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Alleskönner
10/28/2019

Ariel der Antike: Was Rosskastanien alles können

Zeit, sich das Innenleben der Samen genauer anzuschauen.

von Susanne Mauthner-Weber

Aesculus hippocastanum steckt voller Überraschungen. Stellt man den frisch abgeschnittenen Zweig einer Rosskastanie in ein Glas mit Wasser und bestrahlt ihn mit UV-Licht, nachdem man den Raum abgedunkelt hat, zeigen sich an der Schnittfläche fluoreszierende Schlieren – der Zweig scheint blau zu bluten.

Chemikern gilt das Experiment als Beweis, dass die Rosskastanie Aesculin enthält. Für Laien: Das ist ein Farbstoff, der beim Waschen als Aufheller wirkt. Aesculin absorbiert UV-Strahlen und strahlt blaues Licht ab – die Wäsche wirkt für das menschliche Auge weißer. Natürlich hat sich die Waschmittelindustrie den Effekt rasch zunutze gemacht.

Ausflug in die Geschichte

Dass es die Rosskastanie heute bei uns gibt, ist einem Wiener Hofbotaniker zu verdanken: Carolus Clusius erhielt 1576 die ersten Samen des Baumes aus Konstantinopel. Von der Donau aus, verbreitete er sich über ganz Europa. Wenige Jahrzehnte später erkor der französische König Ludwig XIV. die Rosskastanie zu seinem Lieblingsbaum, den er bald überall in Alleen, Parks und Gärten pflanzen ließ. Ein Trend war geboren.

Fossile Funde belegen, dass die Rosskastanie aber schon vor der Eiszeit in Mitteleuropa verbreitet war. Später wurde sie durch Frost verdrängt, überlebte aber am südlichen Balkan. Jedenfalls pries bereits Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) die Heilwirkung der Samen. Zerrieben und mit Branntwein vermischt, sollen sie bei Koliken helfen.

Ganz falsch dürften die alten Heilkundigen nicht gelegen haben: Heute werden aus Samen, Borke, Blättern und Blüten Grundstoffe für die pharmazeutische Industrie gewonnen. Die daraus hergestellten gefäßverstärkenden und entzündungshemmenden Präparate werden bei Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren, Gebärmutter-Blutungen, Krampfadern und Hämorrhoiden eingesetzt.

Gerda Holzmann, Kräuterexpertin bei Sonnentor, ortet eine Rückkehr von natürlichen Mitteln: „Die Rosskastanie ist sehr vielseitig. In erster Linie werden die Samen verwendet, die man zu Extrakten ansetzen und zu Salben weiter verarbeiten kann. Außerdem ist die Rosskastanie mit ihren Blüten voller Nektar auch ein wunderbarer Bienen-Baum.“

Wer mag, kann mit verschiedenen Pflanzenteile der Rosskastanie sogar Wolle färben: Die Schalen ergeben braune Töne, die Blätter, die Anfang Mai gepflückt werden, einen rostbeigen Ton, die aus dem August einen honiggelben Farbton. Die tanninhaltige Rinde der Rosskastanie wurde in Italien beim Wollfärben zum Färben eines bräunlichen Gelb verwendet. In den beiden Weltkriegen gewann die britische Regierung aus Kastanien Aceton zur Herstellung des Sprengstoffs Kordit.

Wer sich jetzt fragt, ob das alles auch mit der Esskastanie (Castanea sativa) funktioniert, wird enttäuscht: Sie ist als Buchengewächs nicht mit der Rosskastanie verwandt. Darauf verweist schon der Name. Das alte indogermanische „Ross“ bedeutet nichts anderes als „falsch“ oder „unecht“.

Rosskastanien-Waschmittel

Kräuter-Expertin Holzmann empfiehlt: Rosskastanien trocknen (z.B. in Backrohr bei geringer Hitze oder neben einer Heizung), danach mit einem Fleischklopfer aufbrechen und fein mahlen.  Je kleiner die Stücke, desto besser lösen sich die Seifenstoffe. Über Nacht in kaltem Wasser ansetzen. Den Sud seiht man durch ein Sieb  und gießt ihn vor dem Waschgang in die Waschtrommel. Das Kastanien-Flüssigwaschmittel ist im Kühlschrank etwa 2 bis 3 Tage haltbar. Für 1 bis 2 Waschgänge braucht man 5 bis 10 frische Kastanien. 

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