Wrabetz, der reglose Generaldirek­tor

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Foto: KURIER/Jeff Mangione Der Diener ohne Herr: Der ORF-Chef  spielt auf Zeit

ANALYSE: Alexander Wrabetz entscheidet seit seiner Wiederbestellung nichts, weil er auf die Nationalratswahl wartet.

Vor einem Jahr wurde Alexander Wrabetz wiedergewählt. Seither lässt er die Politik zappeln. Die viel wichtigere Wahl für ihn findet nämlich erst im Herbst statt. Am 15. Oktober entscheidet sich, wer mit wem in der Regierung sitzen könnte (und ihn damit von seiner Position entfernen kann). Also steht Wrabetz seit Beginn seiner neuen Amtsperiode am 1. Jänner auf der Bremse.

Die berühmteste Baustelle sind die Channel Manager für ORF eins und ORF2. Sie sollten schon seit Jahresbeginn in Amt und Würden sein – so sehen das zumindest jene politischen Kräfte, die Wrabetz die Wiederwahl ermöglichten und damit verbunden auch konkrete personelle Besetzungen erhofften.

Die SPÖ etwa wartet weiterhin auf die Einsetzung von Roland Brunhofer als Aufpasser für ORF2, wo er als Gegengewicht zum rüden Interviewer Armin Wolf fungieren sollte.

Wrabetz schob und schob und schob, bis schließlich Neuwahlen vor der Tür standen, womit er erst recht ein Argument an der Hand hatte, zuzuwarten: Weil man der TV-Information im Wahlkampf aber keine Neustruktur zumuten wollte, will Wrabetz bis nach der Wahl warten.

Kenner des politischen Überlebenskünstlers sehen dies als Grund des ewigen Hinauszögerns: Wrabetz hatte schon vorhergesehen, dass das Duo Kern/Kurz nicht lange in einer Regierung bleiben werden. Und da die beiden Channelmanager auch als politisches Faustpfand eingesetzt werden können, hielt er sich dies noch offen. Auf Brunhofers angedachter Channelfunktion könnte bei einer roten Bauchlandung bei der Wahl etwa schnell ein blauer Wunschkandidat werden.

ORFeins wartet

Auch aus der Neupositionierung von ORFeins wird mangels Channelmanagement vorerst nichts. Wrabetz versprach für seine Wiederwahl eine Neupositionierung: US-amerikanische Kaufware solle reduziert und das Österreich-Programm ausgebaut werden. Darauf warten die Zuseher ebenso wie auf die "neue News-Show mit dem etwas staubigen Arbeitstitel "@1". Sie sollte laut Wrabetz-Bewerbung bis zu 60 Minuten lang, stark auf Hintergrundberichte, internationale Themen und Online-Vernetzung ausgerichtet sein.

Auch sonst finden sich in seiner Bewerbung für seine dritte Periode allerhand Projekte, die entweder verschoben oder noch gar nicht einmal angegangen wurden. Der Chief Digital Officer etwa, eine Art digitale Stabsstelle direkt in der Generaldirektion, um den ORF "als Leitmedium im digitalen Zeitalter" zu positionieren. Offenbar braucht der ORF die schillernde Job-Beschreibung doch nicht, denn er wurde gar nicht eingeführt. Die Digitalagenden übernimmt Onlinechef Thomas Prantner, den Wrabetz dafür nicht einmal in den Rang eines Direktors hob.

Auch der Funkhaus-Verkauf steht: Weil beim Bauprojekt am ORF-Zentrum am Küniglberg die Kosten aus dem Ruder laufen und Verzögerungen wegen ausstehender Widmungen und Protesten der Anrainer stattfinden, stockt der Deal mit der Vorarlberger Rhomberg-Gruppe. Mittlerweile spricht man im ORF von einem "modularen Verkauf" – derzeit geht es dem Vernehmen nach gerade einmal um den Parkplatz.

Was nicht in der Bewerbung stand, wurde dafür umso zügiger umgesetzt: Noch vor dem Antritt seiner neuen Periode beantragte Wrabetz im Dezember eine Gebührenerhöhung – gegen den Widerstand der SPÖ, die ihn im August gewählt hatte.

(kurier) Erstellt am
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