Akutbetreuung: "Es bleibt immer eine Narbe"

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Foto: ABW Die ABW im Einsatz

Die Nachricht vom plötzlichen Tod Angehöriger durch Unfälle, Naturkatastrophen, Krankheit oder Gewaltverbrechen ist ein kaum bewältigbarer Schock. Die Mitarbeiter der Akutbetreuung Wien helfen Betroffenen durch die härtesten Stunden.

Abendessen, abwaschen, sich auf das Sofa vor den Fernseher setzen. Ein ganz normaler Abend. Dann klingelt es an der Tür. "Es geht um ihre Tochter, sie ist heute bei einem Unfall gestorben." Plötzlich ist nichts mehr, wie es vorher war. Hilflosigkeit, Unverständnis, Wut und Trauer machen sich breit.

Es gibt kaum Worte, die in einer solchen Situation helfen. Wichtig ist nur, die ersten Stunden nach der Horror-Nachricht irgendwie zu überstehen. Hier unterstützen die Mitarbeiter der Akutbetreuung Wien (ABW). Sie sind dafür ausgebildet, den Betroffenen in den wahrscheinlich schlimmsten Momenten ihres Lebens zur Seite zu stehen. Elke Schmidl, die fachliche Leiterin der ABW, erklärt, wie das geht.

Elke Protrait 2.jpg Foto: ABW Elke Schmidl

Die Akutbetreuung rückt aus, wenn sich jemand in einer psychosozialen Notsituation befindet. Wie läuft das ab?

Wir sind ein Team von 55 Personen, von denen immer zwei Bereitschaft haben. Bei Bedarf werden wir von den Einsatzkräften alarmiert – also entweder von der Rettung oder von der Polizei, wenn es um die Begleitung beim Überbringen von Todesnachrichten geht. Dann fahren wir mit dem Taxi so schnell wie möglich zur angegebenen Adresse.

Was sind die häufigsten Einsatzgründe?

Hauptsächlich werden wir bei plötzlichen Todesfällen oder nach dem Suizid eines Angehörigen alarmiert. Wir sind aber auch für die psychosoziale Akutbetreuung bei Großschadenslagen, wie etwa einer Gasexplosion, ausgebildet.

Was passiert, wenn Sie bei den Betroffenen angekommen sind?

Das ist unterschiedlich, je nachdem, ob schon etwas Zeit vergangen ist, oder wir beim Überbringen einer Todesnachricht dabei sind. Bei Letzerem kommt man in eine ganz normale Situation hinein, und weiß, dass für diese Menschen danach alles anders ist. Dann geht es darum, sich erst einmal einen Überblick über die Lage zu verschaffen, um festzustellen, was es jetzt in der Situation an Unterstützung braucht. Primär ist es wichtig, die Situation mit den Betroffenen auszuhalten.

Was heißt das?

Unsere Aufgabe ist es, die Betroffenen in den Stunden nach dem traumatischen Ereignis zu unterstützen und ihnen Sicherheit zu geben. Sie sind in einer Schocksituation, in der alles unsicher ist. Wir helfen dann auch dabei, Angehörige zu informieren, die unterstützend sein können. Oft geht es um organisatorische Fragen: Was sind jetzt die Abläufe? Wie funktioniert das mit der Bestattung?

Das sind die ersten Fragen, die sich Betroffene stellen?

Die Leute reagieren sehr unterschiedlich. Einige wollen sehr schnell organisatorische Informationen, für andere ist das überhaupt kein Thema. Wir stellen uns darauf ein, was wir vor Ort für eine Situation und Emotion vorfinden. Es gibt Menschen, die sich sehr zurückziehen, andere kommen schnell ins Reden. Viele sind auch von ihrer eigenen Reaktion überrascht. Sie fragen dann oft: „Ist das normal, dass ich mich jetzt so fühle?“ Manche weinen sehr heftig, manche wieder gar nicht. Diese sagen dann fast entschuldigend „Ich kann jetzt gar nicht weinen“. Manche werden wütend, andere können einfach nicht glauben, was passiert ist. Solche Reaktionen sind angesichts dessen, was passiert ist, ganz normal.

Betreuung im Außenbereich.jpg Foto: ABW Die ABW im Einsatz

Ihr Ziel ist es, Folgeerkrankungen wie ein sogenanntes Posttraumatisches Belastungssyndrom zu verhindern.

Ja, wir unterstützen eigentlich die ersten Verarbeitungsschritte nach einem potenziell belastenden Ereignis und geben eine erste Möglichkeit, das Geschehene einzuordnen. Wenn es nicht verarbeitet wird, verselbständigt es sich und wird unkontrollierbar. Sprachliche Verarbeitung hilft, Emotionen steuerbar zu machen.

Wie lange bleiben Sie bei den Betroffenen?

Durchschnittlich etwa drei Stunden, es kann aber auch länger dauern. Wenn notwendig vernetzen wird auch mit einer Nachsorgeeinrichtung.

Gibt es Einsätze, bei denen Sie schon vorab wissen, dass sie besonders belastend sind?

Man weiß nie, was einen genau erwartet. Aber wenn Kinder betroffen sind, ist es besonders belastend.

Wie gehen die Akutbetreuer selbst damit um, so viel Schmerz und Leid mitzuerleben?

Wir kommen alle aus Berufen, in denen wir gelernt haben, auf uns und unsere Belastbarkeit zu schauen. Und wir gehen immer zu zweit in Einsätze. Oft ist es ausreichend, mit der Person, mit der man im Einsatz war, unmittelbar danach eine Nachbesprechung zu machen. Weiters gibt es regelmäßige Fallbesprechungen und ein Supervisionsangebot.

Wer kann Akutbetreuer werden?

Wenn man psychosoziale Akutbetreuung machen möchte, braucht man einen psychosozialen Quellenberuf. Die meisten von uns sind klinische Psychologen oder Sozialarbeiter, manche kommen auch aus dem Pflegebereich. Das ist Voraussetzung. Alle zwei Jahre bieten wir eine Ausbildung an, für die es ein Auswahlverfahren gibt. Bei der Ausbildung geht es hauptsächlich um psychologische Grundlagen, Gesprächsführung, Psychotraumatologie, Teambuilding und die Zusammenarbeit mit anderen Einsatzorganisationen. Die Akutbetreuung Wien ist eine Einsatzorganisation, daher muss man auch viel über Einsatzabläufe wissen. 2016 wurden wir in den K-Kreis der Helfer Wiens aufgenommen. 2004 waren wir nach dem Tsunami über ein halbes Jahr im Einsatz. Wir waren am Flughafen, als Betroffene gelandet sind, die selbst traumatisiert waren oder noch nicht wussten, was mit ihren Angehörigen passiert ist. Später haben wir die Polizei begleitet, als sie für DNA-Abgleiche auch in die Wohnungen von Vermissten gehen musste.  

Wenn man derartige Geschichten hört, stellt man sich die Frage: Kann ein Mensch alles aushalten?

Ich glaube, man darf nicht unterschätzen, was Menschen alles verarbeiten können. Ich verwende sehr gerne den Vergleich mit einer großen Wunde. Da ist eine Situation, die einen Bruch in der eigenen Biographie verursacht, die das Leben von Grund auf verändert. Es bleibt eine Narbe, die man immer wieder spürt. Das kann man nicht ungeschehen machen aber man kann lernen, es ins eigene Leben zu integrieren.

Wie sollte man mit Personen im eigenen Umfeld umgehen, wenn man weiß, dass sie gerade einen schweren Schicksalsschlag erlitten haben?

Das Da-Sein ist ganz wichtig. Man sollte ihnen das Gefühl geben, dass sie bei Bedarf Unterstützung bekommen. Und man sollte Geduld haben, wenn die Hilfe nicht gleich angenommen wird. Was vermeiden sollte, ist in der Hilflosigkeit dann Floskeln zu verwenden wie „Es wird schon wieder werden“. In dieser Situation wirkt das wie eine Bagatellisierung und die Betroffenen fühlen sich nicht verstanden.

Zur Person:

Dr. Elke Schmidl ist klinische Psychologin und fachliche Leiterin der AkutBetreuung Wien (ABW). Seit 15 Jahren kümmert sie sich direkt nach traumatisierenden Ereignissen und Schicksalsschlägen um betroffene Personen. Die ABW gibt es seit 1999. Sie wird etwa 600 Mal im Jahr alarmiert.

(Kurier) Erstellt am
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