Leben
05.12.2011

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit stillen

Internet-Hypes: Massenphänomene sind nicht neu. Durch Internet und soziale Netzwerke haben sie aber völlig andere Dimensionen erreicht.

Es ist die Masse allein, in der der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst wird.
Elias Canetti, Masse und Macht

Mit einem Nudelsieb auf dem Kopf hob der Wiener Niko Alm seinen Bekanntheitsgrad mehr, als er es mit seinem eigentlichen Vorhaben - Kritik an Kirchenprivilegien - je erreicht hätte. Und sich stocksteif hinzulegen und ein Foto davon ins Internet zu stellen, ist spätestens seit Armin Wolfs Planking live in der ZIB 2 auch bei uns ein Trend.

Im Gegensatz zu manchen Witzbolden hat sich der Nachrichten-Frontmann im Bericht über Niko Alm kein Nudelsieb übers Haupt gestülpt. Ob Wolf uns auch die nächsten heißen Trends wie Owling live vorführen wird? Könnte schwierig werden: Sich einer Eule gleich an ausgefallenen Orten mit Stockerlpopo kameragerecht hinzuhocken ist deutlich anstrengender, als sich flach auf einen Tisch zu legen.

Dass skurrile Ideen heute rasend schnell massentauglich werden, hat mit dem Internet zu tun. "Es macht manches einfacher. Früher wurden nicht so viele Menschen derart schnell erreicht. Das Internet ist gleichzeitig Auslöser, aber auch Verbreiter", sagt Medienpsychologe Peter Vitouch. "Wesentlich ist bei diesen Phänomenen die schnelle Umsetzung, etwa durch den Aufruf zu einem Flashmob ."

Solche Bewegungen sind heute aber auch kurzlebiger. Am Facebook-Trend "hug a persian" (einen Perser auf der Straße umarmen) nahmen im Juni 6500 Menschen teil. Zumindest virtuell. Heute redet kaum noch jemand davon. Gleichzeitig befriedige die Teilnahme das zutiefst menschliche Bedürfnis nach sozialen Kontakten, meint Vitouch. "Die Internetnutzung
an sich ist ja eine einsame Sache. In einer Gruppe bin ich Teil von etwas und fühle mich dadurch geborgen."

Instrumentalisierung

Massenphänomene sind aber keine Erfindungen des Internet-Zeitalters. "Massenveranstaltungen füllten schon immer ganze Stadien. Nicht nur wegen des Anlasses, sondern auch durch das Gemeinschaftserlebnis mit vielen anderen", betont Vitouch. Gerade das 20. Jahrhundert zeigte, wie die Instrumentalisierung von Massen politisch gesteuert und auch missbraucht werden kann - siehe die Propagandamaschinerien von Hitler, Stalin oder Mao. Vitouch: "Zum Glück finden Massenphänomene heute bei uns auf der Spaßebene und nicht auf der politischen statt."

Planking & Owling: Bilder, die Millionen Mal um die Welt gehen

Die Kids tun es, Stars wie Katy Perry kommen langsam auf den Geschmack, und auch ZIB-Moderator Armin Wolf konnte vor einigen Wochen nicht widerstehen: "Planking" heißt der Trend, bei dem man sich steif wie ein Brett an möglichst ungewöhnlichen Orten positioniert und Fotos davon ins Netz stellt. Als Nachfolger wird das sogenannte "Owling" gehandelt. Dabei gelten dieselben Regeln, allerdings stellt man hier kein Brett, sondern eine Eule dar. Der Sinn dahinter? Ein möglichst witziges und skurriles Bild zu haben, das sich im Internet - vor allem über Social Media - teilen lässt.

Nachahmung: Auslachen war gestern, heute wird kopiert

Fehltritte, Skurrilitäten, und andere Extravaganzen können heutzutage als Internet-Trend ausarten. Nach Christian Stangls K2-Gipfel-Schwindelfoto organisierten ein paar User von Foursquare - einer Applikation, mit der man seinen momentanen Aufenthaltsort teilen kann - einen virtuellen Gipfelsturm mit mehr als 700 Teilnehmern. Auch der berühmte Kopfstoß des Fußballers Zidane wurde oft nachgemacht, gefilmt und auf YouTube geladen.
Aktuellstes Beispiel bleibt "Mr. Nudelsieb" Niko Alm: Viele Nachahmer stellten ein Foto von sich mit der außergewöhnlichen Kopfbedeckung ins Interne t.

YouTube: Plattform für unzählige Selbstdarsteller

Wer einmal auf YouTube unterwegs war, hat es zweifellos bemerkt: Die User lieben es, sich selbst aufzunehmen und ins Internet zu stellen, um so einen hohen Bekanntheitsgrad zu erlangen. Dabei haben sich kuriose Trends gebildet. Sich auf die Straße zu stellen und wildfremden Menschen eine Umarmung anzubieten; auf einen prall gefüllten Sandwich einzuschlagen ("Sandwich Punch"); so unappetitlich wie möglich Lasagne zu essen ("Garfiedling"): Einfach alles kann gefilmt werden, um später über soziale Netzwerke und Videoseiten wie YouTube zum oft unerklärlichen Hype zu mutieren.