© Walter Schweinöster

Freifahrt
12/11/2018

Abdullah lernt in Obertauern Ski fahren - kostenlos

Seit Abschaffung der verpflichtenden Schulskikurse bleiben die Schüler aus. Ein Wiener Sportverband will das ändern.

von Uwe Mauch

Noch fehlt ihm die Leichtigkeit auf dem Ski. Doch mit jedem weiteren Schwung steigt sein Selbstvertrauen. Für Abdullah ist es erst sein zweiter Vormittag in den Bergen, sein zweiter Tag auf präpariertem Schnee. Doch seine Fortschritte sind ebenso beachtlich wie die Begeisterung seiner Mitschüler.

 

Dass 101 Wiener Kinder aus vier Neuen Mittelschulen im tiefwinterlichen Obertauern Skifahren lernen dürfen, verdanken sie in erster Linie Funktionären des ASKÖ WAT Wien rund um Werner Brunner sowie strategisch planenden Salzburger Touristikern (siehe unten).

Gemeinsam will man in den kommenden Jahren 10.000 Wiener Kindern aus weniger begüterten Familien fünf kostenlose Ski-Tage bieten – und damit eine rasante Talfahrt stoppen. Laut einer Studie des Freizeitforschers Peter Zellmann verliert die an sich so stolze Skination Österreich weiter an Breite. Im vorigen Winter nahmen nur mehr 120.000 Kinder an einem Schulskikurs teil – um die Hälfte weniger als noch zu Beginn der 2000er-Jahre.

Stolz auf ihr Kind

„Das macht Spaß“, freut sich Saira Dugajewa, die in Wien die Augartenschule besucht. Sie ist die Jüngste in einer sechsköpfigen tschetschenisch-stämmigen Familie – und die Erste, die Schnee nicht nur als lästigen Schneematsch kennenlernt. Schön zu sehen, wie auch die Zwölfjährige ihren Respekt vor der blauen Piste ablegt. „Meiner Familie habe ich bereits berichtet, dass ich sehr schnell lerne.“ Und ihre Eltern haben sie wissen lassen, dass sie sehr stolz auf sie sind.

„Die Eltern unserer Kinder haben dieses Angebot mit großer Freude angenommen“, widerspricht Sairas Turnlehrerin Olivia Schweiger einem Klischee, wonach sich Migrationshintergrund und Skifahren ausschließen sollen. Ein wichtiger, aber nicht der einzige Faktor: viele haben zugestimmt, weil sie sich die zu hohen Kosten für einen Schulskikurs sonst nicht leisten könnten.

Von Vorteil ist, so die junge Lehrerin, dass ihre Schüler auf der Piste Ur-Österreichisches erleben können: der Wintersport ist ja nicht nur ein riesiger Wirtschaftsfaktor, der vielen Menschen Arbeit und Einkommen bietet, er prägt auch ihre Mentalität. Dass der Sport bei der Integration hilft, sei ebenso als Pluspunkt zu werten.

Am späten Vormittag sind erste Ermüdungserscheinungen in den Anfängergruppen zu sehen. Bei Abdullah werden die Beine schwerer, bei einigen seiner Mitschüler stellt sich ein veritabler Muskelkater ein. „Doch sie jammern nicht“, betont der in diesem Pilotprojekt ehrenamtlich tätige Koordinator Andreas Dworzak. „Ich habe noch wenige Kinder gesehen, die derart begeisterungsfähig sind.“ Kein Wunder, dass das Verlangen, mit dem Daumen über das Mobiltelefon zu streichen, gegen Null sinkt.

Auch Christian Ganster, seit sieben Jahren Skilehrer in Obertauern, zeigt sich angetan von seiner Gruppe: „Es kommt sonst selten vor, dass Kinder am Ende eines Skitages zu mir kommen, um sich zu bedanken.“ Indirekt spricht Ganster ihren Eltern und ihrer Schule ein Kompliment aus. „Die Kinder sind wirklich sehr gut erzogen.“

In Obertauern teilen sich der Tourismusverband, vier Skischulen, die Skiliftgesellschaft und nicht zuletzt der Hotelier Hannes Scharfetter die Kosten von rund 25.000 Euro. Scharfetter hat seinen Betrieb mit 200 Jugendgästebetten für die Gratis-Aktion geöffnet. Seine Familie und seine Mitarbeiter bemühen sich morgens, mittags und abends, 101 hungrige junge Skifahrer best- und schnellstmöglich zu verköstigen.

Stolz auf sich selbst

Auch der Inhaber der „Gottschallalm“ hat den Einbruch des österreichischen Markts miterlebt: Nachdem der verpflichtende Schulskikurs in den 1990er-Jahren abgeschafft wurde, sanken die Buchungszahlen rasant. Deshalb hat sich Scharfetter auf Kunden in Deutschland und England verlegt. Sie füllen bei ihm zum Teil das Loch, das Ostösterreichs Schulen hinterlassen haben.

Mario Siedler und Mona Maier, Tourismusmanager in Obertauern, wollen bereits 2019 weitere Wiener Kurse in ihrem Skiort begrüßen. Sie vertrauen dabei auf ein altes Erfolgsrezept: „Viele unserer Stammgäste waren schon als Schüler bei uns.“

Nach dem Mittagessen geht es mit frischen Kräften erstmals hinauf mit dem Lift. Ilayda Polat wird diesen Tag nicht so schnell vergessen: „Ich durfte heute zum ersten Mal auf einer richtigen Skipiste fahren. Zwei Mal bin ich gestürzt. Dass ich weiter gefahren bin, macht mich auch ein wenig stolz.“

Wiener Schüler lernen Ski fahren: Dass die umtriebigen Funktionäre des ASKÖ WAT Wien seit vielen Jahren gute Kontakte zum Wiener Stadtschulrat pflegen, hat dieser Gemeinschaftsaktion, die sich zwischen der Hauptstadt und dem Salzburger Tourismus entwickelt hat, auf keinen Fall geschadet. So konnten die 101 Startplätze bei einem gemeinsam organisierten Sporttag an die teilnehmenden Neuen und Sport-Mittelschulen aus Wien verlost werden.

 

Salzburger Touristiker laden ein: Dass in den Wintersportorten seit Jahren die Schulen ausbleiben, ließ von der anderen Seite Geld fließen. Die Tourismusverbände Salzburger Land und Obertauern sowie lokale Betriebe wollen sich auch in den kommenden Jahren ins Zeug legen. Zudem stellt Blaguss Busse zur Verfügung – und der Südtiroler Seilbahnbauer Leitner Geld. Natürlich nicht ohne Hintergedanken: die Kinder sind die Kunden von morgen.