Kultur 05.12.2011

Wettlesen: Balkankrieg vs. Online-Pornos

© Bild: bachmannpreis.eu

Tag 3: Der Bachmann-Preis ging am Freitag ins Finale. Leif Randt, Anne Richter, Michel Bozikovic und Thomas Klupp fanden geteilte Reaktionen.

Mit der Lesung von Leif Randt ist am Samstag der dritte und letzte Lesetag beim Bachmann-Wettbewerb im Klagenfurter ORF-Theater eröffnet worden. Sein Ausflug in eine artifizielle Glitzerwelt fand bei den Juroren geteilte Aufnahme, es gab euphorisches Lob ebenso wie beißende Kritik. Anne Richters Familiengeschichte löste eher wenig Begeisterung aus. Auch für die Beiträge am Nachmittag gab es keine durchgehend positiven Beurteilungen. Die Chancen für die österreichische Schriftstellerin Maja Haderlap, die am Tag 2 mit Lob überhäuft wurde, dürften damit gestiegen sein. Am Sonntag wird der oder die Gewinnerin des Bachmann-Preis 2011 bekanntgegeben.

Doch vorerst zurück zu Tag 3: Der Romanauszug "Schimmernder Dunst über Cobycounty" entführt die Zuhörer in eine Glitzerwelt irgendwo in Nordamerika. Der Protagonist ist Literaturagent, geht zu Partys, alle Menschen sind toll, und seine Freundin besonders. Der Text endet mit einer kryptischen Ankündigung, dass eine Katastrophe auf die Stadt zukommen werde. Der beste Freund der Hauptfigur hat eine entsprechende Warnung von seiner Mutter erhalten. Ob die Warnung ernst genommen wird, wird sich wohl erst im Roman weisen.

Jury ist sich uneinig

Hubert Winkels befand, es sei ein "schöner gelungener Auftakt" des Lesetags, der Text zeige eine Welt, der alle Kanten und Ecken abgeschliffen und wegoperiert worden sind. Daniela Strigl bezeichnete es als "Literarisierung dessen, was man in der Truman-Show gesehen hat", eine sehr gelungene Satire. Meike Feßmann sah ein "Possenspiel über die 68er", sah aber die Gefahr, dass das Generationenthema derzeit ein "einfacher Selbstbedienungsladen" sei. Paul Jandl fehlte die Authentizität im Text. Hildegard Keller empfand es als "Sekundärleben". Alain Claude Sulzer hob den "perfekt gemachten Ton" hervor, der Text sei situiert in einer Situation "kurz vor dem Zusammenbruch". Burkhard Spinnen meinte: "Das ist schön und lustig und das ist unterhaltsam und das ist das Problem."

Anne Richter beschrieb in "Geschwister" eine Familiensituation, als Anlass dient das Begräbnis eines Onkels der Protagonistin, zu dem die Familie wieder zusammenkommt. In Rückblenden beschreibt die Autorin die Entwicklung, das Erwachsenwerden der Hauptfigur in der DDR, zufällig wie schon am Freitag einmal spielt die Geschichte in Thüringen.

Gut gemacht, befand Sulzer, aber alles in allem "etwas brav". Strigl vermisste "Fahrt" in der Geschichte, deren Struktur nicht ganz klar sei: "Mir fehlt die Stringenz." Feßmann meinte, die Qualität des Textes werde leicht übersehen. Keller fand die Geschichte "ihrer" Autorin äußerst klar konstruiert, sie habe eine emotionslose aber keineswegs herzlose Erzählweise gewählt. Spinnen äußerte Respekt für das Bemühen der Autorin, ganz gelungen scheine die Geschichte aber nicht. Jandl war das Ganze ebenfalls zwar schön bebildert, genau beschrieben, doch dabei bleibe es dann auch.

Nachmittag: Balkankrieg versus Online-Pornografie

Mit der Kriegserzählung "Wespe" von Michel Bozikovic ist am Samstag das Finale im Wettlesen um den Bachmann-Preis eingeläutet worden. Der Schweizer erhielt eine ziemliche Abfuhr. Den Abschluss machte Thomas Klupp, dessen Text über die wissenschaftliche Betrachtung der Online-Pornografie zahlreiche Lacher, aber auch teils scharfe Kritik generierte.

Der Krieg am Balkan ist Schauplatz des Textes von Bozikovic, Er beschreibt einen Mann auf der Flucht, zwischen den Fronten, der nur mit einem Überraschungsangriff der Verhaftung entgeht. Der Text kreist immer wieder um Angst, um Erschöpfung und um Gewehrfeuer. Im Reportage-Stil a la "Effekt garantiert, der Getroffene sinkt zusammen wie ein Sack", wird de Begegnung mit der Polizei beschrieben. Warum sich der Protagonist überhaupt in dieser Situation befindet, verschweigt der Autor.

Hubert Winkels gefiel der Text gar nicht. Daniela Strigl meinte, der Autor wolle vielleicht durch seine Figur selbst einmal "ein toller Kerl" zu sein. Paul Jandl sah in der Figur einen Deserteur, einen "heroischen Feigling", die Erzählkonstruktion lasse zudem offen, ob der Protagonist die ganze Geschichte nur imaginiert habe. Hildegard Keller verteidigte den von ihr nominierten Autor, hier spreche eine "entpersonifizierte Figur", es finde eine "Bewusstseins-Explosion" statt. Meike Feßmann meinte, es sei ein wenig absurd, das sich jemand freiwillig in den Krieg begebe, um dann Selbstmord begehen zu wollen. Burkhard Spinnen befürchtete, der Autor habe mit dem gewählten Ausschnitt des Textes einen Fehler gemacht.

Der letzte Text befasst sich intensiv mit dem Thema Pornografie. In "9to5 Hardcore" - der Titel ist dem einer Pornodokumentation entlehnt - sitzt ein junger Mann an der Universität Potsdam und betrachtet acht Stunden pro Tag Pornobilder im Internet. Streng wissenschaftlich natürlich, er nimmt an einem universitären Projekt teil, das großspurig "Inszenierungsstrategien des Expliziten in Onlineangeboten westlicher Mainstreampornographie" getauft wurde. Der Romanheld entwickelt dabei eine besondere Vorliebe für die Vagina, vor allem in Großaufnahme. Dazu gibt es einige abfällige Bemerkungen zur Qualität der Forschungsarbeit der Geisteswissenschaften.

Feßmann interpretierte den Text als Persiflage auf den Wissenschaftsbetrieb, die Pornografie und noch einiges mehr. Der Protagonist verkaufe sich, aber das tue leider auch der Text. Keller fand einen witzigen Text, der raffiniert gemacht sei. Jandl befand, der Text würde "irgendwann langweilig, und zwar sehr bald". Langweilig finde sie ihn nicht, meinte Strigl, hier werde das Verbotene zum Job gemacht. Spinnen verspürte eine Ermüdung, konzedierte aber, dass der Text sehr gut gemacht sei. Alain Claude Sulzer fand den Text begrenzt komisch. Winkels verteidigte den von ihm vorgeschlagenen Autor, dass der Witz nachlasse, sei beabsichtigt.

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund

  • Hintergrund

Erstellt am 05.12.2011