Für manche Gefühle haben wir keine Worte.

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Psychologie
02/20/2017

Lexikon für die Gefühle dieser Welt

Wir empfinden etwas, haben aber kein Wort dafür – ein britischer Psychologe sammelt aus aller Welt Begriffe, die emotionale Momente beschreiben.

von Sandra Lumetsberger

Fühlen Sie sich manchmal etwas "Mbuki-mvuki" – möchten am liebsten die Kleider ausziehen und tanzen? Wer bisher keinen Ausdruck für dieses Gefühl hatte, sollte nach Afrika fahren. Das Tanzen könnte jedenfalls helfen um, ein bisschen lockerer zu werden – "desbundar" nennen die Portugiesen es, wenn man seine Hemmungen ablegt.

Was diese Begriffe gemeinsam haben: Sie beschreiben Gefühle, die jeder von uns kennt, für die es aber kein universelles Wort gibt, oder keine passende Übersetzung. In jedem Land finden sich solche Beispiele – von Afrika bis Australien. Wie zum Beispiel "Jayus" aus Indonesien – ein Gefühl, das jemand etwa nach einem Witz hat, der so unlustig ist, dass man schon alleine deshalb lachen muss. Psychologe Tim Lomas von der University of East London sammelt solche Ausdrücke. In seinem Glücks-Glossar "The positive Lexicography" finden sich aktuell 645 Wörter in mehr als 80 Sprachen. Und es wächst. Denn jeder kann es online ergänzen. Waren es zuvor Kollegen und Freunde, sind es jetzt Leute aus aller Welt, die ihm schreiben. Lomas Vision: "Menschen können sich selbst viel besser verstehen, wenn sie wissen, wie sie ihre Gefühle beschreiben können." Und je mehr davon in ihrem Wortschatz ist, desto besser.

Der Brite ist Experte für positive Psychologie und erforscht die guten Aspekte des menschlichen Miteinanders, wie etwa Glück, Optimismus, Solidarität und Vertrauen. Noch bevor es zu Krankheiten oder psychischen Störungen kommt, will diese Fachrichtung ansetzen. Ihre Vertreter sind überzeugt: eine optimistische Lebenseinstellung wappnet zum Beispiel vor den Folgen schwerer Schicksalsschläge. Ratgeber, wie man sich dies am besten aneignen kann, gibt es massig. Die Glücksforschung boomt.

Im Gespräch mit Lomas hat man aber nicht den Eindruck, er will einem das Glück auf Rezept verschreiben. Der Brite ist überzeugt, wer glücklich sein will, muss auch unzufrieden sein. "Oft sind es die scheinbar unangenehmen Momente und Stimmungen, die einem den Pfad zu Glück und Aufblühen zeigen." Langeweile zulassen sei etwa ein hervorragender Weg, um kreativ zu werden, erklärt der Brite. Albert Einstein etwa kam auf die Relativitätstheorie, während er am Tag einfach vor sich hinträumte und sich vorstellte, auf einem Sonnenstrahl am Rande des Universums zu reiten.

"Wabi-sabi"

In Lomas Glücks-Glossar finden sich daher auch komplexere Begriffe. Eines seiner Lieblingswörter ist das japanische "Wabi-sabi". Es ist schwer zu übersetzen und steht für unvollkommene Schönheit. "Es regt einen an, die Welt anders zu sehen – und auch uns selbst, mit allen unseren Fehlern und Makeln." Als er das Wort zum ersten Mal hörte, musste er an eine Zeile aus Leonard Cohens Lied "Anthem" denken. In dem es heißt: "There's a crack in everything, that's how the light gets in" (heißt: Durch alles geht ein Riss, so fällt das Licht hinein). Oder, um anders gesagt: Was kaputtgeht, bewegt sich auch.

Bevor sich Tim Lomas mit Interpretationen wie diesen beschäftigte, arbeitete er als Englisch-Lehrer in China. Dort kam er mit Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus in Berührung. Aus der fernöstlichen Lebensweise kommt auch ein Begriff, der mittlerweile fast überall verstanden wird: "Karma" (steht für Handeln, Tun, Wirken, Tat). Lomas findet es interessant, dass dieses Wort auch in unserer Kultur Platz gefunden hat und oft verwendet wird. Er hofft, dass es noch mehr Austausch geben wird und wir uns weitere Begriffe aus anderen Kulturen aneignen.

Etwas "Hygge" gefällig?

Das dänische Wort "Hygge" hat jetzt schon Potenzial dafür. Es steht für Gemütlichkeit, Zufriedenheit und findet sich auf der Shortlist der Wörter des Jahres 2016 der "Oxford Dictionaries". Mittlerweile gibt es sogar Kurse, die lehren, die Lebensphilosophie der Dänen und mehr "Hygge" in den Alltag zu bringen. Den Psychologen amüsiert das. Er führt den Hype auf die Glücksstudien und Rankings zurück, bei denen die Dänen seit Jahren Platz Eins belegen. Wie etwa beim "World Happiness Report", für den die Vereinten Nationen Faktoren wie Einkommen, Lebenserwartung, soziales Netz sowie gefühlte Freiheit untersuchen lassen.

Neben den Dänen sind auch Finnen, Norweger und Schweden jährlich in den Top Ten vertreten. Und auch sie haben ein Gemütlichkeits-Credo, wie Psychologe Lomas in seiner Wort-Sammlung festgestellt hat. Die häufige Verwendung von Begriffen für Gemütlichkeit, Wohligkeit und Wärme führt er auf die klimatischen Verhältnisse zurück. Im Norden igelt man sich gerne ein. Wenn sich Norweger vors Kaminfeuer setzen, selbst gemachtes Essen genießen und es alle gemütlich haben – sprechen sie von "koselig". Die Schweden nennen es "mysa".

Aus dem mediterranen Raum kommen hingegen mehr Begriffe für Aktivitäten im Freien. Zum Beispiel "Passegiata" – also, wenn Italiener gemächlich durch die Straßen spazieren. Apropos. Fürs kulinarische Glück empfiehlt sich ebenfalls eine Reise in den Süden. Aus Italien stammen die meisten Ausdrücke für gutes Essen bzw. das wohlige Gefühl nach einer Mahlzeit, berichtet Lomas. Eine Portion Pasta oder Tiramisu ist vermutlich auch günstiger als ein "Hygge"-Seminar. Oder Sie fangen an, ein bisschen "Harikoa", "Wai-wai" oder "morgenfrisk" zu üben – manchmal macht schon alleine das Aussprechen gute Laune.

Weitere Beispiele:

  • Tarab (arabisch): durch Musik ausgelöste Ekstase/Entzücken.
  • Utepils (norwegisch): Bier, das draußen getrunken wird.
  • Jayus (indonesisch): ein Witz, der so unlustig oder so lahm erzählt ist, dass man nicht anders kann, als zu lachen.
  • Forelsket (norwegisch): das euphorische Gefühl, sich zu verlieben.
  • Mbuki-mvuki (Bantu): die Kleider ausziehen, um zu tanzen.
  • Sobremesa (spanisch): wenn das Essen vorbei, die Unterhaltung am Tisch aber noch im vollen Gang ist.
  • Harikoa (Maori): freudig, verzückt, überglücklich.
  • Kilig (philippinisch): Schmetterlinge im Bauch haben, verliebt sein, jemanden attraktiv finden.

Zur Person: Tim Lomas

Bevor er sich der positiven Psychologe widmete, arbeitete Tim Lomas als Krankenpfleger und Musiker in einer Ska-Band. Die Musikrichtung basiert auf Reggae-Rhythmen (und hat auch Punk- und Metal-Elemente) und beeinflusst die Gemütslage positiv, sagt der Brite. „Es setzt einen unter Strom, hebt in die Höhe – es ist fast unmöglich, nicht dabei tanzen zu wollen.“ Die Idee, Gefühlsausdrücke aus aller Welt zu sammeln, kam ihm während eines Vortrags: Eine Kollegin sprach über einen finnischen Begriff für Willensstärke, für den es keine englische Übersetzung gibt. An Tim Lomas „Positive Lexicography Project“ kann sich jeder beteiligen und Wörter vorschlagen.