Es braucht ein Du, damit das Ich glücklich sein kann
12/25/2016

"Es braucht ein Du, damit das Ich glücklich sein kann"

Lässt man am Christtag das Jahr Revue passieren, stößt man auf die Frage: Was wurde aus der Nächstenliebe? Wir stellten sie Menschen, die täglich darüber nachdenken.

Corinna Milborn, die Fragenstellerin

Kurz vor Weihnachten war ich bei einer Feier in einer kleineren Gemeinde eingeladen. Eine syrische Familie hatte endlich ihren Asylantrag stellen können und alle geladen, die sie in den Monaten des Bangens unterstützt hatten. Der Gemeindesaal war voll: zu Tränen gerührte Beamte. Lehrerinnen. Ein Musiker, der dem ältesten Sohn Klavierstunden gab. Die Belegschaft eines nahen Altenheimes, in dem der Vater aushalf. Freundinnen der Mutter, Schulfreunde, Kindergarteneltern. Es gab Kekse und Punsch, Reden und Freudentränen: eine beeindruckende Demonstration von Nächstenliebe. Ich war als Privatperson eingeladen – mit der expliziten Bitte, nicht zu berichten. Das wäre zu gefährlich für die Helfenden.

Das Erlebnis fasst das Jahr 2016 für mich gut zusammen. Ich habe nie so viele Menschen erlebt, die sich selbstlos für Menschen einsetzen, denen es schlechter geht – wohl weil so viele davon frisch in unser Land gekommen waren. Wenn man zurückdenkt an den Sommer 2015, als in Traiskirchen die Zelte standen, kann man nur stolz sein auf dieses Land. Niemand schläft mehr draußen, und die Integration läuft dank Tausender Freiwilliger besser als man es sich wünschen konnte: Sie geben Deutschstunden, helfen bei Hausübungen, spielen mit unbegleiteten Jugendlichen Fußball und nehmen Neuankömmlinge auf Feste mit. Überall, wo es direkten Kontakt mit geflohenen Menschen gibt, geht das Land nur so über vor Nächstenliebe.

Aber ich habe auch nie erlebt, dass jene, die helfen, so große Angst davor haben, dass es bekannt wird. Während sich vor Kurzem jedes Unternehmen mit einer Spende an die Caritas gebrüstet hätte, sagt man uns jetzt, man möchte das lieber nicht veröffentlichen. Wer unbegleiteten Jugendlichen eine Lehrstelle vermittelt und damit das wichtigste überhaupt ermöglicht – Zukunft – schweigt lieber darüber, als sich einem Shitstorm auszusetzen. Helfende Familien bitten, ihren Namen nicht zu nennen. Hilfreiche Beamte wollen anonym bleiben.

Denn 2016 war auch das Jahr, in dem der Hass Einzug hielt wie noch nie.

Es ist eine viel kleinere Gruppe, die gegen alle hetzt, die sich für Menschlichkeit einsetzen – aber sie ist dabei so laut und bedrohlich, dass jene, die helfen, zum Schweigen gebracht werden. Das ist wohl unsere Herausforderung 2017: Dass jene Mehrheit, für die Nächstenliebe ganz selbstverständlich ist, auch ohne Angst dazu stehen kann. Denn das Plakat der Caritas "Liebe ist größer als Hass" stimmt zwar. Aber der Hass ist derzeit lauter. Und das ist gefährlich – für uns alle.

Corinna Milborn ist Info-Chefin und politische Interviewerin des TV-Senders Puls 4. Sie engagiert sich beruflich wie privat bei Migration und humanitären Fragen.

Martin Schenk, der Armutsbekämpfer

Es gibt etwas in unserem Leben, das einfach wichtig ist. Bestimmte Bedürfnisse, die gestillt werden müssen. Dazu gehören auch Lebensmittel, die man nicht essen kann, aber trotzdem zum Leben braucht. Achtung und Anerkennung ist ein solches Lebensmittel.

Auf einem Dorfplatz, spät nachmittags. Eine Kinderschar sitzt am Boden über Papier gebeugt, rechnet, zeichnet und schreibt. Zwei Frauen haben den Kindern, die sowohl aus einer höheren wie aus einer niederen indischen Kaste kommen, Aufgaben vorgelegt. Das Kastensystem ist trotz gesetzlicher Verbote noch immer kulturell stark wirksam. Später werden die beiden Weltbank-Ökonominnen Karla Hoff und Priyanka Pandey die Ergebnisse dieses ungewöhnlichen Feldversuchs veröffentlichen.

In einem ersten Durchgang schnitten die Kinder aus den niederen Kasten leicht besser ab als die aus den höheren. Niemand wusste, wer welcher Kaste angehört. Dann wiederholte man das Experiment. Zuerst mussten die Kinder vortreten, sich mit Namen, Dorf und Kastenzugehörigkeit vorstellen, dann durften sie die Aufgaben lösen. Das Ergebnis: Die Leistungen der Kinder aus den unteren Kasten waren deutlich schlechter. Dieser Effekt wurde in den USA und in Europa bestätigt.

Wenn man eine Gruppe verletzlich macht mit dem Blick der Verachtung, dann bleibt das nicht ohne Wirkung. Wer damit rechnet, als unterlegen zu gelten, bringt schlechtere Leistungen. „Stereotype threat“ wird dieser Effekt genannt, Bedrohung durch Beschämung. Umgedreht heißt das, dass die besten Entwicklungsvoraussetzungen in einem anerkennenden Umfeld zu finden sind, dort wo wir an unseren Erfolg glauben dürfen. Wo ich meinem Können traue, dort gibt es auch welche, die mir etwas zu-trauen. Ein Credo. Ich glaube an dich.

Statusangst und mangelnde Achtung sind nicht nur die Totengräber der Nächstenliebe, sondern auch Lern- und Leistungshemmer. Soziale Scham ist nicht bloß ein harmloses persönliches Gefühl. Beschämung ist eine soziale Waffe. Ich werde zum Objekt des Blicks anderer. Andere bestimmen, wie ich mich zu sehen habe. Ich fürchte mein Gesicht zu verlieren. Beschämung hält Menschen klein und rechtfertigt die Bloßstellung als von den Beschämten selbst verschuldet. Vieles an Wut ist nach außen gerichtete Scham.

Es gibt eben Lebensmittel, die man nicht essen kann, aber trotzdem zum Leben braucht. Zukunft gibt es, wo wir an unsere Fähigkeiten glauben dürfen. Weil andere an uns glauben.

Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie, Mitbegründer der Armutskonferenz und Psychologe in Wien. www.armutskonferenz.at

Petra Hofmayer, die Seelenforscherin

Wer verdient sie, die Nächstenliebe? Der Alkoholiker in der Nachbarwohnung, der am Nachmittag noch immer (oder schon wieder?) eine Fahne vor sich herträgt? Die frierende Bettlerin im U-Bahn-Aufgang? Der Unfalllenker, wegen dem eine Familie nie wieder gemeinsam Weihnachten feiern wird?

Jeder von uns spürt, wo seine empathische Grenze verläuft. Wen er, wenn es ernst wird, lieber draußen lässt. Jeder von uns weiß, wer seine Nächsten sind und wo er lieber Augen und Ohren verschließt.

Das kann man uns Menschen nicht einmal zum Vorwurf machen. So hat uns doch der „parochale Altruismus“ einen nicht zu vernachlässigenden Vorteil verschafft. Was das heißt, ist schnell erklärt: Altruismus steht für Uneigennützigkeit und selbstloses Verhalten. Parochialismus beschreibt, dass Gruppenzugehörige gegenüber Andersdenkenden und -lebenden bevorzugt werden. Wir sind sicher eingebettet in einem stabilen Deal. Ich gebe dir, du gibst mir. Die Idee, dass wir Unseresgleichen beschützen und versorgen, um unser Überleben zu sichern, ist alles andere als neu. So weit hat spätestens Darwin gedacht. Dass damit aber schon immer einhergeht, dass „die anderen“ ausgegrenzt werden, mitunter feindselig bis gewaltsam, sehen wir heutzutage am deutlichsten – anhand von Flüchtlingskrisen oder Wahlkämpfen. Politiker laden uns immer wieder zum verführerischen Kampf der Gegensätze ein. Die einen gegen die anderen. Geschickt werden so tief liegende Ängste angesprochen, nämlich gegenüber „den anderen“ zu verlieren, quasi unterzugehen.

Dabei wäre es doch für Menschen als empathiefähige Lebewesen ein Leichtes, sich in „die anderen“ hineinzudenken und ihre Welt zu verstehen. Allein, die Welt wird nicht einfacher, wenn wir unseren Blick heben. Bevor wir uns des Leids um uns herum bewusst werden, finden wir viele Gründe nichts zu tun: keine Zeit, kein Geld, selbst genug um die Ohren. Hauptsache, man fühlt sich nicht zuständig.

Ein Aufruf zu mehr Nächstenliebe kann kein moralischer Appell sein, so funktioniert das nicht. Es kann lediglich der Vorschlag sein, seine Verantwortung nicht an eine andere Instanz abzugeben, die sich gefälligst kümmern soll. Es kann ein Angebot sein, sein Mitgefühl auch an „die anderen“ zu verschenken. Sich zu verschenken wie eine Rose ihren Duft. Die fürchtet auch nicht, dass ihr den jemand wegnimmt.

Petra Hofmayer ist Klinische und Gesundheitspsychologin sowie multimediale Kunsttherapeutin in Wien. Sie ist leitende Psychologin im Ärzteheim Wien und dem Pflegezentrum Maria Lanzendorf und arbeitet mit mehreren Organisationen zusammen. www.petra-hofmayer.at

Aus der Augustin-Redaktion - die Streetfighter

In einer renommierten Wiener Tageszeitung beschrieb Mitte Dezember ein Autor seine Verunsicherung, sobald er auf der Straße um Geld gebeten würde: Kam das nun der Bettlerin oder der Bettelmafia zugute? Dieses simpelste aller Geben-Nehmen-Verhältnisse ist immens kompliziert geworden.

Pünktlich vor Weihnachten poppt in den meisten Medien das Wort „Bettelmafia“ auf. In den klügsten Zeitungen liest man davon, nicht nur in der Yellow Press der Wiener Untergrundbahn. Das ist ein Wort, das eingeführt wurde, um die „guten“ von den „schlechten“ Armen zu unterscheiden; und nicht etwa, um ernsthaft jemanden darin zu bestärken, sich von Arbeitsausbeutung (und die suggeriert der Begriff ja) zu befreien.

Wem aber hilft diese Unterscheidung? All jenen, die heillos überfordert sind von der Tatsache, dass es Arme gibt; während der Berufspolitik kein noch so schwaches Lichtlein aufzugehen scheint, wie man sich dem Problem „Armut“ oder dem Problem „Reichtum“ nähern könnte (mehr noch: dass es da überhaupt ein Problem gibt). Armut verunsichert, und wer sich nicht traut, sich verunsichern zu lassen, reagiert mit Ablehnung. Armut ist in den vergangenen Jahren in Wien sehr viel sichtbarer geworden. Das ist deswegen nicht angenehm, weil man ständig daran erinnert wird, dass es ein Verteilungsproblem gibt, in das man selbst auf die eine oder andere Art verheddert ist.

Nehmen wir die U6-Station Josefstädter Straße: Die meisten Menschen, die dort aussteigen, sind vermögender und einkommensstärker als der Augustin-Verkäufer, der dort seine Zeitungen anpreist. Aber sie sind nicht davor gefeit, selber zu verarmen, und das wissen sie. Schaut Euch um in Europa! Und schon grassiert die Angst. Mangelt es uns an Nächstenliebe? Vielleicht nicht. Die Tausenden, die im vergangenen Jahr eine solide Willkommenskultur für Flüchtlinge geschaffen haben, waren eine riesige soziale Bewegung der Nächstenliebe. Aber damit solch weltoffene Nächstenliebe nachhaltig sein kann, muss mit ihr der Wunsch einhergehen, gemeinsam für eine bessere Welt in den Ring zu steigen.

Ein Kollege von einem politischen Monatsmagazin rief im gemeinsamen Gespräch einmal entrüstet aus: „Ich bin ja kein Weltverbesserer!“ Er wollte sich gegen den Vorwurf der Naivität wehren, klar. Aber bei näherem Hinhören gerät man doch ins Stolpern: Wie, diese Welt willst du nicht verbessern? Aber wieso zum Deibel denn nicht?

Lisa Bolyos, Kathrin Gräble und Evi Rohrmoser arbeiten in der Redaktion der Wiener Straßenzeitung Augustin. Diese nennt sich auch mit einem Augenzwinkern die „erste österreichische Boulevardzeitung“. www.augustin.or.at

Michael Landau, das soziale Gewissen

Herr Lehner lebte jahrelang im Prater. Trotz seines Alters von knapp 70 Jahren. Nacht für Nacht im Zelt. 365 Nächte im Jahr. Wie viele Jahre er genau hier wohnte? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Er würde wohl auch heute Nacht wieder im Prater schlafen, wenn ihn nicht ein Spaziergänger entdeckt und die Nummer des Caritas-Kältetelefons gewählt hätte. Heute schläft Herr Lehner in einem Übergangswohnheim in Wien-Simmering. In seinem eigenen Bett. Dusche und warme Mahlzeiten jeden Tag. Ein Lebensabend in Würde.

Warum ich das erzähle? Weil die Herbergssuche dieses Herrn ein glückliches Ende fand. Und weil es die gelebte Nächstenliebe eines Einzelnen war, die das Leben dieses alten Mannes nachhaltig verändert hat. Was ist also aus der Nächstenliebe geworden?

Ich würde sagen: Es geht ihr gut. Sie erlebt in diesen Tagen, Wochen und Monaten eine regelrechte Renaissance. Mehr Menschen denn je setzen sich füreinander ein, sind für andere Menschen da. Allein bei der Caritas sind es österreichweit mehr als 50.000 – so viele wie noch nie. Sie begleiten Menschen am Ende ihres Lebens in der Hospizarbeit oder organisieren Lebensmittelausgaben für armutsbetroffene Menschen. Sie geben Nachhilfe in Lerncafés oder unterstützen Geflüchtete bei Spracherwerb und Ankunft in der Gesellschaft. Sie packen an, geben Halt, hören zu.

Vor allem aber: Sie machen Mut – auch mir. Denn diese Renaissance der Solidarität und Nächstenliebe werden wir in diesen fordernden Zeiten gerade auch in Zukunft dringend brauchen. In Österreich, wenn es darum geht, den Sozialstaat zukunftstauglich auszugestalten. In Europa, wenn wir gefordert sind, aus einer bloßen Wirtschafts- endlich auch so etwas wie eine echte Solidaritätsunion zu bauen. Und weltweit gesehen benötigen wir diese Renaissance der Nächstenliebe, um ein Leben in Würde für möglichst alle Menschen unserer Welt sicherzustellen. Die Nächstenliebe, die ich meine, umfasst also nicht nur die räumlich Nächsten. Sie umfasst all jene, die gerade in Not sind und die unsere Hilfe brauchen. Sie umfasst den Herrn im Prater ebenso wie das Kind im Flüchtlingscamp im Libanon.

Ich bin sicher: Diese gelebte Form der Nächstenliebe ist Chance für uns alle. Denn der Versuch, ein gutes, ein gelungenes Leben zu führen, ist auch Ausdruck der eigenen Würde und Entfaltung unseres Menschseins. Ohne ein Du wird keiner zum Ich.

Michael Landau ist Doktor der Biochemie und der Theologie. Drei Jahre nach seiner Priesterweihe (1992) übernahm er die Leitung der Caritas Wien, seit 2013 ist er Präsident der Caritas Österreich. Im Herbst erschien sein Buch „Solidarität – Anstiftung zur Menschlichkeit“ im Brandstätter Verlag. www.caritas.at

Am Ende eines Jahres, in dem viel über das verpönte „nach rechts Rücken“ unserer europäischen Gesellschaften diskutiert wurde und in dem wir uns häufig über die (Vor- und) Nachteile des Zäune-Bauens oder Nichtbauens unterhalten haben, unterrichte ich an einer Neuen Mittelschule in Niederösterreich Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren. Der gängige mediale Diskurs lässt vermuten, dass in unserer Gesellschaft der Wert der Nächstenliebe nicht mehr hochgehalten wird. Mein Beruf hilft mir täglich, das anders wahrzunehmen. In jener Klasse, in der ich die „zweite Klassenmutter“ sein darf (nach der Klassenvorständin – eine großartige Persönlichkeit, von der ich täglich Neues lerne), gibt es Kinder, die im Unterricht häufig aufzeigen. Es gibt Kinder, die nicht so oft aufzeigen, aber trotzdem viel reden. In dieser Klasse gibt es Kinder, denen das Schreiben leichter fällt. Ganz am Beginn des Schuljahres haben die Klassenvorständin und ich den Kindern Zettel ausgeteilt mit der Frage, was sie sich von ihren Lehrerinnen und Lehrern in diesem Schuljahr wünschen. „Ruhe in der Klasse“ haben einige geschrieben. „Faire Benotung“ kam von anderen. Am meisten berührten mich Rückmeldungen wie „dass Sie uns mögen“ oder „dass Sie sehen, dass ich mich bemühe“. Schnell war für mich klar, dass es die gute Beziehung zu den Kindern sein wird, die es mir ermöglichen wird, sie dazu zu motivieren, über sich selbst hinauszuwachsen. Seit wir diese Zettel ausgeteilt und wieder eingesammelt haben, sind dreieinhalb Monate Schulzeit ins Land gezogen. Nicht alle Kinder haben ihr Potenzial bisher ausgeschöpft. Die wenigsten haben in ihrem jungen Alter überhaupt schon eine Vorstellung davon, wie groß ihr Potenzial eigentlich ist oder was sie in dieser Welt erreichen können. Viele haben allerdings Vertrauen geschöpft – Vertrauen in uns, ihre Lehrerinnen und Lehrer, dass wir sie, so gut es uns möglich ist, begleiten und unterstützen werden. Was noch viel wichtiger ist: Einige haben bereits ein gewisses Vertrauen in sich selbst entwickelt, dass sie die Herausforderungen, die diese Schule ihnen stellt, gut meistern werden. Ich bin der Ansicht, dass jedes Kind das Potenzial hat, unsere Gesellschaft zu verbessern. Die Nächstenliebe, die wir diese Kinder erfahren lassen und die sie sich gegenseitig entgegenbringen, ist es, was sie dazu motivieren wird, über sich selbst hinauszuwachsen. Wenn ich soziale Medien konsumiere, erhalte ich den Eindruck, dass der Fokus unserer Gesellschaft darauf gerichtet ist, die Schwächen in anderen Menschen zu sehen. Mein Beruf lehrt mich, dass es Stärken in allen Menschen zu entdecken gibt und dass der Fokus auf diese der Schlüssel zu (gemeinsamen) Erfolgen ist. Für mich bedeutet Nächstenliebe daher, die Stärken in unseren Mitmenschen zu erkennen und zu fördern. In der Schule ist das möglich. Ich bin mir sicher, in Ihrem Wirkungsbereich auch.

Jana Fälbl, die Lehrerin

Am Ende eines Jahres, in dem viel über das verpönte „nach rechts Rücken“ unserer europäischen Gesellschaften diskutiert wurde und in dem wir uns häufig über die (Vor- und) Nachteile des Zäune-Bauens oder Nichtbauens unterhalten haben, unterrichte ich an einer Neuen Mittelschule in Niederösterreich Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren. Der gängige mediale Diskurs lässt vermuten, dass in unserer Gesellschaft der Wert der Nächstenliebe nicht mehr hochgehalten wird. Mein Beruf hilft mir täglich, das anders wahrzunehmen.

In jener Klasse, in der ich die „zweite Klassenmutter“ sein darf (nach der Klassenvorständin – eine großartige Persönlichkeit, von der ich täglich Neues lerne), gibt es Kinder, die im Unterricht häufig aufzeigen. Es gibt Kinder, die nicht so oft aufzeigen, aber trotzdem viel reden. In dieser Klasse gibt es Kinder, denen das Schreiben leichter fällt. Ganz am Beginn des Schuljahres haben die Klassenvorständin und ich den Kindern Zettel ausgeteilt mit der Frage, was sie sich von ihren Lehrerinnen und Lehrern in diesem Schuljahr wünschen. „Ruhe in der Klasse“ haben einige geschrieben. „Faire Benotung“ kam von anderen. Am meisten berührten mich Rückmeldungen wie „dass Sie uns mögen“ oder „dass Sie sehen, dass ich mich bemühe“. Schnell war für mich klar, dass es die gute Beziehung zu den Kindern sein wird, die es mir ermöglichen wird, sie dazu zu motivieren, über sich selbst hinauszuwachsen.

Seit wir diese Zettel ausgeteilt und wieder eingesammelt haben, sind dreieinhalb Monate Schulzeit ins Land gezogen. Nicht alle Kinder haben ihr Potenzial bisher ausgeschöpft. Die wenigsten haben in ihrem jungen Alter überhaupt schon eine Vorstellung davon, wie groß ihr Potenzial eigentlich ist oder was sie in dieser Welt erreichen können. Viele haben allerdings Vertrauen geschöpft – Vertrauen in uns, ihre Lehrerinnen und Lehrer, dass wir sie, so gut es uns möglich ist, begleiten und unterstützen werden. Was noch viel wichtiger ist: Einige haben bereits ein gewisses Vertrauen in sich selbst entwickelt, dass sie die Herausforderungen, die diese Schule ihnen stellt, gut meistern werden.

Ich bin der Ansicht, dass jedes Kind das Potenzial hat, unsere Gesellschaft zu verbessern. Die Nächstenliebe, die wir diese Kinder erfahren lassen und die sie sich gegenseitig entgegenbringen, ist es, was sie dazu motivieren wird, über sich selbst hinauszuwachsen. Wenn ich soziale Medien konsumiere, erhalte ich den Eindruck, dass der Fokus unserer Gesellschaft darauf gerichtet ist, die Schwächen in anderen Menschen zu sehen. Mein Beruf lehrt mich, dass es Stärken in allen Menschen zu entdecken gibt und dass der Fokus auf diese der Schlüssel zu (gemeinsamen) Erfolgen ist. Für mich bedeutet Nächstenliebe daher, die Stärken in unseren Mitmenschen zu erkennen und zu fördern. In der Schule ist das möglich. Ich bin mir sicher, in Ihrem Wirkungsbereich auch.

Jana Fälbl ist als Fellow von „Teach For Austria“ an einer Neuen Mittelschule in Niederösterreich tätig. Die WU-Absolventin unterrichtet u. a. die Fächer Mathematik und Englisch. Davor arbeitete sie u. a. für IBM, Allianz und die WKO und gründete das Social Entrepreneurship Forum mit.

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