Leben
03.10.2017

30 Jahre "Rat auf Draht": Was Jugendliche heute bewegt

Die Probleme der Kinder und Teenager haben sich nicht geändert – ein paar neue sind dazugekommen.

"Meine Eltern streiten nur noch und schreien mich an. Ich will einfach weg."

"Ich habe einem Burschen ein Oben-ohne-Foto auf Instagram geschickt. Nachdem ich den Kontakt zu ihm abgebrochen habe, wollte er mich damit erpressen."

"Ich habe seit gestern eine Freundin und möchte sie küssen. Wie und wo mache ich das am besten?"

Etwa 170 Jugendliche wählen jeden Tag die Nummer 147 – ihre Anliegen, Probleme und Fragen sind vielfältig (siehe Grafik). Manche Themen sind heute genauso aktuell wie beim Start der Hotline vor 30 Jahren. Andere kamen neu dazu, berichtet Birgit Satka, die seit 25 Jahren bei Rat auf Draht arbeitet: "Zuletzt verzeichneten wir vermehrt Anfragen zu den sozialen Medien: Cybermobbing, Sextortion, Sexting, Grooming." Auch beim Thema Suizid gebe es seit ein paar Jahren einen Anstieg. "Im Schnitt führen wir pro Tag zwei Gespräche, in denen der Anrufer Suizidgedanken äußert."

Beratung im Chat

"Wir", das sind die 17 Mitarbeiter der Helpline. Im neu bezogenen Hauptstadtbüro wechseln sie einander ab: Jeder nimmt fünf Stunden lang Anrufe entgegen. Seit Rat auf Draht 1999 den Status einer Notfallnummer bekommen hat, müssen die Leitungen rund um die Uhr besetzt sein. Aus diesem Grund steht im Beratungszimmer neben den Schreibtischen und Telefonen auch ein Bett für den Nachtdienst parat.

"Viel zum Schlafen kommen wir aber meist nicht", lacht Marlena Koppendorfer. Die 32-Jährige war in der Kommunikationsbranche tätig und arbeitet seit vier Jahren als psychologische Beraterin. Sprache – ein Schlüssel in ihrem Job. "Ich arbeite viel mit Metaphern. Das gibt den Jugendlichen die Möglichkeit, eine andere Perspektive einzunehmen. Ein Beispiel ist die Schneekugel: Im Moment ist der Schnee total aufgewirbelt. Es braucht Zeit, bis sich das setzen kann und man wieder klarer sieht."

Die meisten ihrer Klienten sind zwischen elf und 14 Jahre alt und melden sich am Abend oder spät nachts – "da haben wir oft zehn Anrufer in der Warteschleife". Seit 2014 bietet Rat auf Draht, das 1987 als Fernsehsendung im ORF begann, auch eine Chatberatung. Die Zahl der Anrufe stagniert bzw. ist leicht rückläufig, der Trend geht zu schriftlichen Anfragen im Chat oder via WhatsApp (vor allem bei Mädchen). "Der Vorteil beim Telefonieren ist, dass die Leute schneller konkret werden", berichtet Koppendorfer. "Da man keinem in die Augen sehen muss, sprechen sie auch offen über schambesetzte Themen."

Stammanrufer

Ein klassisches Beispiel, mit dem Koppendorfer und ihre Kollegen immer öfter konfrontiert werden: Teenager verschicken Nacktfotos von sich, kurz darauf geht die Beziehung in die Brüche, der andere droht, die Bilder in den sozialen Netzwerken zu posten. "Da muss man ihnen ganz klar sagen, dass das bei Minderjährigen ein Straftatbestand ist." Manche wollen "einfach nur testen und lustig sein", sagt die Beraterin. "Aber ich bin der Meinung, dass jeder Anrufer eine Funktion hat. Einige melden sich später wieder, wenn sie ein ‚richtiges‘ Problem haben, weil sie finden, dass wir damals so gut reagiert haben."

Und dann gibt es die "Stammanrufer", die Koppendorfer und ihre Kollegen teilweise über zehn Jahre hinweg telefonisch beraten und begleiten. "Da entsteht ein besonderer Kontakt. Die Gespräche bekommen eine Tiefe, wenn man so viel über einen Menschen weiß." Bei ihnen allen, egal welches Anliegen, steht ein Grundsatz an oberster Stelle: zuhören, ernst nehmen – mehr sagen als "das wird schon wieder".

"Es heißt zwar Rat auf Draht, doch Ratschläge geben wir in den seltensten Fällen", sagt Koppendorfer. "Uns geht es um Be-ratung: Wir können gemeinsam überlegen und versuchen, eine Lösung zu finden. Aber eine Entscheidung kann ich niemandem abnehmen." Und, auch das musste Marlena Koppendorfer in ihrer Zeit als Beraterin lernen: "Manchmal kann man die Welt im Moment einfach nicht heil machen. Aber man kann es gemeinsam durchstehen und hoffen, dass sich etwas verändert."

Und das tut es - oft genug. "Es gibt die Momente, in denen sich für die Person eine Lösung auftut: die Aussprache mit den Eltern, der neue Lebensmut nach einer Krise, ein klares Bild, was der Mensch in seinem Leben erreichen will", sagt die Beraterin. Erst kürzlich hat sie einen persönlichen Erfolgs- und Glücksmoment erlebt: "Eine nun erwachsene, lange suizidale Klientin hat sich bei uns bedankt. Sich selbst als wirksam in der Beratung zu erleben, ist fein."

Für Jugendliche

Rat auf Draht ist rund um die Uhr kostenlos und anonym unter der Nummer 147 für Kinder und junge Menschen bis 24 Jahre sowie für deren Bezugspersonen erreichbar. Die Hotline wurde vor vier Jahren von SOS-Kinderdorf übernommen. www.rataufdraht.at

Für Erwachsene

Auch die Telefonseelsorge, ein Projekt von Katholischer und Evangelischer Kirche, feiert ein Jubiläum: Seit 50 Jahren helfen 150 ehrenamtliche Mitarbeiter Erwachsenen in akuten Krisen am Telefon oder im Chat. Tel.: 142, www.telefonseelsorge.at