© /Constantin Film/Studiocanal

Halloween
10/23/2016

Darf's ein bisserl Horror sein?

Von Grusel-Clowns und verloren gegangenen Hexenjägern – kalkulierte Furcht hat wieder Saison.

von Julia Pfligl

Wer sich kurz vor Halloween in Gruselstimmung versetzen möchte, muss dieser Tage nicht einmal ins Kino gehen – es reicht schon ein Spaziergang durch die Stadt. Mit ein bisschen Glück (bzw. Pech) läuft einem eine furchteinflößende Gestalt mit lockiger Perücke und geschminktem Gesicht über den Weg. Das US-Phänomen der bunten Grusel-Clowns ist rechtzeitig zum 31. Oktober nämlich auch in Österreich angekommen – in der vergangenen Woche wurden alleine in Wien zwei Clown-Sichtungen gemeldet. Zum Fürchten. Oder etwa nicht?

Denn während diese Vorstellung manche in eine Schockstarre versetzt ("Coulrophobie" nennen Psychologen die panische Angst vor Clowns), erfüllt sie die anderen mit einem wohligen Kribbeln. Das Phänomen des kalkulierten Nervenkitzels hat einen Namen: Angstlust, eine Mischung als Angst und Lust. Man setzt sich freiwillig einer Gefahr aus, allerdings immer mit der Gewissheit, dass einem eigentlich nichts passieren kann. Wie bei einer Achterbahnfahrt, sagt Borwin Bandelow, renommierter Angstforscher aus Deutschland: "Es wird uns suggeriert, dass wir in höchster Gefahr sind. Es gibt nämlich ein primitives Angstzentrum im Gehirn, das nichts von TÜV (Technischer Überwachungsverein, Anm.) oder Ähnlichem weiß."

Grusel-Klassiker

Der Körper gerät in Alarmbereitschaft und reagiert mit den bekannten Symptomen: Herzklopfen, Schweißausbrüche, das Stresshormon Adrenalin wird ausgeschüttet. Logisch – nur so konnten unsere Ahnen schließlich ihr Überleben sichern, wenn sie von einer wilden Mammut-Horde bedroht wurden.

Ist die Gefahr vorbei – also die Geisterbahn wieder im Freien, der Horrorfilm zu Ende –, belohnt uns das Gehirn mit einer ordentlichen Portion Endorphine. Ein Gefühl des Glücks und der Erleichterung stellt sich ein.

Dieses Prinzip funktioniert nicht nur im Vergnügungspark, sondern auch im Kino. Pünktlich zum Grusel-Fest des Jahres wurde jetzt ein altbekannter Horror-Klassiker neu aufgelegt: "Blair Witch" heißt die neue Fortsetzung des "Blair Witch Project", das Ende der 1990er-Jahre in den Kinos dieser Welt für kollektive Gänsehaut sorgte. Bei einem mickrigen Produktionsbudget von 60.000 Dollar spielte der Grusel-Schocker zweier Filmstudenten damals fast 250 Millionen Dollar ein – ein Sensationserfolg, der vor allem auf dem pseudodokumentarischen Stil beruht: Drei Studenten verlaufen sich bei der Suche nach der Hexe von Blair im finsteren Wald; der Film besteht ausschließlich aus verwackelten Szenen, die die drei mit ihren Kameras aufnehmen. Der Zuschauer bekommt das Gefühl, er sei live dabei.

Die Found-Footage-Technik ("gefundenes Filmmaterial") wurde durch das "Blair Witch Project" salonfähig, erklärt Filmwissenschaftler Benjamin Moldenhauer. Der Deutsche hat seine Dissertation über die Ästhetik in Horrorfilmen geschrieben – und erforscht, warum diese so viele Menschen in ihren Bann ziehen.

Raum für Fantasie

"Gerade bei jüngeren Zuschauern darf man den sportlichen Charakter nicht unterschätzen – sie sitzen im Kino und denken, wie viel hält man aus, wer ist stärker, die Bilder oder ich?", sagt Moldenhauer. "Angstlust ist etwas anderes als Angst, denn im Kino ist man ja nicht wirklich in Gefahr. Die Angstlust, die einem der Film verschafft, ermöglicht es dem Zuschauer, sich in seiner Emotionalität zu spüren."

Das "Blair Witch Project" habe genau so viel gezeigt, "dass der Zuschauer die Leerstellen mit den eigenen Angstvorstellungen ausfüllen kann". Die schreckliche Hexe von Blair ist nämlich, so viel sei verraten, weder in Teil 1 noch in der Fortsetzung zu sehen. Vor allem die Schlussszene von Teil 1 war für Moldenhauer "ein großartiger Moment": Ein heftiger Schlag auf die Kamera von Hexenjäger James ist zu hören, die Aufnahme endet abrupt. Der Zuseher kann nun nur noch der Kamera von Studentin Heather folgen, die James mit dem Gesicht zur Wand in einer Ecke stehen sieht. Kurz darauf fällt auch ihre Kamera zu Boden, ihre Stimme verstummt, der Abspann beginnt. "Man sieht herzlich wenig, darf aber zurecht das Schlimmste vermuten", sagt Experte Moldenhauer.

Social Media

Eines haben die Hypes um die "Creepy Clowns" und das "Blair Witch Project" gemeinsam: Sie entstanden im Internet. Kurz nach der Fertigstellung ihres Films im Jahr 1999 stellten die zwei Regisseure vermeintliche Tatsachenberichte über das Verschwinden dreier Studenten – inklusive Interviews mit Verwandten – ins Netz. Die Aufmerksamkeit war riesig, der Film noch nicht mal in den Kinos.

Auch die Clown-Hysterie wäre ohne soziale Medien wohl niemals ausgebrochen. Fotos von gruseligen Kostümierten und Meldungen, wonach diese Kinder in den Wald lockten und Passanten mit dem Messer bedrohten, verbreiteten sich in den vergangenen Wochen rasch via Twitter und Facebook. Die virale Hysterie führte sogar so weit, dass die Fastfood-Kette McDonalds sein ikonisches Maskottchen – einen Clown namens Ronald McDonald – auf unbestimmte Zeit von der Bildfläche verschwinden ließ (der KURIER berichtete).

Übrigens: Auch hier gibt es Gerüchte, es könne sich um einen Marketing-Gag für die im kommenden Jahr anlaufende Verfilmung des Buchs "Es" von Stephen King handeln. Neu ist diese Idee ja nicht. Aber mindestens genauso gruselig.

Blutige Party-Nacht

Mut zur Hässlichkeit: Bei ihrer legendären Halloween-Party zeigt sogar Heidi Klum ihre unschöne Seite – als faltige alte Dame oder als Anatomie-Modell mit freigelegten Muskelbahnen. Diesen Skelett-Look können Fans ihr nachmachen – und in ein hautenges Ganzkörper-Kostüm schlüpfen.

Nach der Vampir-Manie der vergangenen Jahre machen jetzt Zombies die Partys unsicher, zeigt der spezialisierte Anbieter "Horrorklinik": Kostüme, denen man den tragischen Tod und die langen Jahre in der feuchten Erde ansieht. Von den blutigen Gesichtern blättert die fahle Haut ab. Um partyfit zu bleiben, wählen Frauen jedoch nicht den altmodischen "untote Sandlerinnnen"-Look, sondern die sexy Zombie-Krankenschwester oder -Chirurgin. Auch das Märchen vom Zombie-Rotkäppchen passt zu Halloween.

Bei den passenden Make-up-Ideen auf Pinterest rinnt Blut aus den Augen, klaffen offene Wunden und öffnen sich die grausigen Fratzen, als wären sie eben aus Michael Jacksons legendärem "Thriller"-Video herausgestiegen.

Wer auf seiner Party den Gruselfaktor weiter steigern will, bestellt sich seine private Geisterbahn. Zwischen den Gästen sitzen dann Ekel-Figuren, die sich plötzlich bewegen oder aufleuchten. Dass die Gäste vor Schreck tot umfallen könnten.

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