Leben
21.05.2017

Burlesque-Legende: 72 Jahre und heißer als die Hölle

Brennende Quasten machten die US-Amerikanerin zu einer Legende des Burlesque. Mit 72 Jahren steht sie immer noch auf der Bühne – das nächste Mal kommende Woche beim Boylesque-Festival in Wien.

Angel Cecelia Helene Walker sitzt im Garten ihres Hauses in Palm Springs, Kalifornien, als wir uns via Skype zum Interview treffen. Es ist das perfekte Senioren-Idyll, zumindest auf den ersten Blick: Vor blauem Himmel weht eine Palme, der Whirlpool blubbert vor sich hin. Fast schon spießig wirkt die Szenerie – dabei ist Angel alles andere als eine gewöhnliche 72-Jährige. Sie trägt keine Bluse, sondern ein schulterfreies Top mit goldenen Perlen. Ihre Haare sind nicht grau, sondern hellblond gefärbt. Über die Wiese tollen keine Enkelkinder, sondern eine Chihuahua-Hündin. "Ich wollte nie Kinder", erklärt Angel gleich zu Beginn mit rauer Stimme. Eine Familie hätte auch nicht zu ihrem Leben gepasst: ständig unterwegs, von einer Bühne zur nächsten, einem Land ins andere. "Es gibt nur drei US-Staaten, in denen ich nicht aufgetreten bin."

Brave Katholikin

Unter ihrem Künstlernamen "Satan’s Angel" tanzte sich die Amerikanerin in den Sechzigerjahren an die Spitze der internationalen Burlesque-Szene – jene erotische Kunstform, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden ist und vor einigen Jahren dank Dita Von Teese und ihrem überdimensionalen Martini-Glas ein Comeback erlebt hat (siehe Kasten).

Angels ungewöhnliche Karriere startete bei einem Strip Contest für Amateure: Sie war 17, katholisch erzogen, ein "braves Schulmädchen". "Meine Freundin überredete mich, hinzugehen, und ich fand, dass es einfach aussah. Zuhause übte ich, am nächsten Tag ging ich wieder hin, machte mit und gewann. Nach der High School hatte ich einen ordentlichen Job, bei dem ich 200 Dollar pro Monat verdiente. Für diesen Auftritt bekam ich 100 Dollar! Ich dachte mir, das ist genau das Zeug, das sie uns beim Karrieretag in der Schule hätten sagen sollen."

Glamour-Leben

Ihre Mutter – der Vater war während des Zweiten Weltkriegs gefallen – war ob der plötzlichen Bekanntheit des bis dato braven Töchterchens erwartungsgemäß wenig erfreut. "Sie kam zu einer Show, und ich konnte die schlechten Schwingungen im Publikum regelrecht spüren. Danach drohte sie mich zu schlagen, doch das war das einzige Mal, dass sie etwas sagte. Sie hat mich mein Leben lang unterstützt. Natürlich wünscht sich jede Mutter, dass ihr Kind Kinder bekommt, zuhause bleibt. Aber warum sollte ich dreckige Windeln wechseln, wenn ich um die Welt reisen und mit Filmstars und Millionären zusammen sein konnte?"

Angel fand einen Künstlernamen – "er passte zu mir, weil ich nicht süß war, sondern laut und wild und kämpferisch" – und einen Agenten, der ihr Auftritte verschaffte. Ein Jahr lang, sieben Tage die Woche, dann ein paar Wochen Pause. Weil schon damals jede Burlesque-Tänzerin mit ihren Quasten herumwirbelte, ließ sich Angel eigene anfertigen und zündete sie während der Show an – ein Publikumsmagnet. "Die Leute standen Schlange, um mich zu sehen. Es war ein sehr glamouröses Leben – wir trugen Unmengen Diamantschmuck und Chinchilla-Pelzmäntel. Ich fuhr jedes Jahr einen neuen Cadillac. Und ich war wunderschön, wissen Sie?"

Keine Eingriffe

Attraktiv ist Angel heute noch, obwohl das wilde Leben Spuren hinterlassen hat. "Wir haben viel getrunken, anders hält man das nicht aus. Heute lebe ich gesund, habe zu rauchen aufgehört und esse vorwiegend rotes Gemüse, weil es gut für Leber und Nieren ist." Schönheitsoperationen waren nie eine Option. "Ich bin stolz auf meine Falten. So eine OP muss man alle zehn Jahre wiederholen, das ist doch Geldverschwendung." Das Einzige, was sie am Alter stört, sei die eingeschränkte Beweglichkeit beim Tanzen: "Ich habe Arthritis und Osteoporose. Bei einem Motorradunfall habe ich mir 32 Knochen gebrochen. Aber nichts, was ein Glas Martini nicht lösen könnte."

Immer wieder erzählt Angel von ihrer Frau Vic, mit der sie seit 20 Jahren zusammenlebt. Davor war sie mit drei Männern verheiratet. "Als homosexuelle Tänzerin lebte man gefährlich. Die Clubs gehörten der Mafia, und die waren gegen Lesben. Wir suchten uns Alibi-Männer." Das sei heute anders. Auch sonst hat sich in der Szene einiges verändert. Nicht nur zum Guten. "Die Mädchen heute haben tolle Kostüme, doch viele können nicht tanzen! Bei Burlesque geht es um Verführung, um Reize. Die Reise steht im Vordergrund, nicht das Ziel."

Apropos. Kommendes Jahr möchte Satan’s Angel die Quasten endgültig an den Nagel hängen, stattdessen Kurse geben und ein Buch über ihr Leben schreiben. "Manche meinen, dass sie mich nicht mehr brauchen. Aber sie brauchen mich. Man braucht Legenden."

Burlesque

Das Wort Burlesque stammt vom italienischen Wort burla für "Schabernack" und bezeichnete ursprünglich eine groteske Form der theatralischen Darstellung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte sich Burlesque als eine kunstvolle Form des Striptease: Die Tänzerinnen ziehen sich nicht vollständig aus, verwenden aufwendige Kostüme und Requisiten. Burlesque mit männlichen Tänzern wird als Boylesque bezeichnet.

Vienna Boylesque Festival

"Hereinspaziert: Prater for Everyone" lautet das Motto des vierten Boylesque Festivals – eine Hommage an den Wiener Rummelplatz. Am Donnerstag, 25. Mai, und Freitag, 26. Mai, treten im Wiener Stadtsaal (Mariahilfer Straße 81, 1060) 40 internationale Burlesque- und Boylesque-Künstler auf. Anschließend finden After-Show-Partys statt. Einzelticket ab 34,50 €. Infos: www.viennaboylesquefestival.com