Leben
29.08.2017

Wo der Fußball therapeutisch wirkt

Die gemeinsame Leidenschaft hat die Bindung zwischen einem Vater und seinem besonderen Sohn gestärkt.

"Kinder zahlen bei uns keinen Eintritt." Eröffnet die junge Mitarbeiterin des FC Karabakh Wien an der Kassa des Fußballplatzes in Wien-Simmering – mit einem strahlenden Lächeln. Sie hat jedoch ihre gut gemeinte Rechnung ohne Jason gemacht. Der Zwölfjährige dreht sich enttäuscht weg von ihr. In seiner Wahrnehmung ist er kein Kind, in seiner Wahrnehmung wurde er nach der Geburt umgehend erwachsen.

Ärzte haben bei ihm ein Asperger-Syndrom diagnostiziert, eine Entwicklungsstörung innerhalb des Autismus-Spektrums. Er selbst beschreibt sein Problem weniger medizinisch: "In meinem Gehirn ist manchmal Krieg, es schießen da so viele Gedanken durcheinander."

Es soll die einzige brenzlige Situation an diesem Nachmittag im äußersten Osten von Wien bleiben. Mirco von Juterczenka löst sie mit all seiner Routine. Indem der 40-jährige Gastronomie-Manager, Blogger und nun auch Buchautor seinem Sohn umgehend seine Eintrittskarte aushändigt und ihm versöhnlich erklärt, dass es der "Papsi" ist, der heute beim Fußball freien Eintritt genießt.

Wochenendrebellen

Seit fünf Jahren touren die beiden Deutschen kreuz und quer durch Europa. Zuletzt waren sie in Belgrad, Sofia und Sarajevo. Zum Treffen mit dem KURIER kamen sie nun auf den kleinen Sportplatz in Kaiserebersdorf. Sie folgen auf ihrer Tour einem Versprechen des Vaters, das der Sohn so interpretiert: "Erst, wenn ich meinen Lieblingsverein gefunden habe, ist unsere Reise beendet."

Der FC Karabakh und der First Vienna Football Club since 1894 verspielen ihre Chance bei ihm schon vor Spielbeginn. Nicht weil in dem aufstrebenden Verein viel Geld von Geschäftsleuten aus Aserbaidschan gepumpt wird, auch nicht, weil die Vienna als ältester Fußballverein Wiens chronische finanzielle Nöte hat und schon in ein paar Tagen Geschichte sein könnte. "Nein", erklärt Jason strikt. "Aber Mannschaften, die vor dem Spiel einen Spielerkreis bilden, kommen für mich prinzipiell nicht infrage."

65 Fußballspiele hat der junge Zuschauer mit seinem Vater bis dato besucht. Nicht nur Spiele der ersten deutschen Bundesliga, auch viele zweit- und drittklassige Partien, so wie die heutige in der hiesigen Regionalliga Ost.

Ihre fantastischen Erfahrungen haben die beiden Groundhopper in einem an Erkenntnissen reichhaltigen Buch beschrieben. Der Titel bringt die geballte Sammlung der Vater-Sohn-Erlebnisse gut auf den Punkt: "Wir Wochenendrebellen."

Reden übers Leben

Für den vielbeschäftigten Vater sind die Wochenend-Touren eine gute Gelegenheit, um mehr über Jason zu erfahren. Laut einer Vereinbarung mit seinem Sohn dürfen sie ihre Ziele ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln bereisen. Während die krisengeschüttelte Vienna ein Tor nach dem anderen kassiert, erzählt er: "Wir verbringen auf den Reisen eine intensive Zeit miteinander. Ich konnte viel von Jasons Blickwinkel lernen, der anders ist als meiner. Dadurch hat sich mein Horizont erweitert."

Unterwegs habe er auch einen Modus gefunden, um die Klippen der Behinderung zu umschiffen, zum Beispiel: "Wenn wir essen gehen, darf ich mir nie zu viel bestellen. Denn Jason besteht darauf, dass wir erst vom Tisch aufstehen dürfen, wenn wir alles aufgegessen haben. Er nennt mich dann liebevoll seinen Müllschlucker, weil ich ja seine Essenreste verspeisen muss."

Sein Blog und sein Buch haben viele positive Reaktionen hervorgerufen, nicht nur bei sozial engagierten Fußballfans, auch bei Eltern von autistischen Kindern. Zuvor hatten ihm Therapeuten dringend abgeraten, mit seinem Sohn Orte der Massenansammlung aufzusuchen. Heute weiß er: Die Liebe zum Fußball ist stärker als die Angst vor dem Chaos.

Mirco von Juterczenka vergisst in der Ferne des Wiener Karabakhs nicht, seiner Frau zu danken. Nach dem Schlusspfiff sagt er: "Wenn ich bei der Arbeit bin, löst sie alle Probleme des Alltags."

Die siebenstündige Heimfahrt nach Kassel bietet erneut ausreichend Gesprächsstoff. Was Jason, der inzwischen für die Reiseplanung verantwortlich ist, in Wien am meisten beeindruckte? Die Rückfahrt von Simmering zum Wiener Hauptbahnhof. Erst mit der U3, und dann – als absolutes Highlight des Wochenendes – mit einer betagten Wiener S-Bahn.

Ihre Reise geht weiter

Seinem Vater imponierten wiederum die Gespräche mit den letzten getreuen Vienna-Anhängern und ihre mehr melancholisch geheulten als selbstbewusst vorgetragenen Gesänge. Die Reise mit seinem Sohn fand im elften Wiener Gemeindebezirk kein Ende. Dafür hat man hier neue Freunde gewonnen.