Elisabeth Marek lebte und arbeitete 1976 im Circus Roncalli.

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Leben
09/11/2016

Roncalli 1976: Fasching und Silvester zugleich

Langhaarige Jünglinge, Nummerngirls und Clowns, die Gedichte vortragen. Eine Wienerin erzählt von ihrer Zeit im Circus Roncalli vor 40 Jahren.

Der Duft von Zuckerwatte liegt in der Luft, vermischt mit Weihrauch und dem Geruch heißer Menschenkörper. Stelzengeher bahnen sich einen Weg durch die Menge, beugen sich herab, streichen den Besuchern über die Köpfe. Frauen in Glitzer-Kleidern und mit Tiermasken blasen Menschen Seifenblasen ins Gesicht und tupfen ihnen Patschuli hinters Ohrläppchen.

Als vor 40 Jahren der Circus Roncalli die Wiener verwirrte und begeisterte, war Elisabeth Marek dabei. "Wie kleine Kinder drängelten sie sich vor dem Zuckerwattestand. Und wie die biederen Bürger staunten, was dort alles geschah. Es war ein zirzensisches Spektakel." Wenn die 76-Jährige heute davon erzählt, berührt sie die Handoberfläche ihres Gegenübers, als würde sie wieder duftendes Patschuliöl verteilen. 1976 arbeitete und lebte sie mit ihrer fünfeinhalbjährigen Tochter Angelika ein halbes Jahr im Roncalli. Und war Teil des "fahrenden Volks".

Wie es dazu kam, erzählt die Wienerin bei einer Melange in einem Kaffeehaus an der Ringstraße. Hier an der Fensterbank fühlt sie sich wie in der Zirkus-Loge. Und denkt zurück an jenen Tag, an dem sie zum ersten Mal die Manege betrat. Es war nicht glamourös.

März 1976: In Wien nieselt es. Journalisten, Prominente und Anrainer drängen sich vor dem Zelt in Sankt Marx im dritten Bezirk. Elisabeth Marek kommt mit Tochter Angelika. Der Grafiker Bernard Paul und der Poet André Heller wollen den Neugierigen einen ersten Einblick in ihren Zirkus bieten: "In der Manege war alles unfertig. Wir haben versucht, uns vieles auszumalen: die strahlende Beleuchtung und die Ansager in goldener Uniform." Doch davon ist noch wenig zu sehen. Clowns suchen ihre Schminke, zwei Artisten diskutieren.

Traumwelt

Was hier entsteht, lässt sich nur erahnen: eine Traumwelt im Stil der Zwanzigerjahre, keine gewöhnlichen Nummern, ein Spektakel mit viel Poesie. Wo junge Frauen – eine studierte Theaterwissenschaft, die andere war Bardame – als "Nummerngirls" durch die Manege spazieren, als würden sie jemanden um Feuer bitten. Dazu wird ein Theaterstück aufgeführt, geschrieben von Heller.

Im KURIER vom 10. März ’76 steht: "Wenn Heller über Feuer spricht, tritt ein Feuerschlucker auf, der auch über Feuer spricht, redet der Engel (ein kostümierter Jüngling) über Luft, dann kommen Trapezkünstler."

Zwischen den langhaarigen Jünglingen und ungeschminkten Clowns trifft Elisabeth Marek auf einen Bekannten. Er fragt, ob sie hier eine Zeit lang mitarbeiten will. Am 1. Mai sei Premiere und es gebe noch viel zu tun. Die alleinerziehende Mutter arbeitet damals in einem Büro. Sie ist erstaunt, will aber darüber nachdenken. Mit ihrer Tochter spaziert sie über das Gelände. Vor einem Holzwagen mit abgeblätterter Farbe und windschiefen Reifen bleiben sie stehen. Das Mädchen sieht zur Mutter auf: "Mama, einmal möchte ich in einem Zirkuswagen wohnen!"

Elisabeth Marek wiederholt den Satz ihrer Tochter heute so eindringlich, wie es Kinder machen. Und mit den gleichen glänzenden Augen. Damals sind ihre ersten Gedanken aber negativ. "Ich dachte mir: unmöglich. In so einen Wagen regnet es hinein, es ist eng und wahrscheinlich gibt es nicht einmal elektrisches Licht." Gegen die Hartnäckigkeit ihrer Tochter, die jeden Abend eine Zirkusgeschichte fordert, kommt sie nicht an. Auch selbst ist sie vom exotischen Charme des Zirkus fasziniert.

Was spricht dafür, was dagegen – in ihrem Kopf legt sie geistig eine Kartei an. Angelika ist noch nicht schulpflichtig, warum ihr also nicht ein paar freie, schöne Monate schenken? Abseits von Alltag und Großstadt. "Es werden mehr Kinder vom Auto erfasst, als vom Löwen gefressen." Elisabeth Marek argumentiert und überlegt, als müsste sie heute wieder eine Entscheidung treffen.

Von ihren Eltern, Wiener Bildungsbürger mit Hang zum Künstlerleben, bekommt sie Zuspruch. Freunde zweifeln: "Hast du daran gedacht, dass deine Tochter Seiltänzerin werden will? Was wird aus der Wohnung?" Marek: "Ich habe ihnen gesagt: Die Biedermeiermöbel werden nicht rostig, wenn ich ein halbes Jahr nicht da bin. Und Angelika: Sie ist nicht schwindelfrei und will derzeit Tierärztin werden."

Dorfleben

Die Wienerin trifft eine Entscheidung und unterschreibt den Vertrag. Sie tauscht Altbauwohnung gegen Wohnwagen. Badezimmer gegen Lavoir. Porzellan gegen Campinggeschirr. Zu zweit wohnen sie auf vierzehn Quadratmeter zwischen den Wagen französischer Clowns und marokkanischer Bodentruppen. "Wir haben gelebt wie in einem Dorf. Eine italienische Artistin kochte jeden Tag für uns." Elisabeth Mareks Aufgaben: Personalkartei anlegen, Verträge der Artisten studieren, sie bei der Krankenkassa anmelden, einen Koch suchen, Stockbetten für Arbeiter und Musiker besorgen. "Es war ein Mittelbetrieb mit neunzig Menschen. Ständig waren Rechnungen zu bezahlen, das Geld war aber knapp." Und die Premiere rückt immer näher.

Zirkuskind

Tochter Angelika bekommt von Sorgen und Problemen wenig mit. Sie sieht jede Vorstellung, kann die Ansagen auswendig, hilft, mit ihrer kleinen Gießkanne die Manege aufzuspritzen, oder bei der Fütterung von Löwen und Tigern. Den Näherinnen sieht sie zu, wie sie das Kostüm des Weißclowns flicken, den Artisten, wie sie sich mit Goldfarbe bemalen. In einem Katzenkostüm marschiert sie bei der Zirkusparade mit.

Elisabeth Marek hält ein Buch in ihren Händen und Fotos, auf denen Angelika verkleidet vor dem Wohnwagen sitzt. "Sie durfte so vieles, hatte so viel zum Schauen. Ich glaube, dass sie manchmal gar nicht mit dem Träumen nachkam."

Erst als die Büroarbeit erledigt ist, kommt Elisabeth Marek in die Maske. Abends schlüpft sie in die Rolle der Animateurin. Im Paillettenkleid mit Glitzer an den Wangen verkauft sie Zuckerwatte und streicht Besuchern Goldfarbe ins Gesicht. "Es war eine magische Stimmung, voller Kreativität und Träume." Aber auch voll Disziplin. Obwohl nach Vorstellungsende erst um halb zwei gegessen wird, müssen viele Künstler früh aufstehen und proben. Der Feuer- und Degenschlucker. Der Löwenbändiger, der mit seinen Raubkatzen spricht, als wären sie feine Damen. Oder der 28-jährige Akrobat, der sein 25-jähriges Berufsjubiläum feiert.

Was sie bis heute fasziniert, ist das Wesen der Clowns, traurig und liebenswert zugleich. Unvergesslich ist ihr der Auftritt von André Riot Sarcey, dem einzigen Clown von 1976, der heute noch lebt. Als er in die Manege stolpert und mit französischem Dialekt fragt, wo der Eingang sei, johlt das Publikum. Den Clowns fühlt sich Elisabeth Marek bis heute verbunden. In der Nähe ihres Zuhauses geht sie ins Clowntheater Olé, meist mit Enkel und Tochter Angelika, die weder Seiltänzerin noch Tierärztin geworden ist. Sie unterrichtet an einer Schule.

Ihre schönste Erinnerung hat sich die 76-Jährige bis zum Ende des Gesprächs aufgehoben. Wenn sie vom großen Finale erzählt, bewegen sich ihre Hände mit. Sie entführt einen zum Ende der Vorstellung: Konfetti rieselt auf die Köpfe der Menschen. Die Zirkusmusiker stimmen den Walzer an: "Es war wie Fasching und Silvester zugleich. Um Mitternacht schnappten wir uns die Besucher und tanzten mit ihnen in der Manege." Darunter auch prominente Gäste. "Ich sagte zu einem, sie sehen aus wie Leonard Bernstein. Und er antwortete: ‚My dear, der bin ich.‘"