Kultur
16.08.2017

"Wien ist beautiful, aber nicht small"

Tourismus-Chef Norbert Kettner erklärt, wie sich die Stadt für 2018 positioniert.

Vielleicht muss Wien in den Rückspiegel schauen, um seine Modernität zu erkennen: Während die Stadt wächst, hitzige Debatten über Hochhäuser führt und an vielen Orten Raum für Start-Up-Unternehmen schaffen will, bleibt die touristische Wahrnehmung von Habsburgern und Lipizzanern dominiert.

2018 soll aber die Modernität Wiens im Mittelpunkt stehen: Mit dem Gedenken an den hundertsten Todestag von Egon Schiele, Gustav Klimt, Otto Wagner und Koloman Moser bestimmen Titanen der Epoche "Wien um 1900" das kulturelle Geschehen, der Republiksgründung wird ebenso gedacht. Der Wien Tourismus fährt dazu eine große Kampagne und erzählt in durchaus differenzierten Tönen von der Eposche der Wiener Moderne:

Zum Motto "Schönheit und Abgrund" erschien ein aufwändig gestaltetes Magazin, das mit Essays über Kunst und Design, aber auch über Kriegsbegeisterung und Antisemitismus den Ton vorgibt.

Nicht nur Dekoration

"Wir wollen versuchen, der Wiener Moderne ihre Zähne zurückzugeben", erklärt Wien-Tourismus-Chef Norbert Kettner im KURIER-Gespräch. "In der marketing-mäßigen Zuspitzung überwiegen natürlich die positiven Aspekte. Doch 80 Prozent unsere Gäste haben eine höhere Ausbildung, ein höheres Einkommen – es sind relativ informierte Gäste, und man kann die Intelligenz des Publikums nicht minder schätzen."

Klimt & Co sind zwar längst Zugpferde des Stadtmarketings – während aber bislang der Dekorationsaspekt dominierte, stellt sich heute vermehrt die Frage, ob der Geist der Epoche auch als Leitstern für die Gegenwart fungieren kann. Kettner plädiert dafür, auf die "natürlichen Stärken" der Stadt zu achten: "Wenn wir heute Nummer eins bei der Lebensqualität sind, hat das viel mit Social Design zu tun – der Bau der Hochquellen-Wasserleitung war Social Design, der Bau der Gemeindebauten ebenfalls. In der digitalen Welt glaube ich, dass Wien echtes Potenzial bei CultTech – also Technologie für Kulturinstitutionen – und als Marktplatz der Ideen besitzt, etwa mit dem Pioneers Festival."

Gegen den Kleingeist

Ein markanter Unterschied zum Wien um 1900 liegt freilich in der Struktur der Gesellschaft: Das damalige Großbürgertum, das mit dem Drang nach neuen Repräsentationsformen die Wiener Werkstätte, moderne Architektur und Künstler wie Klimt massiv förderte, gibt es nicht mehr. Bei der derzeitigen Erneuerung der Stadt vermisst Kettner vielmehr Willen zur Repräsentation: "Ich sehe dieses ,Small is beautiful‘ mit Sorge, weil es der Rolle der Stadt nicht gerecht wird. Wien ist ,beautiful’ aber es war niemals ,small. Es ist nie klein gedacht worden, und ich halte das für fatal. Eine Stadt muss sein, was man oft abwertend ,g’spritzt’ nennt: Sie ist manieriert, schlüpfrig, das Parkett ist ein anderes. Da müssen wir schauen, dass wir das nicht verlieren, gepaart mit einer unterentwickelten internationalen Ambition."

"Keine Müdigkeit"

In 20 Märkten wirbt der Wien-Tourismus mit dem Jahresmotto. Kettner ortet "keine Müdigkeit" beim Thema " Wien um 1900". Die Faszination werde auch durch Museums-Tourneen und Ausstellungen befeuert: Aktuell stellt die Neue Galerie in New York Richard Gerstl mit zahlreichen Leihgaben aus dem Leopold Museum vor, im Oktober eröffnet ein Gastspiel der Albertina mit Klimt & Schiele in Moskau, in San Francisco zeigt man " Klimt & Rodin".

In Wien selbst gäbe es durchaus noch Potenzial, die Wiener Moderne sichtbarer zu machen, sagt Kettner: "Wenn ich mir ansehe, wie etwa in Tschechien Privathäuser saniert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, dann können wir uns da noch etwas abschauen. Wenn ich mir etwas wünschen würde, wäre es, diesen Bereich mehr zu öffnen. Wir sitzen auf einem Berg von Juwelen und wissen’s nicht einmal."

Fit für die Wiener Moderne? Tipps zum Lesen & Schauen

Das Coffeetable-Magazin „Schönheit und Abgrund“, dessen Design einen Preis bei den „D &AD Awards“ erhielt, ist in der Versandabteilung von Wien Tourismus (Invalidenstraße 6, 1030) erhältlich und kann über info@wien.info bestellt werden (Versand nur außerhalb Wiens). Das Heft enthält u. a. Interviews mit Sammler Ronald Lauder und Nobelpreisträger Eric Kandel und viel Material zu „Wien um 1900“.

Die Websitewww.wienermoderne2018.infobietet derzeit einen Überblick über Aktivitäten und Ausstellungen zum Thema; im Oktober startet eine avancierte Version, in der auch Inhalte des Magazins sowie diverse Videoporträts, Bilder und Musik-Playlisten abrufbar sein werden.

Ausstellungen

Klimt ist nicht das Ende“, postuliert eine Schau im Unteren Belvedere (22. 3. – 26. 8. 2018). Das Wien Museum widmet sich Otto Wagner (15. 3. – 7. 10. 2018), das MAK würdigt gegen Ende des Jahres Koloman Moser (20. 12. 2018 – 22. 4. 2019). Das Jüdische Museum Wien stellt die wichtigen Salondamen der Zeit um 1900 vor – darunter Fanny von Arnstein, Sophie von Todesco, Berta Zuckerkandl (24. 4. – 30. 9. 2018).

Standardwerke

Wien - Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle “, das erstmals 1979 erschienene Buch des Kulturwissenschafters Carl Emil Schorske, setzte das Wien der Jahrhundertwende auf die internationale Landkarte. Nun ist das Werk, das 1981 einen Pulitzerpreis gewann, neu erschienen (Molden Verlag, 39,90€). Die sieben Essays, beleuchten den Ringstraßenbau, das Werk von Schnitzler und Klimt vor dem politischen Hintergrund der Zeit und lesen sich nach wie vor brillant. Als Anknüpfung und Fortsetzung ins Reich von Medizin und Naturwissenschaft versteht sich das 2012 erschienene Werk „Das Zeitalter der Erkenntnis“ von Eric Kandel (Siedler Verlag, 41,20 €).