Kultur | Wiener Festwochen
29.05.2015

"John Gabriel Borkman": Highspeed-Highway für Ibsen

"John Gabriel Borkman" bearbeitet und inszeniert von Simon Stone bei den Festwochen.

Was für ein Furioso! Was für ein Gemetzel! Was für ein High-Speed-Ereignis! Denn mit " John Gabriel Borkman" landen die Wiener Festwochen (und damit auch das koproduzierende Burgtheater) einen absoluten Hit.

Ja, es funktioniert. Man kann Ibsen ins Heute übersetzen, ihn überschreiben, völlig seiner Sprache entkleiden und dennoch den Kern des Dramas in zwei radikal-kompromisslosen Stunden in aller Schärfe treffen.

Zu danken ist das dem 30-jährigen, australischen Regisseur Simon Stone, der bereits vor zwei Jahren mit seiner Adaption von Ibsens "The Wild Duck" bei den Festwochen für Furore gesorgt hat. Denn Stone vermeidet es, die Story rund um den bankrotten, gefallenen, mit Gefängnis bestraften Ex-Bankier Borkman als betuliches Alt-Herren-Drama zu präsentieren. Ganz im Gegenteil!

Wir sind im Hier und im Jetzt, in einer ziemlich aus den Fugen geratenen Gesellschaft, in der soziale Medien den Ton angeben. Astrologie-Tipps per SMS, Psychotherapie via Skype, Freundschaften und Familienbande über Facebook – doch wenn man den Namen Borkman googelt, so bleiben Schimpf und Schande übrig. Das weiß der Finanzjongleur und Betrüger ebenso wie, dass "die ganze Wirtschaft im Arsch ist".

Szenenfotos

Szenenfotos: "John Gabriel Borkman" bei den Wiener Festwochen 2015

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FOTOPROBE "JOHN GABRIEL BORKMAN"

FOTOPROBE "JOHN GABRIEL BORKMAN"

FOTOPROBE "JOHN GABRIEL BORKMAN"

FOTOPROBE "JOHN GABRIEL BORKMAN"

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FOTOPROBE "JOHN GABRIEL BORKMAN"

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FOTOPROBE "JOHN GABRIEL BORKMAN"

FOTOPROBE "JOHN GABRIEL BORKMAN"

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John Gabriel Borkman

John Gabriel Borkman

John Gabriel Borkman

John Gabriel Borkman

Keine Gefangenen

In den 90ern war das anders, da waren die Borkmans die Heroes. Jetzt sitzen sie auf einer Schneedecke im Dauerschneefall (die bis zur hinteren Feuerwand offene Bühne stammt von Katrin Brack) und zerfleischen einander. Gefangene werden da keine gemacht. Borkman pisst in Kübel, seine Frau Gunhild ist zu einer esoterisch verhuschten Schnapsdrossel geworden, deren reiche Schwester Ella leidet an Krebs im Endstadium. Eines aber eint dieses Trio: Jeder will den jungen Erhart, den Stammhalter der Familie, für seine Zwecke einspannen. Der aber sucht sein eigenes Leben .. .

Virtuos legt Stone den Finger auf offene Wunden. Ihn interessiert die Dreiecksbeziehung zwischen Borkman, der einst in die schwesterliche Idylle eingedrungen ist, Ella geliebt, aber Gunhild aus Karrieregeilheit geheiratet hat. Und Stone zeigt einen kaputten Gordon Gekko der Wall Street, der sich immer noch für einen "Master of the Universe" hält.

Unter Starkstrom

Martin Wuttke (mit strähniger Langhaarperücke, Kostüme: Tabea Braun) ist dieser Borkman, der wie alle anderen unter emotionalen Starkstrom steht. Einmal Täter, einmal Opfer, einmal Monster, einmal Lamm – Wuttke changiert grandios zwischen allen Ebenen, steht sogar im Tod noch als Sieger dar. Typen wie Borkman sind nicht so leicht umzubringen.

An Wuttkes Seite brilliert Birgit Minichmayr als an der Grenze zur Hysterie wandelnde Gunhild, auch sie manipuliert, schreit, nützt Worte als Waffe. Und das im Stakkato-Tempo. Ihr Pendant ist die hinreißende Caroline Peters als Ella. Doch im weiblichen Dauerkampf um Sohn Erhart gibt es keine Sieger, nur Verlierer. Mit wie viel Witz und noch mehr Schärfe Stone das zeigt, ist genial.

Ebenso wie die perfekt gezeichneten, übrigen Figuren. Max Rothbart als hin und her gerissener Erhart, Nicola Kirsch als seine alternde Geliebte Fanny oder Liliane Amuat als Punkgirl Frida – sie werden dem Trio infernal letztlich entkommen. Auch wenn sie dafür Fridas Vater Wilhelm fast über den Haufen fahren müssen. Roland Koch formt aus diesem gescheiterten Autor und Träumer eine Charakterstudie allererster Güte und wurde dafür wie alle anderen zurecht frenetisch bejubelt.

KURIER-Wertung: