Leben
05.02.2018

Sprüche einer 108-Jährigen: Eine Enkelin erzählt

Anja Fritzsches Oma ist 108 – und so gar nicht auf den Mund gefallen. Ihre Sprüche hat die Enkelin in einem Buch gesammelt.

"Wer weiß, wie lange Oma Maria noch lebt!" Dieser Satz begleitete Anja Fritzsche, 40, ihr halbes Leben. Zuerst in der Pubertät, wenn sie keine Lust auf Familienfeiern hatte. Zuletzt, als die Ärzte bei Oma Maria eine verkalkte Aortenklappe diagnostizierten und die Angehörigen überlegten, ob das Risiko einer Operation angesichts des hohen Alters der Patientin nicht zu groß sei. Oma Maria war damals 101. Und befand: "Es gibt so vieles, das ich noch erleben möchte." Also erhielt sie, als älteste Frau überhaupt, eine neue Herzklappe.

"Damals dachte ich, jetzt ist es wirklich vorbei", erinnert sich Fritzsche. Sie schrieb die Lebensgeschichte ihrer Großmutter auf und richtete eine Facebook-Seite mit den lustigsten Sprüchen der schlagfertigen Seniorin ein. Vorsorglich – wer weiß, wie lange Oma Maria noch lebt! Fünf Jahre nach der Herz-OP bestieg die älteste Bürgerin Rosenheims mit ihrer Enkelin den Leuchtturm von Mallorca. Sieben Jahre nach der Operation, im vergangenen Dezember, feierte sie ihren 108. Geburtstag. Weil die Facebook-Seite so gut ankam, beschloss Fritzsche, die Erlebnisse ihrer betagten Oma in ein Buch zu packen. Die Protagonistin zeigte sich begeistert: "Ich glaube, das kann sich nur wie geschnitten Brot verkaufen!"

Immer positiv bleiben

Maria Fritzsche, geboren 1909 in Essen, erlebte Höhe- und Tiefpunkte eines ganzen Jahrhunderts: zwei Weltkriege, die Erfindung von Internet und Handy, den letzten deutschen Kaiser ("kein schöner Mann!"). Im Zweiten Weltkrieg verlor sie ihre große Liebe, einen Musiker. "Bis heute muss sie weinen, wenn jemand Klavier spielt", erzählt Enkelin Anja.

Von Schicksalsschlägen ließ sich die gelernte Innendekorateurin nicht entmutigen; auch nicht im Herbst, als sie ein (unverschuldeter) Autounfall endgültig in den Rollstuhl und ins Altersheim zwang (bis dahin hatte sie mit ihrem Sohn in einer kleinen Wohnung gelebt und den Haushalt geführt). "Irgendwann nach dem Unfall habe ich gesehen, dass Oma seit drei Tagen dieselben Socken anhat. Ich fragte sie, ob sie nicht frische anziehen möchte. Sie antwortete: Wieso, die helfen mir, die stehen nämlich schon von alleine!"

Oft wurde Fritzsche, die in München als Kommunikationsdesignerin arbeitet, nach dem Geheimnis ihrer vitalen Oma gefragt. Schließlich nimmt diese keine Medikamente und ist weitgehend schmerzfrei. Da wäre der starke, schwarze Kaffee, den sie täglich trinkt, oder das bis vor kurzem selbst zubereitete Essen. Vor allem aber die positive Einstellung: "Sie macht einfach weiter, ohne viel über das Leben nachzudenken. Sie hat Spaß und probiert gerne Neues aus."

Mit 103 bestand sie darauf, dass ihr die Enkelin das Smartphone erklärt. "Oma kommt aus einer Generation, die nicht jederzeit alles googeln konnte. Ihr Vater ging mit ihr in den Wald und hat ihr jede Blume, jeden Baum gezeigt. Das erwartet sie jetzt von mir. Das fordert natürlich. Deswegen sage ich immer – Babysitten ist weniger anstrengend als Omasitten", lacht die 40-Jährige.

Bis heute achtet die zweifache Uroma auf ihr Äußeres, cremt sich jeden Tag ein, geht zweimal die Woche zum Friseur und lässt sich nur ungern ohne Perlenkette fotografieren. "Sie ist eine kleine, feine Dame", schmunzelt Fritzsche. "Oma hat schon Yoga gemacht, als es niemand kannte. Wenn ich als Kind bei ihr übernachtet habe, musste ich morgens immer mit ihr Gymnastik machen."

Viel reisen, viel erzählen

Die Lust am Reisen verbindet Oma und Enkelin. Bis zum Unfall fuhr die Familie noch gemeinsam nach Spanien, das Lieblingsurlaubsland Marias. "Wer viel reist, hat viel zu erzählen. Wir sind durch Handy und Fernseher so entertained, dass wir nirgends mehr hingehen müssten, um etwas zu erleben. Für alte Menschen ist das ein Vorteil, aber Oma sagt, dass sich Junge bewegen und die Welt entdecken sollen."

Ihr Buch soll einladen, alten Menschen zuzuhören, sagt Anja Fritzsche. "Oft fehlt uns der Respekt vor Älteren. Nach dem Motto: Ihr habt keine Ahnung vom modernen Leben. Das stimmt nicht. Die Jungen mögen schneller sein – aber die Alten kennen die Abkürzungen."

Anja Fritzsche & Oma Maria: „Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige! – Die unglaublichen Geschichten einer 107-Jährigen“ erschienen im Ullstein Verlag. 240 Seiten. 10,30 Euro.