Hoffentlich nicht die letzten ihrer Art.

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Artenschutz
07/19/2015

Bedrohte Berggorillas: So kann man sie schützen

Nur 880 Tiere trotzten der Ausrottung. Wie der WWF sie retten will und was Bäume damit zu tun haben.

von Susanne Mauthner-Weber

Amani Protés kann sich noch gut an das Jahr 1967 erinnern. Der damals Achtjährige half seinem Vater beim Aufforsten der Hänge der Virunga Berge im Kongo. "Doch schon bald war das Holz wieder geschlägert, und die Plantagen waren ausgebeutet", erzählt er. Damit sind wir bereits mitten in der Problematik, die das Aussterben der Berggorillas mitverursacht – das Abholzen ihres Lebensraumes, um Brennholz und Holzkohle zu gewinnen.

Auf 880 Tiere ist die Berggorilla-Population mittlerweile geschrumpft – weltweit. Sie leben an nur zwei Orten in den Nationalparks Mgahinga Gorilla, Volcanoes und Virunga sowie im Biwindi Impenetrable (siehe Grafik unten). Der WWF hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 ihre Zahl auf 1100 zu erhöhen. Dazu hat man ein Gorilla-Schutzprojekt erdacht, das beim Holz ansetzt. "Denn die Entwaldung ist der Bedrohungsfaktor Nummer 1", sagt der WWF-Mitarbeiter Karim Ben Romdhane.

Hier im Osten der Demokratischen Republik Kongo an der Grenze zu Ruanda und Uganda boten tropische Regenwälder, Savannen, Vulkane und bewaldete Gebirgsketten zahlreichen Arten lange Schutz. Weil aber auch vier Millionen Menschen, die von Brennholz abhängig sind, im Umkreis einer Fuß-Tagesreise leben, prallen seit Jahren menschliche und tierische Interessen aufeinander.

Die Leute holzen den Wald – das Wohnzimmer der letzten Berggorillas – ab, berichtet Romdhane. Allein der Hauptort der Region, die Stadt Goma, braucht jährlich etwa 50.000 Tonnen Holzkohle. 80 Prozent davon stammen aus dem Virunga Nationalpark – illegal gerodet.

Mountain gorilla

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Truck transporting charcoal, Virunga National Park

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Mountain gorilla, Bwindi National Park, Uganda

Sieben Millionen Bäume

Seit 2007 steuert der WWF mit ECOmakala dagegen. Im Rahmen des Projekts, das nach dem Wort für Holzkohle in Suaheli (Makala) benannt wurde, hat man sieben Millionen schnell wachsende Bäume gepflanzt. 4900 Bauern wurden eingeschult und haben mittlerweile mehr als 8000 Hektar im Umland des Nationalparks als kleinflächige Holzplantagen aufgeforstet. Amani Protés ist einer von ihnen: "Es gibt große Nachfrage nach den Produkten der Plantage", erzählt er.

"Ich wollte sicherstellen, dass meine Kinder eine Zukunft haben und außerdem den Wald schützen."

Wie explosiv die Lage im Virunga-Nationalpark ist, zeigt die Tatsache, dass der Direktor, Emanuel de Merode – ein engagierter Naturschützer – im Vorjahr von Unbekannten angeschossen und schwer verletzt worden ist. 20 Ranger wurden seit 2012 bei der Verteidigung des Parks und der Berggorillas getötet.

Die Tiere stehen in vielen afrikanischen Ländern hoch im Kurs: Über dem Feuer kurz angegrillt, damit ihr Fleisch länger haltbar bleibt, werden sie auf den Märkten zu guten Preisen gehandelt. Gorillas sind bei Wilderern begehrt, weil die Jäger mit einer einzigen Kugel eine große Menge Fleisch erbeuten, erklärt Sandra Altherr, Leiterin des Affenschutzprojektes bei der Tierschutzorganisation Pro Wildlife. Und das ist nur die Spitze des Eisberges, denn die dezimierten Gorilla-Bestände erholen sich aufgrund der langsamen Fortpflanzungsrate der Menschenaffen nur schwer: Eine Gorillamutter bekomme maximal alle fünf Jahre ein Junges. Kein Wunder, dass drei der vier Gorilla-Unterarten in der höchsten Gefährdungsstufe auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN stehen, die vierte auf der zweithöchsten.

Flachland-, Berg- & Cross-River-Gorilla

Den 880 Berggorillas (Gorilla beringei beringei) stehen nur noch 300 Cross-River-Gorillas (Gorilla gorilla diehli) gegenüber. Der Bestand des Östlichen Flachlandgorillas (Gorilla beringei graueri) ist seit der Jahrtausendwende von 17.000 auf 5000 Tiere geschrumpft. Und obwohl es noch mehr als 200.000 Exemplare des Westlichen Flachlandgorillas (Gorilla gorilla gorilla) gibt, gilt auch diese Unterart als akut vom Aussterben bedroht. Auf dem Papier sind Gorillas zwar streng geschützt. Doch sogar in afrikanischen Nationalparks sehe die Wirklichkeit anders aus, berichtet Altherr: "Der Wilderer geht fast kein Risiko ein, erwischt zu werden, und wenn doch, dann wird entweder ein Auge zugedrückt, oder er zahlt ein Schmiergeld und ist wieder draußen."

Für das UN-Umweltprogramm UNEP führt der Weg zu einem nachhaltigen Gorillaschutz über die lokale Bevölkerung. Man will gezielt die Existenzgrundlage der Menschen in den Gorilla-Gebieten stärken und ihnen Möglichkeiten aufzeigen, ihren Lebensunterhalt ohne illegale Jagd zu verdienen. Eine Option ist, Wildtierjäger zu Imkern umzuschulen. In Uganda und Ruanda sind Gorilla-Beobachtungstouren für Touristen ein Renner; in Ruanda haben die Tourismuseinnahmen die Einkünfte durch Kaffee-Exporte überholt. Solange bei solchen Touren der nötige Abstand gewahrt wird und die Gruppen nicht zu groß sind, halten auch Umweltschützer diese Art des Tourismus für eine durchaus positive Sache. Die Botschaft des "affenbasierten Ökotourismus" lautet: Lebendige Gorillas sind mehr wert als tote.

Macht durch Gestank

Faszinierend sind die Größten der Menschenaffen allemal. Erst unlängst haben Forscher herausgefunden, dass Gorilla-Männchen ihre Gruppe nicht nur mit Imponier-Gehabe und lautem Gebrüll, sondern auch mittels Duftstoffen leiten. Michelle Klailova von der schottischen Universität Stirling hatte es ein männlicher "Silberrücken", der Chef einer 13-köpfigen Gorillagruppe, besonders angetan. Daher konzentrierten sie und ihr Team sich bei ihren Untersuchungen vor allem auf sein Verhalten: Und siehe da, die Forscher fanden heraus, dass der Chef besonders stinkt, wenn er etwas zu sagen hatte – der "Silberrücken" nutzte die Duftstoffe zur Beeinflussung des Verhaltens seiner Clan-Mitglieder. Bei Ärger oder Gefahr, aber auch, wenn die Mutter des jüngsten Gruppenmitglieds nicht in direkter Nähe der Chefs war, roch der "Silberrücken" besonders streng, berichtet Klailova. Mehr noch: Der Geruch könne je nach Situation hinauf- und hinuntergeregelt werden.

Michelle Klailova vermutet, dass die Duft-Sprache in den zentralafrikanischen Urwäldern, wo die Sicht oft schlecht ist, auch zur Orientierung genutzt wird. Die Kommunikation über Gerüche dürfte bei Menschenaffen – und Menschen – also viel wichtiger sein als bisher angenommen.

Kein Wunder, dass bei den Wissenschaftern die Sorge groß ist, dass die Gorillas ausgerottet sind, ehe sie so richtig erforscht wurden. Vielleicht sind sie aber doch nicht so leicht umzubringen. Eine aktuelle Studie belegt, dass sie auch als kleine Populationen überleben können: Yali Xue vom Wellcome Trust Sanger Institute in Hinxton/Großbritannien hat das Erbgut der Berggorillas umfassend analysiert, mit dem der anderen Gorilla-Unterarten verglichen und festgestellt, dass die Zahl von Berggorillas und Östlichen Flachlandgorillas bereits seit 100.000 Jahren schrumpft. Außerdem schadet ihnen Inzucht nicht so sehr wie anderen Tierarten – im Gegenteil: Bestimmte Gendefekte sind infolge von Inzucht sogar aus ihrem Erbgut verschwunden. "Wir waren besorgt, dass der dramatische Populationsrückgang in den 1980er-Jahren auf lange Sicht katastrophal für die Berggorillas wäre, aber unsere Gen-Analysen lassen vermuten, dass Gorillas schon Tausende Jahre lang als kleine Populationen zurechtkommen", sagt Yali Xue. "Während ein vergleichbares Ausmaß an Inzucht zum Aussterben der Neandertaler beitrug, scheinen Berggorillas widerstandsfähiger zu sein."

Inzucht vermeiden

Linda Vigilant und ihr Team dürfen nicht zimperlich sein: Im Karisoke Forschungszentrum in Ruanda jagen die Genetiker vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie Kotproben hinterher. Wozu? Um bei 97 Berggorillas die Vaterschaft eindeutig zu bestimmen. Seit 1999 erforscht das Team die Verwandtschaftsverhältnisse unter den extrem bedrohten Tieren und führt genetische Analysen der Kotproben durch. Ergebnis: Berggorilla-Weibchen wissen, wie sie Inzucht vermeiden. Die genetischen Studien belegen, dass dominante Männchen keine Nachkommen mit ihren eigenen Töchtern zeugen.

Während der „Amtszeit“ des Alphamännchens einer Gruppe erreichen viele seiner Töchter die Geschlechtsreife und könnten sich theoretisch mit ihm fortpflanzen. Daher verlassen üblicherweise drei von fünf weiblichen Gorillas ihre Geburtsgruppe, um in einer anderen Gruppe einen Geschlechtspartner zu finden. Genetikerin Vigilant hat jetzt festgestellt, dass sieben von zehn Nachkommen (72 Prozent) einer Gruppe, in der sich mehr als ein Männchen befindet, vom dominanten Männchen gezeugt wurden. Das Alphamännchen war jedoch in keinem Fall der Vater eines Nachkommens der eigenen Tochter. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein dominantes Männchen Nachwuchs mit der eigenen Tochter zeugt, ist gleich null“, sagt Vigilant.

Lieber mit Jüngeren

Weibliche Gorillas sind zwar viel kleiner als männliche, aber recht dominant – zumindest bei der Partnerwahl. Die Initiative zum Geschlechtsverkehr geht oft von ihnen aus. Doch wie können Sie gewährleisten, ausgerechnet dem eigenen Vater in Liebesdingen die kalte Schulter zu zeigen? Vigilants Team hat herausgefunden, dass sich die Töchter dominanter Männchen mit niederrangigen Männchen fortpflanzen, die wesentlich jünger sind als ihre Väter. Die Weibchen scheinen also nach dem Motto zu verfahren: Paare dich lieber mit jungen Männchen, denn die können nicht dein Vater sein.
Vigilant ist weiters der Meinung, dass auch der relativ lange Zeitraum, den noch nicht geschlechtsreife Weibchen in der Gesellschaft des dominanten Männchens verbringen, ihnen letztlich dabei hilft, ihren biologischen Vater als solchen zu erkennen. Außerdem bevorzugen dominante Männchen als Partner ältere Weibchen, die erfahrene Mütter sind.

Wo die Berggorillas leben

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