Kultur
07.06.2017

Kontroverse um nicht gezeigten Antisemitismus-Film

Die TV-Sender Arte, WDR und ZDF halten eine Dokumentation über den modernen Judenhass unter Verschluss. Der Zentralrat der Juden fordert nun die Ausstrahlung.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat die TV-Sender Arte, WDR und ZDF aufgefordert, einen unter Verschluss gehaltenen Film über Antisemitismus freizugeben. Er maße sich nicht an, die Dokumentation der Autoren Joachim Schröder und Sophie Hafner journalistisch zu beurteilen, schrieb Zentralratspräsident Josef Schuster an den Arte-Präsidenten und SWR-Intendanten Peter Boudgoust.

Warum formale Gründe aber die Ausstrahlung verhinderten, erschließe sich ihm nicht. Er bat die Sender darum, die Entscheidung zu überdenken. Die Jüdische Allgemeine hatte am Mittwoch über den Brief berichtet.

In dem Film "Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ wird der moderne Judenhass unter anderem in Deutschland, Frankreich, im Gazastreifen und im Westjordanland nachgezeichnet - auch der von Muslimen.

Formale Gründe

Der WDR und Arte lehnten eine Ausstrahlung aus formalen Gründen ab. Der Film behandle das zentrale Thema "nur sehr partiell" und entspreche nicht dem genehmigten Projekt, heißt es bei Arte. Der deutsch-französische Sender warf den Filmautoren zudem vor, dass der deutsch-palästinensische Publizist Ahmad Mansour von dem Projekt abgesprungen ist. Mansour sollte "die Ausgewogenheit des Projekts garantieren", argumentierte Arte-Chef Alain Le Diberder laut einem Bericht der FAZ. ARD und ZDF sind die deutschen Gesellschafter von Arte.

Der WDR, bei dem die redaktionelle Verantwortung für den Film lag, führte laut FAZ zudem als Argument an, dass zu wenige europäische Länder in dem Film vorkämen, und zu viel Palästina.

Autor vermutet Angst in Frankreich

Ko-Autor Schroeder mutmaßte öffentlich, dass die Franzosen bei Arte Angst davor hätten, der Film könne den muslimischen Teil der Bevölkerung provozieren. In Frankreich gilt seit über einem Jahr nach mehreren islamistisch motivierten Anschlägen der Ausnahmezustand. Für den Film wurde auch in Pariser Vororten gedreht.

In Deutschland hatten sich unter anderem die Historiker Michael Wolffsohn und Götz Aly für den Film ausgesprochen. Aly warf dem Sender Zensur vor. "Die Sache stinkt zum Himmel", schrieb er in der Berliner Zeitung. Er bezeichnete den Film als "beachtliche und außerordentlich facettenreiche journalistische Leistung". Aly lobte "die Intensität der Recherche" und bescheinigte dem Film "eine ungewöhnliche Kraft“. Vor allem lege der Film "das weiche, halb verborgene Ressentiment der vielen" frei.

Wolffsohn schrieb: "Das ist die mit Abstand beste und klügste und historisch tiefste, zugleich leider hochaktuelle und wahre Doku zu diesem Thema."

Bildungsauftrag

Zentralratspräsident Schuster erklärte, der Film sei angesichts des zunehmenden, auf Israel bezogenen Antisemitismus höchst relevant. Ihn zu zeigen, entspreche dem Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender.

Juden in Deutschland sehen sich von Muslimen bedroht

Juden in Deutschland sehen Antisemitismus unter Muslimen als immer größeres Problem. Das ging aus einem am 24. April veröffentlichten Antisemitismus-Bericht einer Expertenkommission hervor.

Internet und soziale Medien seien zu zentralen Verbreitungsinstrumenten von Hassbotschaften und judenfeindlicher Hetze geworden, was zur Wahrnehmung einer steigenden Gefahr beitrage.

Juden in Deutschland sorgten sich aufgrund alltäglicher antisemitischer Erfahrungen zunehmend um ihre Sicherheit. Der Expertenkreis fordert deshalb eine verbesserte Erfassung und Ahndung antisemitischer Straftaten sowie die Stärkung von Beratungsangeboten für die von Antisemitismus Betroffenen.

Die Sachverständigen warnen aber zugleich vor voreiligen Schlussfolgerungen. Rechtsextremisten seien nach wie vor die bedeutendsten Träger des Antisemitismus in Deutschland.

Für große Aufmerksamkeit hatte vor kurzem der Fall eines 14-jährigen jüdischen Buben in Berlin gesorgt, der an seiner Schule gemobbt und bedroht worden war. Einer der Mitschüler, von denen viele aus türkisch- oder arabischstämmigen Familien kommen, soll gesagt haben: "Alle Juden sind Mörder."

Das Ausmaß antisemitischer Einstellungen unter muslimisch sozialisierten Jugendlichen sei höher als unter nichtmuslimischen, heißt es in dem Bericht. Insbesondere Migranten aus arabischen und nordafrikanischen Ländern neigten zum Antisemitismus.

Ältere Muslime und Nichtmuslime unterschieden sich aber kaum. Schulbildung trage auch bei jungen Muslimen zu einer Reduktion von Antisemitismus bei.

20 Prozent

In der Bevölkerung insgesamt gehen die Experten von etwa 20 Prozent "latentem Antisemitismus" aus. Für die vom Deutschen Bundestag eingesetzte Kommission stellte die Historikerin Juliane Wetzel fest: "In der Öffentlichkeit steht die Gruppe der Muslime als vermeintliche Hauptverursacher des Antisemitismus im Fokus. Mit der Flüchtlingswelle haben solche Zuschreibungen noch zugenommen."

Der Rechtsextremismus sei dagegen als zentrales Milieu antisemitischer Inhalte in der Wahrnehmung in den Hintergrund getreten.

Muslimische Verbände und Moscheegemeinden würden undifferenziert als Hort antisemitischer Agitation gesehen, Imame als Hassprediger charakterisiert, sagte Wetzel. Zuverlässige wissenschaftliche Befunde über die Verbreitung antisemitischer Einstellungen unter in Deutschland lebenden Muslimen fehlten jedoch.

Rechtsextremismus nicht verharmlosen

Antisemitismus unter Muslimen müsse beobachtet werden; zugleich dürften judenfeindliche Strömungen unter Rechtsextremen oder in der gesellschaftlichen Mitte nicht verharmlost werden.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland unterstützt die Forderung der Experten nach einem Antisemitismus-Beauftragten, der für die Umsetzung der Vorschläge der Kommission sorgen müsse. Die Amadeo-Antonio-Stiftung sprach von "ungehemmtem Judenhass" und forderte ebenfalls Konsequenzen.

Der Grünen-Abgeordnete Volker Beck sagte, der Antisemitismus-Bericht dürfe nicht das Schicksal eines ersten ähnlichen Papiers erfahren und routinemäßig zu den Akten gelegt werden. Teil der Forderungen der Kommission ist auch eine bessere Koordination der Präventionsprojekte zwischen Bund, Ländern und Gemeinden.