Wer uns 2012 ein Theater macht

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Cate Blanchett veredelt die Festwochen, Bechtolf holt Andrea Breth nach Salzburg und Matthias Hartmann zieht in den trojanischen Krieg.

Spielplangestaltung ist ein Hund. Alle Jahre wieder kommt die eine oder andere Promenadenmischung dabei heraus. Nur die Suche nach Mottos oder „Leitgedanken“ kann noch schlimmer sein. Das Hamburger Thalia Theater versuchte also für nächstes Jahr eine völlig neue Tour – und lud das Publikum zur Mitentscheidung ein. Dem Aufruf folgte eine Flut unbekannter, weil neuer Stücktitel, heißt: offene Lobbyarbeit ihrer Autoren. Die Häme im Feuilleton darob ist groß.

Residenztheater

Das Highlight natürlich: Festwochenchef Luc Bondys Uraufführung von Peter Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“ mit Dörte Lyssewski und Jens Harzer als rätselhaftes (Liebes-?) Paar. Eine weitere Art zum Spielplan zu kommen, ist das Abfeiern von Jahres-, Geburts-, Todes- und sonstigen Tagen. War ergo 2011 Schnitzlers genau hundert Jahre altes „Weites Land“ landauf, landab zu sehen, gedenkt Martin Kušej 2012 am Münchner Residenztheater des 30. Todestages von Rainer Werner Fassbinder. Anders als im KURIER-Gespräch angekündigt, wird der Hausherr im März allerdings nicht dessen Film „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ auf die Bühne heben, sondern „Die bitteren Tränen der Petra von Kant.“

Einem dem KURIER verratenen Grundsatz bleibt Kušej treu, nämlich Netzwerke mit befreundeten Theatern aufzubauen und (Ko-)Produktionen aus anderen, anderssprachigen Ländern einzuladen. Allein zum Fassbinder-Festival „Postparadise Fassbinder now“ werden fünf internationale Produktionen gezeigt.

Wiener Festwochen

In der APA andererseits beklagte Nestroy-Juryvorsitzende Karin Kathrein jüngst, Theater reagiere nicht mehr zeitnah zeitgemäß auf die Probleme unserer Zeit. Um dann einen Zeitgenossen zur „ärgerlichsten Theatererfahrungen des Jahres“ 2011 zu ernennen. Was tun? Spielplangestaltung und Festivalprogrammierung haben auch was von Brautausstattung. Was Altes, was Neues, was Geborgtes ... Shakespeare, Schimmelpfennig, ein Gastspiel aus Sydney ... Die Wiener Festwochen funktionieren in dem Prinzip. Und das mit großem Erfolg. Ihr Superstar der kommenden Saison heißt Cate Blanchett. Die oscargekrönte Kinokönigin kommt mit der Sydney Theatre Company und Botho Strauß’ „Groß und Klein/ Big and Small“ nach Wien. Über ihre Darstellung der „Lotte“ überschlägt sich die australische Presse seit der dortigen Premiere im November: Das Publikum brauche nach Ende der Vorstellung Minuten, bis es wieder atmen könne ... (The Sydney Morning Herald).

Auch der Filmemacher und Drehbuchautor Ulrich Seidl wechselt für die Festwochen ans Theater. Er hat eigene Texte mit David Foster Wallaces „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ verknüpft. Und lässt unter anderem Paulus Manker, Georg Friedrich und Wolfgang Pregler als „Böse Buben“ antreten. Man darf gespannt sein.

Salzburger Festspiele

Sven-Eric Bechtolf lädt fleißig ein.
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Auch der neue Schauspielchef der Salzburger Festspiele Sven-Eric Bechtolf lädt fleißig ein. Etwa ein Pariser Theater mit Shakespeares „Sturm“ auf Französisch, in der Inszenierung von Irina Brook. Oder Ibsens „Peer Gynt“ auf Englisch, ebenfalls von Brook. Oder eine Nürnberger Puppentheatergruppe, die Raimund und Kafka spielt. Puppentheater soll laut Bechtolf ein Fixpunkt seiner Ära werden. Händl Klaus liefert sein Auftragswerk „Meine Bienen. Eine Schneise“ zur Uraufführung ab.

Verglichen mit der furiosen letzten Saison von Thomas Oberender wirkt Bechtolfs erste Spielzeit ein klein wenig blass. Den Höhepunkt steuert die Burg als Koproduktion bei: Andrea Breth inszeniert Kleists „Prinz von Homburg“ in Starbesetzung (Simonischek, Clausen, Samel, Koch, Diehl...)

Burgtheater

Womit wir im Burgtheater sind. Direktor Matthias Hartmann bleibt seiner Linie treu und präsentiert Kulinarisches auf höchstem Niveau, flankiert durch viel Österreichisches und viel Zeitgenössisches.

Von Hartmann könnte auch der Höhepunkt des Theaterjahres kommen: Wird seine Dramatisierung von Homers trojanischem Krieg im Mai im Kasino auch nur ähnlich kreativ, kraftvoll und packend wie seine hoch gelobte „Krieg und Frieden“-Bearbeitung, dann dürfe sich alle Theaterfreunde freuen (ausgenommen vielleicht Peter Turrini, der bei der Nestroy-Gala die Dramatisierungs-Mode scharf kritisierte.

Im Herbst wird die Rückkehr von Publikumsliebling Gert Voss für Aufregung sorgen, dem Vernehmen nach in einer Tschechow-Produktion, Hartmann wird inszenieren.

Ein früher Saisonhöhepunkt hat am 28. Jänner im Burgtheater Premiere: Dieter Giesing inszeniert „Endstation Sehnsucht“ mit Nicholas Ofczarek, Katharina Lorenz, Dörte Lyssewski u.a.

Josefstadt

Die Josefstadt versucht sich – nur relativ knapp nach Burg und Volkstheater – ab 2. Februar an Horváths Klassiker „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Die Besetzung verspricht einiges: Florian Teichtmeister, Sandra Cervik, Erni Mangold, Erwin Steinhauer. Regie führt Direktor Herbert Föttinger persönlich. Spannendste Premiere im Volkstheater könnte die österreichische Erstaufführung der Bühnenfassung von Josef RothsHotel Savoy“ im März werden.

Geheimtipp

Sozusagen ein Geheimtipp: Die Shakespeare-Bearbeitung „Hamlet-Sein“ ab 10. März im Theater an der Gumpendorfer Straße, dem TAG . Es ist das selbe Team am Werk, das 2010 mit „Richard II.“ für die Überraschung des Jahres sorgte: Gernot Plass schreibt und inszeniert, Gottfried Neuner spielt die Hauptrolle.

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Erstellt am 24.04.2012