William Kentridge, 1955 in Südafrika geboren, zeigt im Museumsquartier 24 Filme zu den 24 Liedern von Franz Schubert

© EPA/DANIEL PEREZ

Interview mit William Kentridge
06/08/2014

"Eine Winterreise, die in mir wartete"

William Kentridge über die Uraufführung bei den Festwochen mit Hinterhäuser und Goerne.

Er gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler. William Kentridge ist auch Regisseur, Bühnenbildner und Darsteller mit entscheidendem Einfluss auf Theater und Oper. Kentridge, der Theatermann, ist dabei eine Art Doppelgänger von Kentridge, dem Künstler. Die Bühne ist der Treffpunkt, wo die beiden einander konfrontieren – in einer Kollision der Medien wie Film, Skulptur, Zeichnung, Performance, Musik und Tanz.

Nun kommt in Wien, wo Kentridge schon 1998 Monteverdis "Il Retorno d’Ulisse" auf die Bühne der Sofiensäle brachte, am Montag im Rahmen der Wiener Festwochen seine nächste Arbeit zur Uraufführung: Schuberts "Winterreise", mit Festwochen-Intendant Markus Hinterhäuser am Klavier und mit Bariton Matthias Goerne. Eine intime Arbeit, die Kentridges persönliche und auch die Geschichte seiner Familie erforscht.

Kentridge erinnert sich an das erste Mal, als er die "Winterreise" hörte – gemeinsam mit seinem Vater. Sydney Kentridge war berühmter Rechtsanwalt und führende Figur in der Anti-Apartheid-Bewegung. Er verteidigte Nelson Mandela vor Gericht (1956–1961).

Die Stimme von Dietrich Fischer-Dieskau füllte mit den Liedern den Salon der Kentridges, einen friedlichen Ort in unruhigen Zeiten. Und trotz ihrer Schönheit hatte diese Stimme auch etwas Beunruhigendes: "Das war in den 1960ern, als es in meiner Familie noch ausgeschlossen war, ein deutsches Auto zu kaufen, oder auch nur Deutschland oder Österreich zu besuchen. Manchmal war meine Mutter dabei, aber in den meisten Fällen verließ sie den Raum: Sie mochte keine Lieder, aber tolerierte sie um meines Vaters Willen."

KURIER: Wie entstand Ihre eigene Winterreise aus diesem Kindheitsumfeld?

William Kentridge: Es war ein Schock herauszufinden, dass all diese Jahre eine ,Winterreise‘ in mir wartete – als ob ich dieses Projekt seit 20 Jahren gestalte. Als ich mir diese 24 Lieder anhörte, Schuberts Musik und die Texte von Wilhelm Müller, und dazu meine bereits existierende Filme sah, war ich überrascht, dass das alles zusammenhängt. Aus Rhythmus, den Bildern und den Assoziationen, die die Musik und die Filme erzeugten, ergaben sich Übereinstimmungen.

Wie passen der romantische Wanderer und die ländliche Winterlandschaft zu den von Johannesburg inspirierten Filmen?

Der bildliche Ausdruck des Gehens, Wanderns oder der Prozession ist in vielen meiner Arbeiten präsent, wie etwa jener für die Documenta13, "The Refusal Of Time". Die Entdeckung der romantischen Landschaften von Caspar David Friedrich übten früh starken Eindruck auf mich aus, insbesondere "Das große Gehege" (1832): Der dünne Streifen Land mit Bäumen, ein leerer Himmel und insbesondere die Leere des Vordergrundes, die Nicht-Landschaft. Ohne dass es mir bewusst war, war dieses Bild eine Referenz für viele meiner Landschaften.

Goerne und Hinterhäuser kamen zwei Mal zu Proben nach Johannesburg. Welchen Einfluss hatte das auf die Filme?

Das war absolut entscheidend. Nach der ersten Probenphase änderte ich mein Konzept für einige Lieder völlig. Wenn Matthias singt, braucht er sehr engen Kontakt zu Markus, so eng, dass er fast ins Klavier klettert. Ich musste die Position des Klaviers überdenken, so dass er davon nicht verschluckt wird. Das war im Endeffekt großartig: Denn nun strömen die Projektionen hinter seinem Rücken oder aus dem Klavier. Matthias’ Darbietung ist ungeschützt, manchmal enorm leidenschaftlich, dann eigenartig leise und zerbrechlich. Es ist eher ein geschlossener Dialog zwischen dem Pianisten und dem Sänger, den das Publikum von der Seite betrachten darf, als etwas, das für das Publikum aufgeführt wird.

Der Pianist und der Sänger sind zwei eigenständige Charaktere, und in Ihren Filmen treffen wir einen dritten Mann, den Künstler. Es scheint, dass Ihre Interpretation des Werks Ihre eigene Geschichte nachzeichnet.

Es sind Bruchstücke einer persönlichen Geschichte, die mit einer größeren Geschichte zusammenhängt: jener der deutschen Romantik, die im Gedächtnis eines Liedzyklus’ und in einer Kindheit in Johannesburg bewahrt wird.

Uraufführung: Die Künstler, das Projekt

Winterreise In der Halle E des Wiener Museumsquartiers kommt es am Pfingstmontag zu einer Uraufführung: Franz SchubertsWinterreise“ mit 24 Animationsfilmen, gezeichnet vom südafrikanischen Künstler William Kentridge. Das Projekt nennt sich „Trio für Sänger, Pianist und Filmprojektor“.

Die Protagonisten Kentridge lebt in Johannesburg und zählt weltweit zu den wichtigsten zeitgenössischen Künstlern.
Der Sänger ist Matthias Goerne, der Pianist Festwochen-Intendant Markus Hinterhäuser. Die Proben in Südafrika haben die Filme
auch beeinflusst, erzählt Kentridge im Interview.

Das englischsprachige Interview finden Sie hier.

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