Leben
03.05.2017

Eine Wienerin wandert für den Frieden: "Ich will nach Aleppo"

Marsch nach Aleppo Clara Zimmermann © Bild: /Janusz Ratecki

Clara Zimmermann will entlang der Flüchtlingsroute Hoffnung in den Krieg tragen - zu Fuß.

Die Baracken beim Belgrader Hauptbahnhof, in denen Menschen auf der Flucht seit Monaten festsitzen, haben sie an Favelas erinnert. "Und das mitten in Europa!" Und beim Marsch durch Sarajevo hat sie sich zunächst gedacht: "Ein Wahnsinn – diese Stadt wurde vor 25 Jahren belagert, und die Kriegswunden sind bis heute nicht ausgeheilt!" Was sie zu der Frage führte: "Wie lange wird es in Aleppo dauern, bis die Stadt wieder aufgebaut sein wird? Und wann werden die Menschen dort ihren Frieden finden?"

Alles begann in Berlin

Clara Zimmermann hat sich Anfang Februar in Poysdorf dem Civil March for Aleppo angeschlossen, zunächst für zwei Wochen, um in den Semesterferien ein Zeichen zu setzen. Doch der Bürgermarsch, der sechs Wochen zuvor in Berlin begonnen hatte, ließ die 22-jährige Wienerin, die Jus und Philosophie studiert, nicht mehr los.

Ihr Kurzaufenthalt in Wien gab dem KURIER die Chance, mehr über die Beweggründe der privaten Mission zu erfahren. Derzeit ist Zimmermann mit 25 anderen auf dem Fußweg in Richtung griechisch-türkische Grenze.

Der Friedensmarsch wurde von einer Berliner Journalistin initiiert. Sie hatte auf Facebook ihre Bestürzung über das Morden in Syrien thematisiert und am Ende ihres Posts gefragt, was passieren würde, wenn friedfertige Menschen nach Aleppo gingen. Gefragt. Getan: Am 26. Dezember 2016 zogen mit ihr 500 Gleichgesinnte von Berlin los.

Auf die Frage, wie weit sie persönlich gehen möchte, antwortet die junge Aktivistin aus Wien nicht sofort, doch dann sagt sie dezidiert: "Wir sind derzeit noch zu weit entfernt, um Endgültiges zu sagen, aber aus heutiger Sicht sage ich: Ich will nach Aleppo." Nachsatz: "Soweit das irgendwie möglich ist und wir dadurch kein unverantwortlich hohes Risiko eingehen."

Marsch nach Aleppo Clara Zimmermann © Bild: /Janusz Ratecki

Und warum? "Wir wollen den Menschen in Syrien zeigen, dass die Welt auf sie noch nicht vergessen hat. Wir wollen die Hoffnung auf Frieden nach Aleppo tragen."

Die höhnischen Postings über ihr Unterfangen, "jetzt, wo doch in Aleppo wieder Frieden herrscht", sind an Zimmermann nicht spurlos vorüber gegangen. Sie sagt: "Es ist nicht so, dass mich keine Zweifel begleiten. Aber ich habe für mich beschlossen, etwas zu machen. Gut, vielleicht dient das auch der Beruhigung meines Gewissens. Aber ich wollte nicht zu Hause sitzen und täglich vor dem Radio weinen."

Sie erzählt dann von einem anerkannten syrischen Flüchtling aus Aleppo, der sich dem Marsch angeschlossen hat: "Er hat uns erzählt, dass seine Familie noch in der Stadt lebt und dass seine Landsleute viel Kraft und Hoffnung aus unserem Marsch schöpfen."

Auch anderes gibt der Tochter eines Bonner Archäologen und einer Wiener Archäologin Hoffnung: "Man hat uns in jeder Gemeinde, in der wir durchkamen, herzlich willkommen geheißen."

30 Kilometer pro Tag

Übernachtet wird dort, "wo wir ein Dach über dem Kopf finden". Das war bisher öfters in Turnsälen ("die mag ich besonders"), Theatersälen, Kinos, Kunstgalerien und ein Mal in einem Hotel ("das ein bosnischer Bürgermeister für uns bezahlt hat"). Jetzt, wo sie in den Süden Europas vordringen und die Nächte kürzer werden, wollen sie vermehrt campieren.

Tagsüber schaffen sie zu Fuß Etappen von 30 Kilometer und mehr. Unterwegs ist immer auch Zeit für Gespräch und Diskussion. Clara Zimmermann bilanziert positiv: "Ich durfte bereits eine ganze Menge wunderbare Menschen kennenlernen."

Ihr Weg (2600 km misst die Strecke von Wien nach Aleppo) ist buchstäblich das Ziel. Und doch rückt zunehmend öfter das Ziel in den Fokus der Gedanken: "Und wenn wir am Ende nicht in Aleppo ankommen, sind wir nicht gescheitert", denkt Clara Zimmermann laut. Nachsatz: "Aber wir werden alles, was in unserer Macht ist, versuchen, um es zu schaffen.

Hier kann man dem Zivilmarsch im Internet folgen bzw. sich zum Mitgehen anmelden