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Wissenschaft
04/23/2014

Wer war Eduard Suess?

Der Wissenschaftler, der Wien sauberes Wasser schenkte und die Atmosphäre "erfand".

von Susanne Mauthner-Weber

Er ist dem Vergessen anheim gefallen, obwohl er etwas so Wichtiges wie die 1. Wiener Hochquellleitung durchgesetzt und gebaut hat. Er war vielseitig: Paradewissenschaftler, Präsident der Akademie der Wissenschaften, Politiker – das unter einen Hut zu bringen, war schon ein Wunder." Wenn Lois Lammerhuber über Eduard Suess zu referieren beginnt, kommt er sofort ins Schwärmen. Nicht von ungefähr: Der Fotograf von Weltruf hat sich rechtzeitig zum 100. Todestag von Suess am 26. April auf die Spuren des vergessenen österreichischen Wissenschaftlers begeben.

Passenderweise fällt dieser Todestag mit dem Geologen-Kongress zusammen, zu dem ab Sonntag 10.000 Forscher in Wien erwartet werden. Und da will man den Vater der modernen Geologie vor den Vorhang holen und ein Buch ("The Face of the Earth") präsentieren. Lammerhuber ist für die Fotos um die Welt gereist: "Überall dorthin, wo verschiedene Erdzeitalter an der Oberfläche sichtbar sind", erzählt er. Die Autoren (allesamt Geologen) greifen zu einem Kunstgriff: Sie lassen Suess posthum ein Buch schreiben und zitieren seine wissenschaftlichen Thesen, die bis heute gültig sind. Und das sind nicht wenige. Doch davon später.

Großer Geologe

"Eduard Suess war einer der größten Geologen", sagt Thomas Hoffmann, Paläontologe und Co-Autor des Buches. 1831 in London geboren, in Prag aufgewachsen, kam er viersprachig nach Wien. "Somit konnte er die Schriften der Kollegen von überall auf der Welt lesen, er war neugierig, gebildet und zur richtigen Zeit im richtigen Alter. 1848 kam es zur Revolution, durch die der Metternichsche Polizeistaat endete. Danach begann Suess zu studieren – als Wien sich öffnete und Aufbruchstimmung herrschte."

Mit 25 Jahren bestellte ihn Kaiser Franz Joseph I. zum außerordentlichen Professor für Paläontologie an der Universität Wien, obwohl Suess weder Doktortitel noch Lehrbefugnis hatte. Er war aber auch außergewöhnlich, denn viele seiner bahnbrechenden wissenschaftlichen Thesen haben bis heute Gültigkeit: Suess postulierte, dass die Alpen durch seitliches Zusammenschieben der äußeren Erdrinde entstanden seien und nicht durch Vulkanismus. Er fand heraus, dass bestimmte Farne in Fossilien Afrikas, Südamerikas und Indiens zu finden waren und schloss daraus, dass es einst einen großen, gemeinsamen Kontinent gegeben haben müsse – Gondwana-Land. Den Ozean rund herum nannte er Tethys. Und auch die Namen "Atmosphäre" (Lufthülle), "Hydrosphäre" (das auf der Erde befindliche Wasser), "Lithosphäre" (die Gesteinsschicht) und "Biosphäre" (alles Lebende) dürften vielen Menschen vertraut sein. Ihr Wortschöpfer: Eduard Suess. Irgendwann kommuniziert der Forscher, dass Brunnen in der Nähe von Friedhöfen wohl nicht so gut seien. Die Wiener versorgten sich damals großteils mit Wasser aus Grundwasser-Brunnen, die durch Leichenwässer kontaminiert waren. Suess erkannte, dass das der Grund für die vielen Typhus-Erkrankungen war und entwickelte einen Plan: Er wollte die Quellen im Rax- und Schneeberggebiet anzapfen, um eine Hochquellwasserleitung zu bauen. Mehrmals wurde er als Narr bezeichnet. Man versuchte sogar, ihn mit Bestechungsgeld umzustimmen.
Vergeblich: Am 24. Oktober 1873 schoss das Hochquellwasser auf sein Signal vor den Augen des Kaisers aus dem Hochstrahlbrunnen am Wiener Schwarzenbergplatz "vierzig bis fünfzig Meter hoch in die Sonne auf, und ein Regenbogen umspannte die Szene", schrieb Suess in seinen Erinnerungen. Damit nicht genug der Suess’schen Visionen. "Er hat Alois Negrelli beim Bau des Suez-Kanals beraten und ihn gebeten, er möge ihm doch sein Baugerät schicken, wenn er es nicht mehr benötige. Er brauche es zum Bau seines Entlastungsgerinnes", erzählt Lammerhuber. "Eduard Suess hat die Donauinsel vorausgedacht."

Suess-Kenner Hoffmann ist besonders von der Vielseitigkeit des Wissenschaftlers fasziniert. "Der Mann hat Verantwortung übernommen, eine Tugend, die heute immer seltener wird."

Termine – einem großen Forscher zu Ehren

Dem vergessenen Wissenschaftspionier Eduard Suess wird mit einem Veranstaltungsreigen gedacht:

Am 23. April erzählt Thomas Hofmann, Geologische Bundesanstalt, im Vortrag Ich war ein sehr schlimmer Junge! über das Leben des Forschers (Naturhistorisches Museum Wien).

Am 24. April gedenkt man im Rahmen der Wiener Vorlesungen Suess’ Bedeutung für Wien (Wiener Rathaus).

An der Uni Wien folgt am 25. April die Festveranstaltung Eduard Suess (1831– 1914). Politik – Wissenschaft – Verantwortung.

Ab 27. April findet der zweitgrößte Geowissenschaftler-Kongress der Welt im Austria Center statt.

Im Rahmen einer Suess-Gala (Akademie der Wissenschaften) wird das BuchThe Face of the Earth – The Legacy of Eduard Suess(Edition Lammerhuber, 29,90 €,http://edition.lammerhuber.at/buecher/the-face-of-the-earth) präsentiert.

Wer mehr über Suess’ Wirken wissen möchte: Nahezu alle Werke wurden mittlerweile digitalisiert. Im Online-Katalog finden sich seine Originaldokumente.

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