Kultur | Wiener Festwochen
29.05.2013

Sein, Schein und ein Schwein

Luc Bondy hat „Tartuffe“ für die Wiener Festwochen als Molière für heute inszeniert.

Tartuffistan ist im Landhaus-Ambiente angesiedelt – schön angerichtete Bürgerlichkeit für das unschöne Spiel eines Scheinheiligen. Molières Komödienschlachtross über Sein und Schein und ein Charakterschwein wurde bei Luc Bondys Abschiedsinszenierung als Intendant der Wiener Festwochen im Akademietheater behutsam ins Hier und Jetzt geholt. Als wär’s ein Stück von Botho Strauß.

Tartuffe“ ist von 1664. Aber die Hinterfotzigkeit ist zeitlos. Wie die Leichtgläubigkeit und Verblendung, die manchen allzu Bornierten am Ende die Existenz kostet. Der Abgesang auf die zerrüttete Familie Orgon ist hier großes Schautheater in luxuriöser Besetzung.

Schließlich sind Schauspieler auch Verführer, und die verführen in dieser Produktion zum Zuschauen. Mit geradezu hypnotischer Kraft. So wie sich der religiöse Heuchler Tartuffe das Vertrauen des alternden Familienpatriarchen erschlichen hat, und versucht, sich alles anzueignen, was diesem lieb und teuer ist: Frau, Haus und Tochter.

Szenenfotos zu "Tartuffe"

Szenenfotos zu "Tartuffe"

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FOTOPROBE: "TARTUFFE"

FOTOPROBE: "TARTUFFE"

FOTOPROBE: "TARTUFFE"

FOTOPROBE: "TARTUFFE"

FOTOPROBE: "TARTUFFE"

FOTOPROBE: "TARTUFFE"

FOTOPROBE: "TARTUFFE"

FOTOPROBE: "TARTUFFE"

FOTOPROBE: "TARTUFFE"

„Schmierenkomödie“

Fein herausgearbeitet sind die Figuren und ihre Macken: Gertraud Jesserer ist als bigotte zänkische Greisin Madame Pernelle im Rollstuhl der Schreck jedes familiär-gemütlichen Kaffeekränzchens.

Eine Überraschung des Abends: Edith Clever brilliert als Hausdame Dorine. Sie verteidigt als eine der wenigen Vernunftbegabten unermüdlich die Liebe der Tochter Orgons zu Valère, den Aufstand gegen das betrügerische Scheusal und den Widerstand gegen den verrückt gewordenen Hausherren: Gert Voss als Orgon im Giletanzug beherrscht die ganze Skala von jovial bis unerbittlich, wenn er die Zwangsverheiratung seiner Tochter fordert und seinen Sohn aus dem Haus wirft. Unklar bleibt nur, warum er so anfällig für den falschen Heilsbringer ist und erst aufwacht, als Tartuffe seiner Frau an die Wäsche geht. Da ist Schluss mit lustig.

Johanna Wokalek als Orgons Frau Elmire ist eher Ruhepol: Sie öffnet dem Ehemann zwar die Augen, aber was mit ihren eigenen Empfindungen ist, bleibt ein Rätsel bis zuletzt. Wenn sich die Familie – Peter Knaack als Orgons Sohn Damis, Adina Vetter als Tochter Marianne, die den verhassten Tartuffe statt den ihr versprochenen Geliebten Valère (Peter Miklusz) heiraten sollte, und Philipp Hauß als Schwager Cleante – am Ende wieder an den Kaffeetisch setzt.

Und Tartuffe, das Zentrum aller Intrigen, der Spaltpilz im Hause des Orgon?

Bei Joachim Meyerhoff ist er die mit Abstand ekelhafteste unter den ekelhaften Gestalten, ein in Gestik und Ausdruck unangenehmer Sonderling, der dem Objekt seiner Begierden weiß machen will, dass Menschen wie er „mit versteckter Flamme lodern“ und Elmire aufdringlich dreist „Lust, Lust, Lust“ ins Ohr stammelt.

„Abmachungen mit dem Himmel je nach Bedarf“ – für Tartuffe kein Problem. Pikant die Szene, in der er Elmire mit Sätzen wie „Wer im Geheimen sündigt, sündigt nicht“ rumzukriegen versucht, nicht ahnend, dass ihr Ehemann sich unter dem Tisch versteckt.

Ungeheuerliches passiert hier wie selbstverständlich. Dezent und unaufgeregt. Wie im richtigen Leben. Aber während man die Arroganz von Bankern und Politikern draußen realiter betrachten kann, wo Blenden und Täuschen heutzutage allerorten usus und schick zu sein scheint, ist hier alles Theater! Mit Happy End.

Molière für heute: „Tartuffe“ – das Stück

Ein 350 Jahre alter Klassiker, neu übersetzt und bearbeitet von Luc Bondy und Peter Stephan Jungk.

Regie

Da war ein Feinmechaniker, was die Menschenführung betrifft, am Werk, im Sinne von Luc Bondys Credo: „Die Art, Sätze sprechen zu lassen, auf die Konstellationen kommt es an. Dass Hochkompli- ziertes zugleich große Einfachheit und Naivität hat.“

Herausragend

Neben Gert Voss: Edith Clever und Joachim Meyerhoff.

KURIER-Wertung: ***** von *****