Kultur
05.05.2017

Wie Maria Lassnig Gestalt annahm

Die Schau „Zwiegespräche“ in der Albertina zeigt Werke auf Papier, die stets von Neuem überraschen

„Es ist leichter zu zeichnen als zu malen, aber es ist besser, ein gutes Zeichnungs-Gemälde zu machen als ein schlechtes Gemälde-Gemälde“, schrieb Maria Lassnig im Jahr 1961 in ihr Tagebuch.

Der Satz allein veranschaulicht schon die Schwierigkeit, den Medien Malerei und Zeichnung, der Farbe und dem Strich fixe Plätze im Werk der großen Künstlerin zuzuweisen. Die Gemälde, in denen Lassnig oft einzelne Farben ganz methodisch bestimmten Empfindungen zuwies, würden ohne die mit forschem Strich ausgeführten Formen nicht existieren; zugleich waren Lassnigs Zeichnungen nie Vorstudien oder Skizzen, sondern stets eigenständige Werke: „Jede Zeichnung ist ein verhindertes Ölbild“, sagte sie.

Direkt und körperlich

Die Werke auf Papier, die nun in der Schau „Zwiegespräche“ in der Wiener Albertina zu sehen sind (bis 27.8.), zeigen die Spannweite des vergleichsweise „schnellen“ Papier-Mediums in dem enormen Lebenswerk, das nicht aufhört zu berühren, zu erheitern und zu überraschen.

Es sind frühe Aquarelle darunter, in denen Lassnig noch deutlich die Farbmalerei des „Nötscher Kreises“ verarbeitet; man sieht surrealistische Sonderbarkeiten wie das „Sex-Selbstporträt“ von 1949, in dem sich ein Männer- und ein Frauenkörper in Sesselbeine, geometrische Formen und haarige Achselhöhlen auflösen. Es verblüfft, wie früh Lassnigs Lebensthema, nämlich die bildnerische Umsetzung von körperlichen Empfindungen, im Werk auftaucht – und wie konsequent die Künstlerin in der Folge daran arbeitete.

Sex, Film & Fernsehen

Sprachlosigkeit, das Gefühl beim Hören schriller Geräusche, Kopfschmerzen – für all das fand Lassnig Bilder, die ebenso schlüssig wie witzig sind, ohne ins Cartoonhafte zu rutschen.

Doch das grafische Werk, das in den 80 ausgewählten Blättern in der Albertina keineswegs erschöpfend ausgebreitet ist, wollte und konnte noch mehr. Da wären etwa die vier Zeichnungen aus Lassnigs New Yorker Zeit, in denen sie sich selbst nackt im Fragment eines Spiegels porträtiert und gekonnt auf eine Handlung verweist, die man gerade nicht sieht: „The murder of M.L.“ (1973), nunmehr für die Sammlung der Albertina erworben, ist eine reduzierte Hitchcock-Sequenz und ein Markstein für Lassnigs Hinwendung zum Film. Das Blatt „Fernseh-Sex“ (1970), das zwei männliche Gesichter auf einem TV-Schirm mit zwei kopflosen Gestalten kombiniert, ist eine höchst rätselhafte Reflexion über das Verhältnis zwischen dem Körper und seinem medialen Abbild.

Zeichnen, um zu sein

Überhaupt ist es umwerfend zu sehen, wie präzise Lassnig nunmehr hochaktuelle Themen wie die Verschmelzung von Mensch und Maschine frühzeitig in ihre Bilder bannte. Dabei blieb sie selbst durchaus einem archaischen Handwerk verhaftet (auch als Filmemacherin war Lassnig kein wirklicher Technik-Freak). Der Stift auf dem Papier war das Werkzeug, auf das sich ständig zurückkommen ließ.

Auffallend oft findet sich in den Werken das Motiv einer Hand, die entweder sich selbst zeichnet (ein Motiv, wie es auch M.C. Escher populär darstellte) oder die Lassnigs Antlitz – oft in einer Mutation – abbildet. Es scheint hier fast so, als würde erst der Akt des Zeichnens oder Malens die Künstlerin „real“ werden lassen.

„Ich zeichne, also denke ich“ nannte Lassnig auch ein 1991 entstandenes Blatt, das im Katalog zur Schau abgebildet ist – anders als der flüchtige Gedanke blieb die Zeichnung als Spur des Seins hier bestehen. In diesem Sinn ist es gut zu wissen, dass Maria Lassnig gar nicht tot ist. Sie hat sich höchstens in ihre Kunst aufgelöst.

Überblick: Aktuelle Ausstellungen

Neben der Albertina (bis 27.8.) zeigt die Galerie Ulysses in Wien Lassnig-Werke (bis 13.5.). In Athen, wo derzeit die „documenta“ stattfindet, präsentiert sie die „Municipal Gallery of Athens“ (bis 16.7.); in Florenz läuft eine Lassnig-Schau im Palazzo Pitti (bis 25.6.), eine weitere Ausstellung ist bis 21.5. im Museum Folkwang Essen zu sehen. Sotheby’s zeigt in London Lassnig mit Renate Bertlmann (bis 2.6.)

Ein Mensch, der alles der Kunst unterordnete

Sie war sehr kompliziert und hochgradig sensibel – in diesem Punkt dürften die meisten Personen, die je mit Maria Lassnig zu tun hatten, übereinstimmen. Was aber die Künstlerin, die 2014 im Alter von 94 Jahren starb, zu dem machte, was sie war – darüber konnten die meisten nur mutmaßen.

Natalie Lettners hervorragende Biografie holt Leserinnen und Leser nun ganz nah an den Menschen Maria Lassnig und das untrennbar damit verbundene künstlerische Werk heran. Neben diversen Archivmaterialien, Interviews und Korrespondenzen sind es vor allem Lassnigs Tagebücher, die tief in die persönliche Geschichte der Malerin blicken lassen.

Minutiös arbeitet die Kulturwissenschafterin Lettner Lassnigs Kärntner Kindheit und Jugend auf und entwirrt Widersprüche zu ihrer Haltung zum NS-Regime (die vor allem eine passive war). Insbesondere für die Zeit nach 1945 schafft das Buch ein Panorama der österreichischen Kunstszene, in dem auch die Männerbündlerei und Selbststilisierung vieler Künstler greifbar werden.

Lassnigs Beziehungen nehmen viel Raum in der Erzählung ein, und das aus gutem Grund: Die Angst, wegen der Liebe die Antriebskraft für die Kunst zu verlieren, trieb Lassnig zeitlebens um, in zahllosen Bildern haderte sie mit der Erwartungshaltung, Ehefrau zu werden – zugleich fürchtete sie, durch die Ehe- und Kinderlosigkeit etwas zu verpassen.

Neben der Beziehung zu Arnulf Rainer treten bei Lettner zahlreiche andere Männer wie Oswald Wiener oder Padhi Frieberger auf, mit denen Lassnig so leidenschaftlich wie glücklos verbunden war. Lettner psychologisiert nicht, wenn sie die teils pathetischen Tagebucheinträge der Künstlerin zitiert, interpretiert sie aber ausreichend, um ein präzises Persönlichkeitsbild abzuliefern. Ebenso sorgsam geht Lettner bei der Beschreibung von Lassnigs Karriere vor: Die Malerin, die stets vor der Selbstvermarktung flüchtete, war zugleich extrem ehrgeizig und unerbittlich gegenüber sich selbst.

Dass sie nicht ausreichend anerkannt wurde, hat Lassnig bis zu ihrem Tod wiederholt beteuert. Nach der Lektüre der Biografie kann man nicht umhin zu konstatieren, dass dieser Befund zu einem großen Teil auch Lassnigs Weltsicht und ihrer Unfähigkeit, Lob anzuerkennen, geschuldet war.