Wir leben im Zeitalter der "Gebraucht-Erde"

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Foto: REUTERS/ERIK DE CASTRO Sogar Mikrofaser aus unseren Outdoorjacken finden sich in den Weltmeeren.

Forscher wollen ein neues Erdzeitalter ausrufen – die Epoche des Menschen.

Wie viel echte Wildnis gibt es weltweit überhaupt noch? Das fragten sich Forscher vor zwei Jahren und begannen, in mühsamer Kleinarbeit Satellitenbilder auszuwerten. Grüne Wälder, tiefblaue Seen, unberührte Wüsten. Wer heranzoomt erkennt: Städte, Industriebrachen, Müllkippen, Weiden, Äcker, Forstplantagen, Straßen, Bergbaugebiete, Stauseen.

Je mehr Aufnahmen Erle Ellis durch sein Programm jagte, desto klarer wurde dem US-Geograf, wie tief greifend der Planet bereits vom Menschen verändert wird. Auf drei Viertel der Landfläche fand Ellis optisch erkennbare Spuren menschlicher Interventionen. Nur im Hochgebirge, in den Wüsten, an den Polen und in einigen Urwaldgebieten findet sich noch Wildnis. Sofern man verschweigt, dass auch dort aus der Luft synthetische Chemikalien und Rußpartikel niedergehen.

Die Natur ist vom Menschen gemacht

Ellis argumentiert: Eine "Gebraucht-Erde" sei im Entstehen, ein Gebilde aus zweiter Hand. "Es ist veraltet, die Erde als natürliches Ökosystem zu sehen, das von Menschen gestört wird. Vielmehr ist die Erde bereits ein Humansystem mit eingebetteten natürlichen Ökosystemen geworden." Natur ist mittlerweile vor allem Menschenwerk. Der Planet wird nie wieder derselbe sein.

Nobel Prize laureate and Dutch meteorologist Crutz Foto: REUTERS/GIL COHEN MAGEN Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen hat dafür einen Namen gefunden. Im Jahr 2000 sprachen seine Kollegen auf einer Konferenz immer wieder über das Holozän als aktuelle geologische Erd-Epoche. Crutzen rutschte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, bis er herausplatzte. "Hören Sie endlich auf, vom Holozän zu sprechen", rief er. "Wir sind nicht mehr im Holozän. Wir sind im ..., im ..., im ... Anthropozän! (griechisch anthropos "Mensch")"

Stille im Saal. Eine Menschheit, die nicht nur an der Oberfläche der Natur kratzt, sondern sie tief greifend, global und langfristig verändert? Crutzens Idee breitete sich rasch aus. Forscher benutzen den Begriff Anthropozän in ihren Studien längst so, als wäre er der offizielle Name unserer Zeit. Ob künftig auch in Geologie- und Schulbüchern "Anthropozän" stehen wird, wird die Internationale Kommission für Stratigraphie demnächst entscheiden.

"Mikrofasern aus unseren Outdoorjacken finden sich in den Ozeanen"

In der 39 Forscher umfassenden Arbeitsgruppe aus Erdwissenschaftlern und Biologen sitzt auch der österreichische Geologe Michael Wagreich: "Die Produktion von Materialien, die es zuvor überhaupt nicht gegeben hat – Beton, Plastik, Aluminium –, ist stark angestiegen und mittlerweile in den Sedimenten nachweisbar. Und das sogar in den Ozeanen bis in mehrere Tausend Meter Tiefe. Unglaublich: Mikrofasern aus unseren Outdoorjacken finden sich ebenfalls dort", sagt er.

Der Mensch produziert 13 Gigatonnen Beton jährlich

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Baustelle, Bauindustrie, Wint… Foto: /ihoe/IStockphoto.com Reinhold Leinfelder, Co-Autor einer kürzlich in Sciene veröffentlichen Studie zum Anthropozän, ergänzt: "Wir produzieren jährlich fast so viel Plastik, wie es der Biomasse aller auf der Erde lebenden Menschen entspricht. Plastik findet sich bereits in allen Ablagerungsräumen der Erde, vom Gebirgstümpel bis zur Tiefsee und wird so als Technofossil zu einem der wichtigsten Leitfossilen des Anthropozäns werden."

Sofern es denn das Holozän, das vor 11.700 Jahren mit dem Ende der letzten Eiszeit begann, auch offiziell ablöst. Das soll auf einem geologischen Kongress im August 2016 in Kapstadt entschieden werden, sagt Wagreich und argumentiert mit "langlebigen Spuren" für das neue Erdzeitalter. Beispiel: "Die jährlich vom Mensch produzierte Menge an Beton ist mit 13 Gigatonnen mittlerweile gleich groß wie jene an Sedimenten, die Jahr für Jahr natürlich von allen Flüssen der Welt verfrachtet werden. Das ist schon ein Zahlenwert, der einem zu denken gibt."

Als die Atombombe explodierte

WORLD_WAR_II_POLL_WX311 Foto: AP Photo/File Was das alles für Lebewesen bedeutet? Wird es künftig nur noch Arten geben, die sich menschlichen Lebensräumen anpassen können oder die wie Nutztiere direkt menschlichen Bedürfnissen dienen? Die Gefahr besteht, warnen Wissenschafter. Stichwort: Sechste große Aussterbewelle. Doch je mehr Arten schwinden, desto deutlicher wird, dass von Bodenbakterien bis zu riesigen Meer-Säugern das ganze Spektrum von Biodiversität nötig ist, um die Erde für Menschen dauerhaft bewohnbar zu halten. Vielleicht werden wir in der Ära des Menschen entdecken, wie sehr wir auf die Millionen von anderen Lebewesen angewiesen sind, mit denen wir den Planeten teilen.

Anthropozän Foto: KURIER Dass das Anthropozän eingeführt werden soll, darüber ist man sich also weitgehend einig. Über den Zeitpunkt nicht: Zur Diskussion steht zum Beispiel der 16. Juli 1945, der Tag, an dem die erste Atombombe explodierte: Der Fallout lässt sich anhand von Plutonium 239 vielerorts im Sediment nachweisen – und das wird auch noch Hunderttausende Jahre lang so bleiben.

"Wir müssen dringend zu Hütern und Bewahrern des Erdsystems heranreifen."

Wagreich ist dafür, den Beginn des Anthropozän früher anzusetzen. "Früher heißt: 3000 vor heute, da gab es schon den ersten Bergbau, Ackerbau, Müllhalden ..." Und weiter: "Das Anthropozän ist zu einem Symbol geworden – für menschliches Eingreifen. Der Begriff dient der Bewusstseinsbildung; dafür, dass das System Erde überaus komplex ist und wir es noch immer nicht verstehen." – Oder wie sein Erfinder Crutzen es formuliert: "Wir müssen dringend zu Hütern und Bewahrern des Erdsystems heranreifen."

(kurier) Erstellt am
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