© KURIER/Jeff Mangione

Begabten-Klasse
09/13/2014

Überholspur für hochbegabte Schüler

In Mödling gibt es eigene Klassen für Hochbegabte. Was andere Schulen von dem Konzept lernen können.

Anna-Sophie ist 15 und begeisterte Naturwissenschafterin, ihr Interesse liegt in Physik und Chemie. Auch Patricia steht voll auf Mathe und Biologie. Sandras Herz schlägt mehr für Englisch und Latein. In der 7M können sie ihrer Leidenschaft alle nachgehen. In den Modellklassen des Mödlinger Gymnasiums und Realgymnasiums Keimgasse werden die besonders anspruchsvollen Schüler des Jahrgangs zusammengefasst und gefordert.
In einem Aufnahmeverfahren werden von externen Experten die kognitiven Fähigkeiten geprüft, danach folgen eine persönliches Gespräch und ein Sozialtag.
„In einer Klasse gibt es immer zwei bis drei Überflieger“, weiß Direktor Michael Päuerl aus Erfahrung. „Aber wenn die Unterschiede zu groß sind, verlieren alle: Die Schnelleren sind frustriert, weil der Lehrer etwas drei Mal erklärt, das sie schon beim ersten Mal verstanden haben. Und die Langsameren sind frustriert, weil sie immer hinterher sind.“

Differenzierung innerhalb einer Klasse sei wichtig, aber oft nicht ausreichend: „Besonders starke Schüler schalten irgendwann zurück, weil sie nicht als Klassenstreber gelten wollen“, so Latein- und Französisch-Lehrer Martin Seitz, der in der Mödlinger Schule die Begabungsförderung koordiniert.

„Es gibt zwei verschiedene Ansätze in der Begabungsförderung und wir setzen beide ein“, erklärt Seitz: „In der Unterstufe haben wir einen Schulversuch zur acceleration, zur Beschleunigung. Da absolvieren die Schüler in der Modellklasse die vier Jahre der Unterstufe in nur drei Jahren. In der Oberstufe nützen wir den Spielraum, den uns die Schulautonomie lässt. Da setzen wir auf enrichment, straffen den Lehrplan und vermitteln ihnen auch komplexeren Stoff.“ Die fixe Stundentafel wird auf ein Minimum reduziert und die Schüler können „+Kurse“ im Ausmaß von 18 Wochenstunden wählen.
Dieses hohe Tempo und intensive Arbeitspensum halten viele nicht durch. „Wir mussten in Physik Sachen rechnen, für die uns noch die Mathe-Grundlagen gefehlt haben“, erzählen die Teenager aus der M-Klasse. Das Konzept wird adaptiert, gibt Seitz zu: „Die Nebenfächer sind zu kompakt. Und manche Themen kann man erst bei älteren Jugendlichen unterrichten.“

Gibt es Unterschiede zwischen Regelklassen und einer Modellklasse? Ja, ist Seitz überzeugt: „Diese Schüler haben eine andere Arbeitshaltung. Lernen und Wissen sind eine Herausforderung für sie. Viele nehmen ihre Umwelt anders wahr. So haben viele ein enormes Interesse für Geschichte und für wirtschaftliche Zusammenhänge und damit eine sehr gute Allgemeinbildung.“
Vieles habe auch mit dem Elternhaus zu tun, erklärt Wirtschaftskunde- und Mathematik-Lehrerin Heide Outschar: „Man erkennt bei den Kindern, dass sie zu Hause sehr gefördert werden.“
Viele Eltern machten anfangs Druck, dass ihr Kind in die M-Klasse aufgenommen werden sollte. Aber inzwischen wüssten sie, dass das ein viel höherer Aufwand sei als sonst, meint Seitz. Auch die Lehrer waren zu Beginn skeptisch, erzählt er: Sie fürchteten sich vor lauter Einzelgängern, die komplizierte Fragen stellen und überkritisch sind. Damals engagierten sich einige Lehrer besonders in der M-Klassen, inzwischen wird bunt gemischt. Die Schüler empfinden das anders: „Wir bekommen immer nur die besten Lehrer.“
Der Motivationsfaktor für Lehrer kann tatsächlich hoch sein, bringt Lateinlehrer Seitz ein Beispiel: „Ich habe einen Kurs Altgriechisch angeboten. Und elf von 15 Schülern haben ihn gewählt. Der macht mir viel Spaß.“

Die Modell-Klassen haben bereits Nachahmer gefunden: In BG/BRG Wieselburg wird das Konzept auch schon umgesetzt.
Für Miriam Frauenlob kommt zum intensiven Programm in der Schule auch noch ein aufwendiges Hobby dazu: Sechs Mal pro Woche trainiert sie Sportklettern. „Am Freitag war ich oft nicht in der Schule sondern bei Wettbewerben.“ Das musste sie natürlich nacharbeiten. Aber wer hoch hinaus will, hat keine Zeit für Pausen.

Gute Schüler dürfen ihre Interessen im Schulalltag ausleben

Auch die talentierten Schüler in den Regelklassen werden in der Mödlinger Schule besonders gefördert. „Wir bieten allen Interessierten besondere Möglichkeiten. Voraussetzung dafür ist vor allem Flexibilität der Lehrer“, erklärt Koordinator Martin Seitz.
15 bis 20 Prozent der Schüler nützen Drehtür-Modelle. Dabei lernen Schüler während ihres Unterrichts in einer anderen Klasse mit. Es gibt dabei unterschiedliche Aspekte, erklärt Seitz: „Manche besuchen das gleiche Fach in einer höheren Klasse. Oder sie lernen ein Fach dazu, das in ihrem Curriculum nicht enthalten ist. Oder sie bereiten sich in einer Gruppe auf einen Wettbewerb wie die Mathe-Olympiade vor.“ Natürlich müssen sie den anderen Stoff ebenso beherrschen wie die anderen Schüler. Das müssen sie sich selbst organisieren.“
Meist würden die Schüler dafür von ihrem Lehrer vorgeschlagen, manche interessieren sich aber auch von selbst für ein besonderes Thema. „Im Trend ist gerade, gemeinsam ein Buch zu schreiben.“
Oft nützt Seitz auch externe Angebote. „Wir senden Schüler etwa zur Kursen der Niederösterreichischen Begabtenakademie. Da schicke ich an alle unsere Lehrer die Information: Es gibt einen Kurs zur Chaostheorie. Wollt ihr jemanden vorschlagen?“

KURIER: Frau Prof. Schrittesser, hochbegabte Kinder langweilen sich oft in der Regelschule. Wie muss ein Unterricht aussehen, der diese Kinder fordert und fördert?

Ilse Schrittesser: Es ist häufig eine gewisse Herausforderung für Lehrkräfte, Kinder mit hohem Potenzial zu erkennen, und zwar auch dann und gerade dann, wenn schwache Leistungen vorliegen. Kinder mit hohem Leistungspotenzial machen vielfach durch ausgeprägtes Interesse, durch Neugier, Motivation, aber auch Ausdauer und Mut auf sich aufmerksam, jedoch auch manchmal durch Konzentrationslücken, demonstrierte Langeweile und Desinteresse. Von gutem Unterricht wird daher heute insgesamt erwartet, dass er auf die vielen unterschiedlichen Voraussetzungen, Interessen und Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler individuell eingeht - damit legt man die Latte für Lehrkräfte natürlich ziemlich hoch. Lehrkräfte, die mit Vielfalt gut umgehen können, gehen nicht von einem Idealschüler aus, sondern beobachten genau und erkennen Unterschiede in ihren verschiedensten Ausdrucksformen. Das macht den Lehrerberuf so anspruchsvoll - heute anspruchsvoller denn je.

Kinder brauchen auch Kinder mit ähnlichen Interessen um sich, damit sie sich in einer KIasse wohlfühlen. Ist es sinnvoll, eigene Hochbegabtenklassen einzuführen?
Ich stehe Hochbegabtenklassen eher kritisch gegenüber. Sie erzeugen häufig Wettbewerbs- und Konkurrenzdruck. Schon allein die Aufnahme in eine solche Hochbegabtenklasse etikettiert in gewisser Weise und engt damit den Spielraum ein, den aber gerade hochbegabte Kinder besonders brauchen, da sie eben oft auch sehr eigenwillige Interessen und Ausdrucksweisen entwickeln - dafür bleibt möglicherweise in einer solchen Hochbegabtenklasse wenig Zeit und Raum. Günstiger sind m.E. individuell angepasste Curricula, auch die Möglichkeit, sich aus dem Unterricht einmal auszuklinken, um eine Sache vertieft zu verfolgen oder um sich mit weiterführenden Fragen zu beschäftigen. Ich halte daher den inklusiven Ansatz für fruchtbarer und auch für sozial verträglicher. Kinder lernen so viel besser, mit Unterschieden zu leben und diese auch als Ressource zu erfahren.

Was lernen Lehrer in Ihrer Ausbildung zum Thema Hochbegabung?

Das Konzept zur neuen Lehrerbildung "PädagogInnenbildung NEU" bietet zahlreiche Möglichkeiten, um schon in der Ausbildung auf die Vielfalt im Klassenzimmer vorzubereiten. Auf den Umgang mit Vielfalt gilt es, besonderes Augenmerk zu legen. Das ist etwa durch einen kasuistischen, d.h. fallorientierten Ansatz in der Lehrerbildung möglich. An konkreten unterschiedlichen Fällen wird gelernt, wie auf Vielfalt so geantwortet werden kann, dass sich eben auch möglichst vielfältige Lerngelegenheiten ergeben. Für diesen Ansatz brauchen wir auch die Schulen, die ihre Tore öffnen und - quasi als Instanzen der Personalentwicklung - in der Ausbildung mit den Universitäten und Pädagogischen Hochschulen kooperieren.

Sollte es Lehrer geben, die sich auf Hochbegabung spezialisieren?

Eine Spezialisierung auf Hochbegabung würde bedeuten, sich gezielt mit Erkenntnissen der Lernforschung zu beschäftigen, die aber wiederum für alle Schülerinnen und Schüler gelten nämlich:

  1. die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler zu erkennen - und zwar nicht durch das Abhaken von Checklisten oder durch das Messen von Intelligenz, sondern durch genaues Beobachten und Diagnostizieren,
  2. den Interessen und Leistungsvoraussetzungen angemessene Lerngelegenheiten zu eröffnen und
  3. laufend und sorgfältig Rückmeldung über den Leistungsstand zu geben. Besonders die begleitende Rückmeldung zum Lern- und Entwicklungsprozess ist relevant für gelingende und auch befriedigende Lernprozesse - und damit ist nicht einfach Leistungsbeurteilung gemeint, sondern die Eröffnung eines Dialogs über Lernfortschritte und auch über sich zeigende Hürden.

Ein auf den jeweiligen Entwicklungsstand abgestimmte Aufgabenportfolio stellt - nicht nur aber auch für Hochbegabte - besonders wichtige Anreize für das Lernen dar.


Sind flächendeckende IQ-Tests an Schulen sinnvoll, um festzustellen, ob Kinder hochbegabt sind?

Nein, IQ-Tests sind meines Erachtens nicht sinnvoll. Überdurchschnittlich entwickelte Leistungspotenziale bestehen nicht einfach in messbarer Intelligenz, sondern zeigen sich auch in Form von Kreativität, Neugier, Offenheit, auch Motivation, Konzentration und Ausdauer, wenn das Interesse einmal geweckt ist.

Welchen Nutzen hat die Gesellschaft von einer Förderung hochbegabter Kinder?

Zunächst hat die Gesellschaft den größten Nutzen, alle ihre Kinder zu fördern. Vor diesem Hintergrund gilt es generell, sich von der Vorstellung eines Standardschülers, für den der Unterricht konzipiert wird, zu verabschieden. Die Förderung hochbegabter Kinder ist jedoch insofern eine besonders sensible Angelegenheit, weil diese Kinder oft nicht in ihrem gesamten Leistungspotenzial erkannt und gesehen werden und dann auch nicht lernen, aus ihrem Potenzial zu schöpfen. Und das ist dann nicht nur für die Gesellschaft ein Verlust, sondern auch eine ganz persönliche Verlustgeschichte. Solche Verlustgeschichten sollten wir vermeiden.

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