Kultur
11.02.2016

"Nicht wegen Ö3, trotz Ö3"

Musiklobbyist Werner Müller argumentiert, warum Ö3 für den österreichischen Pop so wichtig ist.

KURIER: Die freiwillige Selbstverpflichtung des ORF aus dem Vorjahr dürfte für die Reichweitenverluste von Ö3 verantwortlich gewesen sein. Liefern die Österreicher Quotengift?

Werner Müller: Es gab schon seit rund fünf Jahren eine Musikcharta, die Ö3 auch zu 15 Prozent Österreich-Anteil verpflichtet hat, die nie eingehalten wurde. Ab Herbst 2015 haben die Ö3-Werte konsequent angezogen und die 15 Prozent passen seitdem. Allerdings: In Zeiten, wo man eine österreichische Song-Contest-Gewinnerin hat, ist es fast eine Kunst, nicht den Österreich-Anteil zu steigern. Außer man ist Feind heimischer Musik.

Ö3 hat in der Reichweite jedenfalls deutlich nachgegeben.

Der Marktanteil, der wesentlich aussagekräftiger ist, ist aber gleich geblieben. Dass in Zeiten geänderten Medienverhaltens und bei einer diskussionswürdigen Erhebungsmethodik reflexartig der heimischen Popmusik die Schuld für einen Ein- bis Zweiprozentpunkteverlust zugeschoben wird, halte ich nicht für angewandte Kausalität, sondern Befindlichkeit.

Wanda oder Seiler und Speer haben Ö3 offenkundig nicht gebraucht, um erfolgreich zu sein. Warum kapriziert sich die Branche so stark auf Ö3?

Es gibt Genres, die vom Radio nicht abhängig sind, weil sie im Radio ohnehin nicht gespielt werden. Im Popbereich ist das Radio immer noch ein wesentliches Transportmittel. Und ein gescheites Radio hilft dabei mit, Künstler aufzubauen und wartet nicht, bis die im Ausland Erfolg haben. Das ist Wertschöpfungsexport österreichischer Kreativität und auch ökonomisch unklug. Gibt es bei den Sendern keinen mehr, der in den österreichischen Markt hineinhört?

Ist es nicht auch so, dass sich die großen Labels fast völlig aus Österreich zurückziehen und hier keine Talente entwickeln? Wanda sind auch von einem kleinen Wiener Label entdeckt worden.

Warum soll ein Major Mainstream-Pop in Österreich machen, wenn sie im Radio eh nicht gespielt wird? Weil tatsächlich im Bereich der reinen Popmusik das Radio immer noch als wesentlicher Erfolgsfaktor angesehen wird. Daher machen Labels in Österreich wohl mehrheitlich mehr Klassik und Schlager bzw. jedenfalls nicht mainstream-tauglichen Pop.

Weil Ö3 österreichische Musik nicht spielt? Ist nicht Ihr Ernst.

Ja, weil es dort am meisten wert ist. FM4 spielt die Bands, aber es gibt keine Durchlässigkeit zu Ö3.

Man könnte auch einwenden, dass ein großes, gut verdienendes Ö3 Sender wie FM4 erst ermöglicht. Darauf schaut ja das Ausland voller Bewunderung.

Ich zerbreche mir aber den Kopf der Musiker, die in Wirklichkeit von dem nicht leben können, nicht über die Querfinanzierungslogik eines Senders, der einen öffentlich-rechtlichen Kulturauftrag hat.

Egoismus allerorten: Ö3 will möglichst breit programmieren, die Musiker wollen möglichst an Ö3 verdienen.

Wenn Ö3 ein Privatsender wäre, würde mir das zwar auch nicht gefallen, aber ich könnte nicht sehr viel dagegen sagen. Aber Ö3 ist nun einmal Teil eines öffentlich-rechtlichen Senders. Das Geldverdienen will ihm eh keiner wegnehmen.

Wenn Österreich die beste und erfolgreichste Black-Metal-Band weltweit hervorbringt: Müsste Ö3 sie dann Ihrer Meinung nach auch spielen?

Nein. Ich erwarte mir auch nicht, dass Ö3 anfängt, Free Jazz zu spielen. Es soll Musik sein, die in das Format passt.

Viel anders argumentiert Spatt eigentlich auch nicht.

Es geht darum, ein gewisses Segment abzudecken: Erwachsenenpop mit mehr oder weniger ausgeprägten Untergruppierungen. Ich gehe davon aus, dass es dazu genug österreichische Musik gibt, die man hineinfüllen kann.

Vor rund 20 Jahren ist Ö3 zu einem Formatradio geworden, um den Privaten Paroli zu bieten. Seither spielt Ö3 fast keine österreichische Musik mehr. Wie erklären Sie sich, dass die heimische Musikszene immer noch lebt, eine hohe internationale Reputation genießt, wenn Ö3 wirklich so zentral wäre?

Das ist nicht wegen Ö3, sondern trotz Ö3. Ich kenne kaum einen Profimusiker, der nicht daneben einen Beruf hat. Ö3 ist außerdem untypisch stark für die Radiolandschaft. Insofern ist es prägend. Es ist immer noch die Frage, ob man österreichisches Talent entwickelt. Oder sagt: "Geht’s halt nach Deutschland oder Amerika, ihr Tschapperln."