Kultur 05.12.2011

Wien: Viel Theater für die Kleinsten

© Bild: KURIER / Martin Gnedt

Wien ist eine gute Stadt für Kinder- und Jugendkultur. Zumindest darüber waren sich die Theaterchefs im KURIER-Gespräch einig.

Drei Häuser, drei verschiedene Konzepte, vier Meinungen: Auch wenn Theater der Jugend-Direktor Thomas Birkmeir, Dschungel-Wien-Chef Stephan Rabl und die Junge Burg-Macher Annette und Peter Raffalt unterschiedliche Auffassungen ihrer Arbeit haben, eint sie doch dieses Ziel: Sie wollen möglichst viele Kinder und Jugendliche aus möglichst vielen Schichten ins Theater locken.

KURIER: Die Gretchenfrage zuerst: Wie macht man Theater für Kinder und Jugendliche spannend?

Thomas Birkmeir: Indem man sie und das, was man erzählen will, ernst nimmt. Indem man sie bei den Problemen, die sie haben, abholt. Ich habe das Theater der Jugend mit 35.000 Abonnenten übernommen und um 25 Prozent gesteigert. Das muss etwas mit der Qualität dessen, was wir machen, zu tun haben. Obwohl ich kein Rezept habe. Ich kann nur sagen, mich muss es selber interessieren als Erwachsener, und es muss das Kind in mir anturnen, dann liege ich nicht falsch.

Sie haben unterschiedliche Ansätze, machen drei sehr unterschiedliche Arten von Theater.
Peter Raffalt: Ja, aber auch, wenn wir sehr unterschiedliche Bühnen haben, gilt, was Herr Birkmeir sagt: Man muss die Kinder und Jugendlichen ernst nehmen. Man muss mit der gleichen Ernsthaftigkeit rangehen wie an ein sogenanntes Erwachsenenstück. Und nicht sagen, das ist ohnedies nur für Kinder.
Annette Raffalt: Ich denke, dass die Auseinandersetzung mit den Themen für die Kinder und Jugendlichen das Wichtigste sind. Ob das am Burgtheater im großen Haus oder im Dschungel Wien, intimer stattfindet, ist letztlich egal.

Herr Rabl, Sie mögen das Wort Kindertheater nicht.
Stephan Rabl: Kindertheater ist ein oft missbrauchtes Wort. Ich erinnere mich an Schlagzeilen wie: Im Parlament ginge es zu wie im Kindertheater, oder "Jede zweite Schule macht Kindertheater".

Sie meinen, der Begriff ist negativ besetzt?

Stephan Rabl: Genau. Da heißt es: ,Die Schauspieler sind schlecht, da gibt's Pädagogen, die sich selbst verwirklichen wollen'. Ich sage lieber Theater für junges Publikum. Und so ähnlich unser Anliegen sein mag, so ähnlich unser Publikum ist, so überhaupt nicht gleich sind wir. Das ist, als würde man am Erwachsenentheater eine ästhetische Konfrontation zwischen Burg, Josefstadt, Wiener Festwochen, Volkstheater und Tanzquartier austragen.

Sehen Sie sich als Konkurrenten?

Stephan Rabl: Automatisch. Das ist so, wie wenn drei Gasthäuser nebeneinander stehen, da darf man sich nichts vormachen. Alles andere wäre verlogen.
Thomas Birkmeir: Da muss ich widersprechen.
Stephan Rabl: Aber das liegt doch in der Natur der Sache. Das geht schon bei den Schauspielern los. Für die ist es ein Riesenunterschied, ob sie an der Burg oder im Dschungel spielen. Der Kunde - und das ist sowohl der Künstler wie der Konsument - entscheidet sich. Ich finde es super, dass es die drei Häuser mit den drei verschiedenen Konzepten gibt, aber ich finde, wir könnten noch viel besser sein, wenn wir uns der Konfrontation stellen würden. Kritik ist nicht automatisch befetzen, sondern sollte uns alle weiterbringen.
Peter Raffalt: Ich empfinde das in keinster Weise so, auch wenn "drei Kneipen" nebeneinander stehen. Für mich fängt Konkurrenz da an, wo ich überlege, wie könnte ich den Birkmeir oder den Rabl toppen. Und das ist etwas, was ich nie denke. Ich sehe uns nicht als Gegen-, sondern als Nebeneinander.
Annette Raffalt: Und natürlich schauen wir uns an, was an den anderen Theatern spielt.

In einigen Altersgruppen, für die Sie Theater machen, braucht man Eltern, Lehrer, die die Kinder an der Hand nehmen und ins Theater führen. Wie erobert man sich da ein Publikum?
A. Raffalt: Zuerst einmal durch den Spielplan. Am Burgtheater ist das relativ klar. Da geht man mit seinen Kindern hin und da öffnet sich ein großer roter Vorhang ...

Das klingt jetzt nach Prestigekartenkauf.

A.Raffalt: Vielleicht für den einen oder anderen, aber an für sich gefallen unsere Stücke ja ganz gut. Unsere zweite Schiene aber, die Arbeit mit den Jugendlichen des TheaterJahres oder der Workshops, ist eine tägliche Auseinandersetzung mit jungen Menschen, mit ihren Themen. Ich brauche diesen Kontakt sehr, so kann ich immer wieder neu auf ihre Bedürfnisse eingehen. Gerade diese Mischung, das Theater, das innovativ aus der Arbeit mit den Jugendlichen heraus entsteht, wie das "traditionelle" Theater auf der großen Bühne, gefällt mir. Ich denke, im Kinder- und Jugendtheater kann man offen für vieles sein, muss nicht so kritisch miteinander umgehen wie im "Erwachsentheater".
Stephan Rabl: Das finde ich überhaupt nicht.
Annette Raffalt: Doch, weil es von uns immer noch zu wenig gibt. Man muss für Kinder und Jugendliche Angebote so machen, dass sie aus einem möglichst großen Fass schöpfen können. Vom Burgtheater über den Dschungel bis zum Theater der Jugend.
Stephan Rabl: Das ist aber eine Konfrontation, die ich täglich habe, denn ich bediene über die Schulklassen nicht die zehn Prozent Publikum, die das Burgtheater vielleicht hat, sondern 100 Prozent. Also muss ich alle, die reingehen, erreichen. Da habe ich schon die Gefahr, wie gehe ich damit um, pädagogisch zu sein, etwas zu vermitteln, jemanden zu berühren. Ich finde es nachteilig, dass viel zu wenig diskutiert wird, was Unterschiede, was Inhalte sind.

Kontroverse Runde: Im Konferenzraum neben der KURIER-Chefredaktion trafen einander Thomas Birkmei, Peter und Annette Raffalt und Stephan Rabl zum Reden übers Spielen.
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Ist es nicht so, dass Herr Rabl für den Warm-up zuständig ist: Er fängt bei den Zweijährigen an - und kaum haben Eltern ein theaterinteressiertes Kind, nehmen Sie ihm ein Abo in einem arriviertem Haus? Und sind ganz froh, dass sie einen kulturbegeisterten Sprössling haben?
Thomas Birkmeir: Ja und nein.
Stephan Rabl: Wir decken über die Schulen viel mehr niederschwelliges Publikum ab. Es ist sicher ein Riesenunterschied, welche Schulen bei uns ins Theater gehen und beim Theater der Jugend oder in die Burg. Wir merken sehr starke Unterschiede, welche Kinder vormittags mit den Schulklassen drinnen sitzen. Da sitzen 40 Prozent mit anderem kulturellen Background drinnen. Und welche Kinder nachmittags, abends mit den Eltern kommen. Und was das Warm-up betrifft: Das glaube ich nicht. Ich biete viele Möglichkeiten, andere Konzepte; unser Publikum gleicht sich maximal zu zehn Prozent.

Fühlen Sie sich vom Subventionsgeber ausreichend gewürdigt?

Stephan Rabl: Die Wertschätzung dessen, was wir machen, ist da. Die finanzielle Seite - wo soll man da anfangen? Da kann man das Thema auf einen höheren als den Kulturbereich heben, nämlich auf den Gesellschaftsbereich, in die Frauen-, Familien-, Bildungspolitik. Da müsste man anfangen, was der Stellenwert von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft ist.
Thomas Birkmeir: Ich kann das nur bestätigen punkto Wertschätzung. Auch Stadtrat Mailath-Pokorny hat bei uns ein Abo für seine Kinder. Beim Geld haben wir interessanterweise mit 16,99 Euro eine niedrigere Sitzplatzsubvention als der Dschungel.
Stephan Rabl: Wir haben 18,50 Euro Sitzplatzstütze. Das ist eine spannende Diskussion. Da würde ich gern das Abo-System des Theaters
der Jugend betrachten, das ja auch Volkstheater, Josefstadt, Burg etc. abdeckt. Ich kann ja nichts dafür, dass ich nur zwei kleine Säle habe und da 558 Vorstellungen für 61.000 Besucher. Das würde ich gerne hinterfragen. Ich glaube, wir sind produktiver.
Thomas Birkmeir: Ich schicke unser Publikum zu 500 verschiedenen Vorstellungen in Wien. Eine Theaterreise, zu der die Jugendlichen aufbrechen sollen und unterschiedlichen Theaterformen begegnen. Leider nicht dem Dschungel. Das wäre mir auch sehr wichtig, aber das hat mit Kontingenten zu tun. Der Dschungel ist leider zu klein. Die Vielfalt, die Herr Rabl zweifellos anbietet, würde ich gern in die Abos mit reinnehmen.
Annette Raffalt: Aus der Debatte muss ich mich raushalten. An der Burg gibt's für Kinder- und Jugendtheater gar keinen eigenen Geldtopf. Das ist Bestandteil des Gesamtprogramms.
Peter Raffalt: Ich muss sagen, ich finde es gigantisch, was hier in Wien stattfindet. Wenn man sieht, welche Fördermittel Kinder- und Jugendtheater in Deutschland kriegt, ist das hier Jammern auf hohem Niveau.

Kulturpessimisten behaupten, Kinder lesen nicht mehr, interessieren sich für nichts außer Computer und Handys. Sie repräsentieren das erfolgreiche Gegenkonzept. Was machen Sie dafür?
Stephan Rabl: Ich bin kein Anhänger der Behauptung, dass moderne Medien für Kinder automatisch negativ sind. Ich glaube, dass wir als Erwachsene überfordert sind, wie wir damit beim Erziehen umgehen sollen. Was man merkt, ist, dass die Ressource Bildung immer knapper wird. Das spürt man in den letzten Jahren. Es stellt sich die Frage, gehen wir in Richtung elitärer Zugang oder Richtung Breite. Wer kann sich's leisten, wer nicht? Da tun sich viel mehr Problemfelder auf als der Computer. Der Ressourcenkampf geht rapide - und greift über Bildung auf Kinder und Jugendliche über.
Peter Raffalt: Dass wir die privilegierten Kinder haben, glaube ich nicht. Dass wir ein Bildungsdilemma haben, ist klar. Aber wir müssen sozusagen das Ruder herumreißen und eine sinnvolle, leistbare Alternative zum Computer bieten.

Fördern die Kartenpreise ein Ungleichgewicht noch?

Thomas Birkmeir: Nein, ich glaube nicht. Meine Kartenpreise liegen zwischen vier und 20 Euro.
Stephan Rabl: Meine um die fünf Euro. Wir drücken aber ein Auge zu, wenn sich's manche Kinder in einer Klasse nicht leisten können.
Annette Raffalt: Wir verlangen bei Schülergruppen acht Euro.
Thomas Birkmeir: Das ist eigentlich die politische Frage: Wen muss ich ausschließen wegen der Kartenpreise? Warum ist es zum Beispiel möglich, Museen für Kinder und Jugendliche entgeltfrei zu machen? Das ist toll und wird auch angenommen. Ich frage mich: Warum ist das denn beim Theater nicht möglich?

Heißt das, Sie wünschen sich vollsubventionierte Tage, damit Kinder auch einmal gratis ins Theater können?
Thomas Birkmeir: Ja, solche, die sonst nicht die Möglichkeit haben. Die Frage ist, wer sich da "outet". Wir wollten mal was für arbeitslose Eltern machen, das hat nicht funktioniert.
Stephan Rabl: Zur finanziellen kommt die inhaltliche Komponente: Aus welchem erzieherischen Umfeld kommen Kinder, die Zugang zur Kultur haben? Würden sich da manche für unsere Inhalte interessieren, selbst wenn's gratis wäre? Es gibt Schwellenangst auch im Kinder- und Jugendtheaterbereich. Vor allem von Kindern, die aus anderen Kulturkreisen kommen. Das ist Realität!
Thomas Birkmeir: Es ist eine Frage der Wegbereitung. Und wäre für die Politiker, um mal eine Empfehlung abzugeben, der beste Boden, um Integrationspolitik zu betreiben. Wo findest du noch ein Medium, wo du der Vielfalt einer Geschichte folgen kannst? Theater hat ein verbindendes Moment. Und ein stark integrierendes Moment.

Geeint durch eine Leidenschaft, das Theater: Die vier Direktoren

Thomas Birkmeir, Theater der Jugend: 1964 in München geboren, studierte er Pädagogik, Psychologie und Philosophie. Nach Wien kam er Ende der Achtzigerjahre, um am Reinhardt-Seminar Regie zu studieren. Schon während dieser Zeit war er Assistent am Burgtheater. Ab 1992 hatte Birkmeir ein Engagement als Hausregisseur und Schauspieler am Schauspielhaus unter Hans Gratzer. Seit 2002 ist er Künstlerischer Leiter am Theater der Jugend, dem größten Theater für Kinder und Jugendliche in Europa. Die durchschnittliche Auslastung der zwei Häuser liegt bei 94 Prozent, pro Saison werden rund 300.000 Karten verkauft.

Peter Raffalt, Junge Burg: 1957 in Villach geboren, absolvierte er seine Schauspielausbildung in Stuttgart. Anschließend blieb Raffalt in Deutschland: Er hatte Engagements in Stuttgart, Trier, am Schauspielhaus Zürich, am Schauspielhaus Bochum sowie in diversen Film- und Fernsehproduktionen. Leidenschaft und Zweitberuf des Österreichers ist die Literatur: Als Autor verfasst er vor allem Kurzprosa und Dramen - seine Stücke wurden in Bochum und Zürich aufgeführt.
Seit 2009 leitet er gemeinsam mit seiner Ehefrau Annette die Junge Burg, das Kinder- und Jugendprogramm des Wiener Burgtheaters.

Annette Raffalt
, Junge Burg: Die Regisseurin, Schwester von Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann, ist durch die Arbeit eng mit ihrem Mann verbunden. Sie leitete das Junge Schauspielhaus in Bochum und Zürich, inszenierte unter anderem in Zürich mit jungen Laien Erich Kästners "Emil und die Detektive" sowie "Cinderella und der Kampf um die Zauberfrucht" von Peter Raffalt. Am Burgtheater führte sie Regie bei, "Der Zauberer von Oz", bei Astrid Lindgrens "Rasmus, Pontus und der Schwertschlucker", "Alice im Wunderland" und bei Matthew Barries "Peter Pan". Zusätzlich leitet sie das Jugend-Theaterpraktikum TheaterJahr.

Stephan Rabl
, Dschungel Wien: Geboren 1964 in Waidhofen/Thaya im Waldviertel, war Rabl die Beschäftigung mit Theater nicht in die Wiege gelegt. Der auf einem Bauernhof Aufgewachsene versuchte sich als Clown, Performer, Schauspieler und Betreuer von Community-Projekten, ehe er seine erste Festivalleitung übernahm. Rabl war Gründer und Leiter des szene bunte wähne Festi vals in Niederösterreich (bis 2003), ist seit 2002 Leiter des Schäxpir Theaterfestivals Oberösterreich und seit 2004 Chef des Theaterhauses für junges Publikum im MuseumsQuartier, des Dschungel. Die Vielfalt, die er dort bietet, ist einmalig in Wien.

Erstellt am 05.12.2011