William Kentridge in Salzburg: Bilder, die durch die Zeit reisen

The Refusal of Time<br />
in Zusammenarbeit mit Philip …
Foto: / William Kentridge/Goodman Gallery/Lia Rumma Gallery Standbild aus "The Refusal of Time", 2012

Das Museum der Moderne widmet sich ganz dem Künstler und "Wozzeck"-Regisseur William Kentridge.

Irgendwann glaubt man, das Vokabular von William Kentridge zu kennen. Megaphone, Schreibmaschinen, Stative, Espressokannen und Flaggen tauchen im Werk des Südafrikaners immer wieder auf; häufig bilden Landkarten und Seiten historischer Bücher den Hintergrund für bewegte Zeichnungen, geben den Eindruck eines Daumenkinos: Kentridge erkennt man sofort.

Anders als bei vielen Markenzeichen-Künstlern ist es aber unmöglich, die Ästhetik irgendwann als durchschaut abzuheften: Denn während der Stapel der Werke beständig wächst, beharrt der Künstler auf der Unabgeschlossenheit. Ein Windstoß kann alles verblasen, und es wird wieder neu gezeichnet, gefilmt, collagiert.

Inmitten der Kulissen

Die Werkschau im Salzburger Museum der Moderne (MdM) am Mönchsberg unterstreicht diesen Charakter, indem sie eine Situation "hinter der Bühne" erzeugt. Sabine Theunissen – sie zeichnet auch für das Bühnenbild von Kentridges "Wozzeck"-Inszenierung in Salzburg verantwortlich – schuf separate Räume für sechs Installationen, ließ aber die Rückseiten der Stellwände blank. Manche Objekte, wie das aus einem Stativ und Fahrradteilen zusammengesetzte "Bicycle Wheel II" (2012), erscheinen nur halb ausgepackt, es stehen Transportkisten herum: Die Werkstatt, die in Kentridges wundersamer Filmreihe "7 Fragments for Georges Meliès" (2003) zum Hauptdarsteller wird, ist so auf die ganze Ausstellung ausgedehnt.

William Kentridge im Museum der Moderne Salzburg, … Foto: /Museum der Moderne Unter dem Motto "Thick Time" ("verdichtete Zeit") versammelt die Mönchsberg-Schau jüngere Installationen, die in der Retrospektive in der Albertina (2012) noch nicht zu sehen waren. Etwa das famose, für die documenta 13 (2012) geschaffene Werk "The Refusal of Time", in dem es um die Standardisierung von Zeit und die Auflehnung dagegen geht: Das pneumatische System, das im 19. Jahrhundert Zeitimpulse durch Paris pumpte, wird darin ebenso zitiert wie Joseph Conrads Roman "Der Geheimagent" (1907), in dem ein Anarchist das Observatorium von Greenwich sprengen will.

Kentridges Verdienst ist nicht zuletzt, im Rahmen einer durchaus monumentalen Bildkunst die Zeit als formbare Masse einzusetzen: Sprünge, Vor- und Rückblenden, die Aufschichtung historischer Dokumente und Objekte ergeben bei ihm eine Eigen-Zeit, die dazu beiträgt, dass man sich als Betrachter bereitwillig in seiner Welt verliert.

Kraftquelle Theater

7 Fragments for Georges Méliès, Day for Night and … Foto: /William Kentridge/Goodman Gallery/Lia Rumma Gallery Der zweite Teil der MdM-Werkschau im Rupertinum veranschaulicht, dass diese Qualität maßgeblich in Kentridges Arbeit im Theater wurzelt. In der musealen Präsentation blickt die Schau bis in die 70er Jahre zurück, in denen der damalige Student gemeinsam mit Kollegen die "Junction Avenue Theatre Company" in Johannesburg gründete, für die er Plakate und Bühnenbilder entwarf, aber auch als Regisseur und Schauspieler tätig wurde.

Ab 1992 arbeitete Kentridge im Bereich des Puppentheaters, die "Zauberflöte" war 2004/’05 seine erste Operninszenierung. Die Schau bereitet diese Werkteile mithilfe von Requisiten, Modellen und Videos umfassend auf, einige Objekte weisen auf den Salzburger "Wozzeck" voraus: Auf das, was der wohl vollendetste Gesamtkünstler unserer Zeit für diese Produktion vorbereitet hat, darf man in jedem Fall gespannt sein.

INFO: Museum und Musik

Alban Bergs „Wozzeck“ in der Regie von William Kentridge hat am 8.8.2017 bei den Salzburger Festspielen Premiere. 2015 hatte Kentridge Bergs „Lulu“ in Amsterdam und New York inszeniert. 2014 visualisierte er Schuberts „Winterreise“ bei den Wiener Festwochen mit Markus Hinterhäuser am Klavier.  

MdM-Werkschau: Bis 5.11.  „Thick Time – Installationen und Inszenierungen“ ist  im Museum der Moderne am Mönchsberg sowie im Rupertinum zu sehen.  Eine Reihe von  Schattenfiguren verbleibt dort ein Jahr im Atrium.

(kurier) Erstellt am
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