung riefen: "Kommen Sie, da erfriert gerade ein Mann."

Schutzengel

Eineinhalb Stunden später lag Reini auf der Intensivstation eines großen Krankenhauses und atmete. Zwei Schwestern und ein Arzt standen am Bettende und redeten miteinander. "Der hatte aber einen Schutzengel. Eine Stunde später und der Mann wäre tot gewesen." Kurz überlegten alle drei, ob das nicht eine coole Weihnachtswunderstory für dieses Boulevardblatt wäre, dessen Reporter um diese Zeit gerne anriefen und fragten: "Hätten’s ein Wunder für mich?"

"Pfffh, das war arschknapp", dachte Lisa unengelsgleich. Der nächste Schritt ergab sich wie von selbst. Sie hatte Reini einen Zettel in die Jackentasche geschummelt, mit dem Namen seines Sohnes und der Bitte, ihn im Notfall zu verständigen. Yes! Lisa sah, wie der Stationsarzt zur Schwester sagte: "Du, die Nummer auf dem Zettel müssen wir noch anrufen. Nicht vergessen." Weitere zwei Stunden später kam ein junger Mann auf die Intensivstation und erkundigte sich nach seinem Vater. "Er bleibt jetzt auf jeden Fall noch im Tiefschlaf, aber das Schlimmste hat er überstanden." Der junge Mann – Peter – fragte, ob er denn bleiben dürfe. "Ja, kein Problem. Sie müssen sich nur eine Gesichtsmaske aufsetzen und sich die Hände sterilisieren. Dann können Sie sich auf den Sessel setzen und bei Ihrem Vater bleiben." Lisa sah, wie sich Peter die Hände wusch, Platz nahm und auf den Mann in dem Bett starrte. Seine Züge waren weich, er ähnelte Reini sehr. Nach einer langen Weile legte der junge Mann seine Hand auf die Hand seines Vaters.

Jetzt war Lisa von ihrer Engel-Nummer extrem beeindruckt. Komischerweise hatte sie Lust auf eine Zigarette. Im Schwesternzimmer kugelte eine Packung herum, sie "borgte" sich eine, denn stehlen durften Engel ja nicht. Danach beamte sie sich auf das Dach des Spitals, und zündete sich die Zigarette an. Sie nahm einen tiefen Zug, hustete und blickte auf die Stadt. Langsam ging die Sonne auf. Es war 24. Dezember – Heiliger Abend. Noch nie zuvor hatte sich Lisa so himmlisch gefühlt.

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