Kultur
25.04.2017

Wolf vs. Prantner: Taktische Feuer im ORF

Die vergangenen Wochen zeigen einen ORF im Chaos. Zumindest einem hat es genutzt: Armin Wolf sitzt fest im Sessel

***Update um 18.05 Uhr***

Die taktischen Feuer im ORF weiten sich aus. Und kaum einer überblickt noch, worum es eigentlich geht. Und vor allem: Zu welchem Zweck.

Wo anfangen? Bei Armin Wolf, der den Generaldirektor mit seinen jeweils rund 300.000 Followern auf Twitter und Facebook vor sich hertreibt? Bei Roland Brunhofer, der in einer Art Proxy-War die Trias Wolf/Bornemann/Dittlbacher sprengen soll, aber immer noch auf sein Mandat als Channelmanager wartet? Beim stellvertretenden Technikdirektor Thomas Prantner, der in völliger Unzuständigkeit in profil die Interviewmethoden der journalistischen Aushängeschilder des Hauses in ein schiefes Licht zu rücken versucht? (Er sprach von "Anklagebank und Verhörmethoden").

Bei Alexander Wrabetz, der dies alles geschehen lässt? Bei Alexander Wrabetz’ Stakeholdern aus der Politik, die ihn das alles geschehen lassen?

Hintertür-Hoheit entglitten

Die Intrigendichte ist mittlerweile so vielschichtig, dass man erstmals den Eindruck gewinnen kann, dem smarten Taktiker Alexander Wrabetz sei seine Hintertür-Hoheit entglitten: Egal, an welchem Holz er zieht, der Begleitschaden wäre enorm. Entmachtet er Wolf, wird er, der stets für sich verbuchen konnte, dass die Information unter seiner Generaldirektion unumschränkte Freiheit hatte, als übler Zensor da stehen.

Sturer Oberösterreicher

Nimmt er Roland Brunhofer aus dem Rennen, wird sein Nimbus als smarter Player beschädigt sein. Außerdem: Wohin dann mit dem sturen Oberösterreicher, der mittlerweile auch eine fixe Größe in der politischen Begehrlichkeitsmatrix ist? Die Politik kniet förmlich auf Wrabetz, endlich die Channelmanager einzusetzen, die er in seinem Bewerbungskonzept einmal mehr versprochen hat.

Sieben Jahre lang ist nichts passiert

Die Channelstruktur. Ein Paradebeispiel dafür, wie wenig man inhaltlich weiterbringen kann, wenn keiner nachfragt: Wrabetz hat diese schon vor sieben Jahren öffentlich ventiliert. Das war in einer Phase, in der er sich gerade auf seine erste Wiederwahl inhaltlich vorbereitet hat. Der ORF-Generaldirektor erklärte damals der APA sehr konkret: „Wenn man solche Änderungen vorhat, muss man auch mit bedenken, was die neue Struktur für die Redaktionen in den einzelnen Hauptabteilungen jetzt bedeutet, wo es Synergien gibt, wo es inhaltliche Überschneidungen gibt, wo Zusammenlegungen sinnvoll wären, etc. Sicher ist, dass es die gewachsene Struktur der Hauptabteilungen und die strikte Fokussierung auf einen Sendeplatz in dieser traditionellen Form ab 2012 im TV nicht mehr geben wird.“

Was weiter geschah, ist rückblickend schleierhaft. Heute weiß man nicht einmal, wann die Ausschreibung für die für Jänner angekündigten Channelmanger genau erscheinen soll. Öffentlich sagte Wrabetz “im April”, vor den Redakteuren sprach er vom zweiten Quartal. (UPDATE I: Im "Standard" sprach er am Dienstagnachmittag von "zwei bis drei Wochen"). Und selbst wenn sie endlich ausgeschrieben würden: Welches Pouvoir die Channelmanager haben, weiß damit immer noch keiner. Übrig bleibt eine wohl singuläre Managementleistung: Wrabetz hat sich mit seinem Plan sieben Jahre Zeit gelassen, um schlussendlich ein unüberlegtes Chaos anzurichten.

Gezielter Schuss ins eigene Bein

Ein weiteres Hölzchen wäre der stellvertretende Direktor Prantner. Sollte dessen öffentliche Intrige gegen Wolf wirklich von Wrabetz gedeckt sein, wie dies die Gratiszeitung Österreich behauptet, dann war das ein gut gezielter Schuss ins eigene Bein: Fester könnte er Wolf nicht in der Öffentlichkeit in seiner Funktion einzementieren. Die “Süddeutsche” berichtete bereits genüsslich darüber, in Österreich werde ein untadeliger Journalist dafür entmachtet, dass er seinen Job macht. Sogar der Medienminister Thomas Drozda hat sich öffentlich auf die Seite von Wolf gestellt.

Sollte Wrabetz von Prantners Ausritt nichts gewusst haben, verstärkt das nur den Eindruck, unter seiner Führung tue jeder, was er wolle. (UPDATE II: Am Nachmittag hat sich Wrabetz im oben erwähnten "Standard"-Interview hinter Wolf gestellt. Prantners profil-Interview kritisiert er gleichzeitig nicht.)

Hinter all dem steckt wenig Strategie, aber immer kurzatmigere Taktiererei. (Und daneben klafft ein potenzielles Millionengrab, die Sanierung des ORF-Zentrums.)

Prantner lag gar nicht einmal so falsch. Nur mit etwas anderem

Was in der öffentlichen Debatte völlig untergeht, ist die gar nicht einmal so falsche Kritik Prantners am Social-Media-Imperium von Armin Wolf (für das wäre er auch fachlich zumindest irgendwie zuständig). Dieser hat es mittlerweile unter dem Vorwand “Dies ist kein ORF-Account” zu einer beachtlichen Reichweite gebracht. Er kommentiert dort sehr pointiert das politische Geschehen, andere Journalisten, spricht für das Unternehmen und berichtet aus seiner Freizeit. Und: Er hat mit einem Tweet verhindert, dass der rote Stiftungsrat Niko Pelinka in Wrabetz’ Büro wechselt:

Wer könnte dahingehend eine adäquate Strategie entwickeln, die sich nicht mit dem öffentlichen Bild des ORF und seiner Journalisten beißt? Nun: Wenn es nicht die Medienpolitik sein soll, dann wäre das wohl auch wieder Wrabetz. Aber an diesem Hölzchen zieht er aber wohl als letztes.