© KURIER/Christa Breineder

Beziehungswelten
01/13/2015

Junge Menschen: Feiern oder Familie

Die Suche nach dem Traumpartner gestaltet sich immer schwieriger. Dennoch erlebt die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie eine Renaissance.

von Laila Daneshmandi, Julia Pfligl, Christa Breineder

Jahrelang hatte Anna lose Liebschaften und unbedeutende Gspusis. "Es hat nie so richtig gepasst. Aber ich wusste, irgendwann kommt der Richtige." Mit 32 Jahren lernte sie Robert kennen. Innerhalb weniger Wochen war klar, sie planen eine gemeinsame Zukunft. "Wir wollen ganz klassisch zusammenziehen, heiraten, Kinder kriegen."

Die Generation der Scheidungskinder ist bei der Partnerwahl vorsichtiger geworden. Ganz oder gar nicht, ist die Devise. Statt Partner und Familie um jeden Preis, genießt man heute lieber seine Freiheiten – bis der passende Deckel gefunden wird. Und der sollte dann sitzen – hoffentlich. Das zeigt auch die Statistik. Die Zahl der Ehescheidungen ist seit ihrem Höhepunkt 2006/2007 stark rückläufig – österreichweit um mehr als neun Prozent. Dementsprechend geht die Zahl der Scheidungskinder zurück: Seit 2003 sind es 3370 weniger.

Grafik: Entwicklung der Scheidungsrate & Single-Haushalte

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Jule Müller ist eines der vielen Trennungskinder ihrer Generation. Heute ist sie 31, Single und lebt in einer WG. In ihren Zwanzigern war das Leben eine einzige Party. "Feiern lenkt ab. Es geht um Spaß, Spaß, Spaß. Gleichzeitig gibt es etwas Festes im Leben. Die Leute suchen sich eine ,Feierfamilie‘, die mitunter die eigene Familie ersetzt." Ihre Erfahrungen als Single in der Großstadt hat sie in dem Buch "Früher war ich unentschlossen. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher" niedergeschrieben.

Ich-bezogener

"Wir haben immer mehr Probleme damit, uns darauf zu besinnen, was wir wirklich wollen", vermutet die Autorin. "Gleichzeitig werden wir Ich-bezogener. Das fängt bei den Selfies an – die sind ein Ausdruck dafür, wie sehr wir mit uns selbst beschäftigt sind." Leute in ihrem Alter hätten Schwierigkeiten damit, sich auf eine Person einzulassen – weil das eine Veränderung der eigenen Gewohnheiten bedeuten könnte. Weil sie etwas verpassen könnten. "Wir haben wahnsinnig viele Freiheiten, aber diese Freiheit ist oft überfordernd. Ständig hat man das Gefühl, um die Ecke wartet der bessere Job, der bessere Typ, die bessere Wohnung."

Aus dieser Angst, etwas oder jemanden zu verpassen, entwickelte sich in den vergangenen Jahren das Phänomen der "Mingles" – eine Wortkreation aus den Begriffen "Mixed" und "Single", die lose Liebschaften ohne Verpflichtungen beschreibt (s.unten).

Für Müller eher Zweckgemeinschaft als Idealmodell: "Die Leute suchen sich jemanden, weil sie einsam sind. Sie können sich aber nicht in letzter Konsequenz darauf einlassen und wurschteln ewig herum. Das sind Langzeitaffären, die man nicht definieren muss. Ich glaube, so richtig zufrieden ist mit diesem Zustand niemand." Besonders Männer würden oft einknicken, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen.

Spießige Werte

Dennoch sehnen sich viele ihrer Altersgenossen nach "spießigen Werten". Für ihre Online-Partnerbörse Im Gegenteil hat Müller 200 Singles porträtiert und festgestellt: Auf der Wunschliste stehen meistens Familie, Haus im Grünen, kochen statt feiern. Auch, wenn sich in der Statistik zeigt, dass jeder Sechste ab Fünfzig lieber wieder alleine lebt – meist, wenn die Kinder erwachsen und aus dem Haus sind.

Rund um Müller werden trotzdem immer mehr Menschen sesshaft – vor allem jene, deren Eltern nicht geschieden sind, beobachtet sie. "Für die ist es selbstverständlich, zu heiraten, eine Familie zu gründen. Weil sie einfach immer daran geglaubt haben."

Beim Wunsch nach familiärer Idylle schließt sie sich als Trennungskind nicht aus. "In zehn Jahren sehe ich mich auf jeden Fall mit Kind. Auch wenn ich jetzt noch nicht weiß, von wem." Ob Scheidungskind oder nicht – die Suche nach dem richtigen Deckel muss nicht immer so lange dauern.

Andrea und Hannes fanden schon früher zueinander – kurz nach der Schule wurden sie ein Paar, einige Jahre später suchten sie sich eine gemeinsame Wohnung, auch Kinder sind geplant. Während andere von einer Beziehung in die nächste gekracht sind, waren sie immer froh, einander zu haben. "Wir gehören zusammen."

Ganz oder gar nicht – auch Anna und Robert wollten sich nicht auf halbe Kompromisse einlassen. "Wenn es passt, dann passt es, und dann muss man nicht mehr weitersuchen", sind sie überzeugt. Das Leben als Mingle war turbulent, aber das Warten hat sich gelohnt: "Manchmal muss man viele Frösche küssen, bis ein Prinz dabei ist."

Buchtipp: „Früher war ich unentschlossen. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“ von Jule Müller erscheint am 2. Februar im Droemer Knaur Verlag. Ca. 13 €

Nix ist fix, aber alles ist möglich

Sex und ein paar schöne Stunden, eine feste Beziehung ist aber nicht drinnen – nach diesem Prinzip leben "Mingles".

Martina Leibovici-Mühlberger ortet diese Bindungsunfähigkeit in allen Altersstufen und nennt es "Fühltaubheit". Die Ursache ist für sie ein gesellschaftliches Phänomen: "Es gibt immer weniger verlässliche Grundverbindlichkeiten. Wir erleben einen Wertepluralismus, in dem nichts mehr fix und alles möglich ist." Leibovici sieht einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Ökonomie, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 zu den wichtigsten Prinzipien auserkoren wurden. Selbstbezogene Menschen, sogenannte ICH-AGs, und das Ansteigen an narzisstischen Persönlichkeitsstörungen sind das Resultat auf menschlicher Ebene, ist Leibovici überzeugt.

In puncto Beziehung heißt das, man wartet nicht ab, sondern ist ständig auf der Suche nach neuen oder besseren Partnern und bleibt nicht in Beziehungen hängen. Das wirkt sich auf die Kinder aus, die in solchen Beziehungs-Konstellationen heranwachsen: "Sie erleben oft nur eine kurze Kontinuität der Beziehung ihrer Eltern." Die Wahrscheinlichkeit, dass sie später selbst keine festen Bindungen eingehen wollen, schätzt die Familienexpertin als sehr hoch ein. Sie berichtet, dass bereits jetzt viele Jugendliche zwanglose Beziehungen führen, bei denen Liebe keine Rolle spielt. Sobald Gefühle ins Spiel kommen, ist das Liebes-Intermezzo vorbei.

Den klassischen Mingle-Typen beschreibt Leibovici als Narzissten. "Sie sind hoch manipulativ, lügen treuherzig und instrumentalisieren jeden Menschen in ihrer Umgebung für die eigene Selbstbespiegelung unter einem weiten Repertoire von Druck, Abwertung, aber auch Umschmeichelung." Mit dem Mingle-Konzept ist auch viel Leid verbunden, erklärt sie. Denn früher oder später sehnt sich ein Teil des Mingle-Paares nach einer festen Beziehung und wird abserviert. "Betroffene können sich nur schwer wieder auf andere Menschen einlassen. Sie bunkern sich ein oder suchen nach Ersatzbeschäftigungen."

Buch: "Diagnose Mingle" von Martina Leibovici-Mühlberger, edition-a, 21,90 €

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