Ältestes Römerlager entdeckt

Idealrekonstruktion Marschlager in Carnuntum<br />
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Foto: /7reasons Rekonstruktion des römischen Marschlagers in Carnuntum: der archäologische Nachweis eines Befestigungsgraben unterhalb eines später errichteten Dorfes bestätigt schriftliche Quellen

Bodenradar macht es möglich: Archäologen finden ein sechs Fußballfelder großes Marschlager.


Im Winterlager der Römer herrscht reges Kommen und Gehen. Neue Truppenverbände treffen ein, Legionäre werden von ihren Optios am Exerzierplatz gnadenlos gedrillt, in Gewaltmärschen wird das Durchhaltevermögen der Truppe gestählt. Kein Wunder: Das Imperium Romanum bereitet sich im Jahre 6 n. Chr. in Carnuntum im heutigen Niederösterreich auf einen Krieg vor.

Im Frühling werden die Truppen über die Donau setzen und in germanisches Gebiet vorstoßen. Für diesen Vernichtungsfeldzug zieht das Reich Vorräte, Pferde, Waffen und Soldaten zusammen.

Dass diese Dinge passiert sind, weiß man aus schriftlichen Quellen. Der Historiker Velleius Paterculus erwähnt die Errichtung eines Marschlagers in Carnuntum für militärische Operationen nördlich der Donau. Wo sie genau passiert sind, ist über die Jahrtausende in Vergessenheit geraten.

Ein internationales Team um den Archäologen Wolfgang Neubauer vom Ludwig Boltzmann Institut für archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie (LBI ArchPro) hat dieses frühe Lager der Römer an der Donau vor Kurzem entdeckt.

Klaus Löcker von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), Gruppe ArcheoProspections, geht sogar davon aus, dass es das allererste Lager war: "Es lag direkt an der Donau – das macht uns sicher, dass wir hier ein Lager aus der Zeit der Okkupation vor uns haben", sagt Neubauer. Die späteren Lager wurden gebaut, um Truppen zusammen zu ziehen und zwar im Hinterland.

Die Forscher sind in etwa einem Meter Tiefe, unter einem "vicus", einem später entstandenen Straßendorf, auf die Spuren des Marschlagers gestoßen. Gestoßen heißt im Falle von Virtuellen Archäologen, "dass es durch die Radar-Methoden ganz klar zu sehen ist", sagt Neubauer. "Laien erkennen einen tiefen Graben mit abgerundeten Ecken." Und Löcker ergänzt: "Das ist ganz typisch für den Graben eines römischen Zeltlagers." Es wurden auch einzelne Pfostenlöcher entdeckt.

Weitere Ergebnisse

Als echtes Marschlager wurde das Lager in den folgenden Jahren von den Römern zwar nicht wieder besetzt, der Platz wurde aber später als Lehmabbaugrube genutzt. Und: Das Zeltlager befand sich vermutlich in unmittelbarer Nähe zur keltischen Siedlung, sagt Löcker.Ausgrabungen werden folgen. Die Entdeckung des Lagers wurde mithilfe von Geo-Radarbildern gemacht. Diese Methode, bei der Magnetstrahlen von Strukturen im Boden reflektiert werden, ermöglicht einen Blick unter die Erde, bis auf drei Zentimeter genau. Außen- und Innenmauern und sogar Türstaffeln lassen sich unterscheiden (siehe Geschichte unten).

Das jetzt entdeckte Lager, errichtet am West-Ausgang der späteren römischen Stadt Carnuntum, lag an der Armeestraße nach Vindobona (Wien). Im Umfeld der Stadt wurden zahlreiche weitere Lager gefunden, deren zeitliche Zuordnung schwierig ist. Aufgrund der historischen Aufzeichnungen ist allerdings die große strategische Bedeutung Carnuntums an der Nordgrenze des Reichs bekannt. Daher weiß man, dass rund um die Militärstadt immer wieder große Truppenverbände zusammengezogen wurden.

In der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts nach Christus leitete etwa Marc Aurel von Carnuntum aus Feldzüge gegen die Markomannen. Mit weiteren Messarbeiten nach der Ernte auf den Feldern bei Petronell-Carnuntum wollen die Forscher herausfinden, wie viele Heerlager insgesamt errichtet wurden. "Die Voraussetzungen hier sind ideal, weil das Gebiet nie verbaut wurde", sagt Geophysiker Löcker.

Vorgeschichte

Die Forschungserfolge der Archäologen haben eine Vorgeschichte: Nach dem Sensationsfund der Gladiatorenschule 2010 wurden Forschungsmittel freigemacht (1 Million Euro, vor allem vom Land Niederösterreich) "und wir haben begonnen, Gesamt-Carnuntum zu untersuchen. Wir messen alles – ca. zehn Quadratkilometer."

Bis Ende des Jahres will der Direktor der LBI ArchPro, Wolfgang Neubauer, fertig sein. 2015 soll es einen Plan des antiken Carnuntum geben. Was für den Archäologen besonders spannend ist: In dem Plan soll sich die Geschichte der Stadt von der Okkupation bis zum Niedergang widerspiegeln.

Neubauer: "Was wir auf jeden Fall schon sagen können: Carnuntum war weit bedeutender und größer, als wir bisher angenommen haben. Und es wird weitere archäologische Sensationen geben."

Forschung

Österreichs virtuelle Archäologen sind Weltklasse

Wie heimische Forscher ohne zu wühlen vieles ausgraben.

Für ihr Carnuntum-Projekt haben die österreichischen Forscher einigen Aufwand betrieben: "Wir haben eigens neue, motorisierte Bodenradar-Systeme entwickelt. Die sind hocheffizient. Mit Auflösungen von vier mal acht Zentimeter können wir bis in drei Meter Tiefe hineinschauen", erzählt Wolfgang Neubauer. Selbstverständlich zerstörungsfrei. Da entstehen riesige Datenmengen, die die Forscher derzeit auswerten.

Das Bodenradar ermöglicht, die Überreste der römischen Stadt durch den Einsatz elektromagnetischer Wellen dreidimensional am Computerbildschirm abzubilden. Die reale archäologische Landschaft wird in eine virtuelle Landschaft umgewandelt, deren Untergrund von den Spezialisten mithilfe Software-basierter Werkzeuge erforscht werden kann.

Geophysik im Dienste der Archäologie: Traktor mit … Foto: /ZAMG

"Wir wollen neue Wege finden, um komplette archäologische Landschaften effizient zu untersuchen." Mit dieser Zielsetzung für zerstörungsfreie Forschung hat Neubauer 2010 seinen neuen Job als Chef des Ludwig Boltzmann Instituts für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie (LBI ArchPro) angetreten. Nach zwanzig Jahren Aufbauarbeit sind die Leute vom LBI "international die Besten", sagt der Direktor und arbeitet eng mit Instituten in England, Schweden, Norwegen und Deutschland zusammen.

Dem entsprechen auch die Forschungs-Gebiete: Stonehenge wurde vermessen oder die Wikingersiedlung Birka bei Stockholm. Gemeinsam mit der ZAMG und dem Österreichischen Archäologischen Institut werden derzeit unerforschte Bereiche des Stadtgebietes von Ephesos untersucht. Und in Hala Sultan Tekke hat man sich auf die Spur der größten bronzezeitlichen Siedlung Zyperns begeben.

Stichwort

Carnuntum

Der Beginn

Alles begann, als Kaiser Tiberius im Raum Carnuntum um 6. n. Chr. ein befestigtes Winterlager errichten ließ. Keimzelle der Stadt war das Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christus errichtete Legionslager. Um 50 n. Chr. entstand das erste Holz-Lager. Im Soldaten-Tross: Familien, Händler, Gespielinnen für die eine zivile Siedlung gebaut wurde.

Die Größe

Die Zivilstadt umfasste 67 Hektar und war von einer Stadtmauer umgeben. Man hatte ein eigenes Amphitheater, südlich der Siedlung. Hauptattraktionen waren Tierhetzen und Gladiatorenkämpfe. 107 n. Chr. wurde Carnuntum Hauptstadt von Oberpannonien. Das Legionslager beherbergte etwa 6000 Soldaten aus dem ganzen römischen Imperium.

Die Blütezeit

In ihrer besten Zeit erstreckte sich die Stadt über 10 km² und war immer wieder Drehscheibe der Weltpolitik. 308 entschieden hier drei römische Kaiser über die Zukunft des Imperiums. Diese Kaiserkonferenz ermöglichte den Siegeszug von Christentum und abendländischer Kultur.

Das Ende

Mitte des 4. Jahrhunderts zerstörte ein Erdbeben weite Teile der Stadt. Es war der Anfang vom Ende. 433 überließen die Römer Pannonien den Hunnen. Danach wurden Marmor und Sandstein der Geisterstadt imSchloss Petronell, in den Marchfeld-Schlössern und in der Stadtmauer von Bruck verbaut.

6 Fußball-Felder

oder 57.600 m² umfasste das temporäre Marschlager der Römer in Carnuntum.

6 nach Christus:

Der Feldherr Tiberius nutzte diese Militärbasis  für einen
Angriff gegen die Markomannen unter Marbod nördlich der Donau.

(kurier) Erstellt am
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