Wenn der zweite Pianist noch Erster wird

Ingolf Wunder wurde beim Chopin-Wettbewerb Zweiter. Auf CD aber beweist der junge<br />
Österreicher, dass er eigentlich jetzt schon ein Erster ist
Foto: Reuters

CD der Woche: Der österreichische Pianist Ingolf Wunder legt eine tolle Chopin-Aufnahme vor und steht vor der großen Karriere.

Rückblende: Warschau 1980: Der junge serbische Pianist Ivo Pogorelich kommt nicht in das Finale des renommierten Chopin-Wettbewerbs. Ein Skandal für Jurorin Martha Argerich, die aus Protest ihre Funktion niederlegt. Pogorelich hat das nicht geschadet. Er wurde rasch zu einem (heute leider nur mehr exzentrischen) Superstar.
2010: Wieder gibt es Proteste. Diesmal von Publikum und Kritik. Denn die Jury des alle fünf Jahre stattfindenden Wettbewerbs kürt die junge Russin Julianna Awdejewa zur Siegerin. Das Nachsehen hat ein blutjunger Österreicher: Ingolf Wunder. Er wird "nur" Zweiter.

Doch wiederholt sich das Pogorelich-Märchen? Es scheint fast so. Denn nicht die Siegerin wurde von der Deutschen Grammophon mit einem Exklusiv-Vertrag bedacht, sondern der erst 25-jährige Wunder. Und wenn man die Debüt-CD hört, weiß man warum.
"Es war irgendwie logisch, Chopin für die erste Aufnahme zu wählen. Außerdem ist das ein Komponist, der mir sehr nahesteht", sagt Wunder im KURIER-Gespräch.
Und ja, er hatte freie Hand bei der Auswahl der Stücke. So spielt Wunder die dritte Sonate in h-moll, die Polonaise-Fantasie (op. 61), die Ballade Nr. 4 und das Andante Spianato & Grande Polonaise (op. 22) von Chopin.

Ingolf Wunder wurde beim Chopin-Wettbewerb Zweiter. Auf CD aber beweist der junge<br />
Österreicher, dass er eigentlich jetzt schon ein Erster ist Foto: Reuters Ingolf Wunder wurde beim Chopin-Wettbewerb Zweiter. Auf CD aber beweist der junge
Österreicher, dass er eigentlich jetzt schon ein Erster ist

Man hört einen technisch ausgezeichneten Pianisten, der auch Mut zu langsameren Tempi hat, der Chopin in aller Virtuosität auskostet und der dem "klassischen Stil" verpflichtet ist. "Ich bin nicht der Typ für eitle Experimente", meint Wunder. "Mich interessiert, was in und was hinter den Noten steht. Chopin gerecht werden, darum geht es doch."
Das gelingt dem gebürtigen Klagenfurter, der erst mit der Violine begonnen hat, sehr, sehr gut. "Ich brauche immer viel Zeit, um einen Komponisten wirklich zu erfassen. Jetzt habe ich sehr viele Konzerte, fast zu viele", lacht Wunder. Nachsatz: "Ich muss das alles auch erst einmal verdauen. Wenn man so von heute auf morgen im Rampenlicht steht, sollte man nämlich gehörig aufpassen. Ich werde aufpassen und meinen künstlerischen Weg gehen."

Zum Wettbewerb: "Natürlich sind all diese Bewerbe wichtig, weil sie ein Sprungbrett sein können. Aber man darf nicht nur auf sie vertrauen. Denn Musik ist immer eine Frage des Geschmacks. Das Wichtigste ist, dass man sich selbst und seinen Ideen treu bleibt. Verbiegen bringt ja nichts."
Treu bleiben aber offenbar schon, denn Wunder wird seinen Weg gehen. Eine neue CD-Einspielung ist bereits fixiert, aber "bitte eines nach dem anderen".

(kurier) Erstellt am
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