Weltverbesse­rung bei Ars Electronica

Die Weltmaschine: Franz Gsellmann baute 24 Jahre daran, ohne der Maschine einen Zweck zu geben. Das Material kaufte er am Flohmarkt. Bei seinem Tod 1981 war die Maschine 6 mal 6 mal 3 Meter groß.
Foto: Ars Electronica/Courtesy of Family Gsellmann, photographer Gery Wolf

Das Festival sucht heuer den Ursprung positiver Veränderungen. Ein willkommener Gegenentwurf zum Reformstau.

Vielleicht findet sich die Antwort auf das Universum, das Leben und den ganzen Rest ja beim Dirigieren von Kühen. Genau, so richtig mit Dirigentenstab. Oder beim Musikmachen mit Blitzen. Oder bei der Betrachtung eines Schleimpilzes, der ganz natürlich den schnellsten Weg durch ein Labyrinth findet.

Okay, die Lösungen für die sich derzeit aufdrängenden Probleme der Menschheit wird man dort nicht auf Anhieb erwarten. Aber ehrlich - sonderlich erfolgreich sind die bisherigen Versuche in diese Richtung jetzt auch nicht gerade gelaufen.

Durchrütteln

Die Weltmaschine: Franz Gsellmann baute 24 Jahre daran, ohne der Maschine einen Zweck zu geben. Das Material kaufte er am Flohmarkt. Bei seinem Tod 1981 war die Maschine 6 mal 6 mal 3 Meter groß. Foto: Ars Electronica/Courtesy of Family Gsellmann, photographer Gery Wolf Die Weltmaschine: Franz Gsellmann baute 24 Jahre daran, ohne der Maschine einen Zweck zu geben. Das Material kaufte er am Flohmarkt. Bei seinem Tod 1981 war die Maschine 6 mal 6 mal 3 Meter groß.

Da kommt die jährliche Extremdosis an inspirierenden Eigenartigkeiten der Ars Electronica gerade recht. Das Linzer Festival für Computer, Kunst und Gesellschaft hat sich dem verschrieben, wofür die Engländer ein wunderbares Wort haben, das sich lose (und jugendfreundlich entschärft) mit Gehirngeschlechtsverkehr übersetzen lässt.

Rhythmisches Auflockern der Hirnwindungen ist Aufgabe und Anliegen der verspielten Vordenker des Digitalen, die in Linz ihre künstlerischen Arbeiten präsentieren. Denn positive Veränderungen brauchen die Chance, zu entstehen. Und wie man dies fördern kann, will das Festival heuer erforschen. Ein willkommener Gegenentwurf zum inneren und äußeren Reformstau.

Zuerst einmal ist das verwirrend. Hat dieses Klavier etwa gerade "Tschernobyl" gesagt? Wenn der Flügel zu einem spricht - jetzt nicht musikalisch, sondern mit verständlichen Wörtern - stutzt man dann doch. Nein, da ist kein Lautsprecher eingebaut. Und man muss auch nicht die nächstgelegene psychiatrische Einrichtung aufsuchen. Rasend schnell werden die Tasten von Roboterfingern angeschlagen. So schnell, dass die Frequenzen verschmelzen, einander überholen - und in ihren Zwischenräumen Klänge entwickeln, die einer menschlichen Stimme ähneln. Die wiederum liest einen Text des Dalai Lama. Das ist ein klarer Fall für die (ebenfalls präsentierte) Applausmaschine "Ondz", die man über das Internet zum Klatschen animieren kann, wenn man gerade Zustimmung braucht.

Visionen

Die Weltmaschine: Franz Gsellmann baute 24 Jahre daran, ohne der Maschine einen Zweck zu geben. Das Material kaufte er am Flohmarkt. Bei seinem Tod 1981 war die Maschine 6 mal 6 mal 3 Meter groß. Foto: Ars Electronica/Courtesy of Family Gsellmann, photographer Gery Wolf Die Weltmaschine: Franz Gsellmann baute 24 Jahre daran, ohne der Maschine einen Zweck zu geben. Das Material kaufte er am Flohmarkt. Bei seinem Tod 1981 war die Maschine 6 mal 6 mal 3 Meter groß.

Taubenkot als Putzmittel? Kühe, deren Milchleistung in Musik umgewandelt wird? Blitze, die Melodien spielen? Wer Visionen hat, soll zur Ars gehen. Denn die sich dort versammelnde internationale Gemeinschaft an Medienkünstlern, Querdenkern und Online-Ideenentwicklern pflegt den utopischen Gedanken, dass diese Welt mit technischer und künstlerischer Hilfe zu einem besseren Ort gemacht werden kann. Und selbst die Weltverbesserung muss man jetzt nicht bierernst nehmen. Im Angebot: Ein Roboter-Kuscheltier für einsame Menschen. Ein Boot, das über die Alpen geschleppt wird, nur um im Canal Grande unterzugehen. Und Instrumente für einhändige Orchestermitglieder.

Diese gut gelaunte Erneuerungsmaschine kennt keine Grenzen, braucht keinen jahrzehntelangen Anlauf zur Verwaltungsreform. So festgefahren kann eine Struktur gar nicht sein, dass sie von den Künstlern nicht mühelos aufgebrochen wird. Der Kunstmarkt, beispielsweise, mit seinem starren Kräftespiel zwischen Käufern und Künstlern, wird ausgebootet: Der Amerikaner Larsen Caleb hat eine Skulptur entworfen, die sich einfach selbst online versteigert.

Auch der Politik-Frust kann auf originelle Weise abgebaut werden. Während öffentliche Gelder gerne auch ohne Leistung angenommen werden, macht es die Künstlerin Christin Lahr umgekehrt: Seit 2009 überweist sie jeden Tag einen Cent auf das Konto der deutschen Bundesbank und pfuscht so in den öffentlichen Bilanzen herum. Als Überweisungszweck verwendet sie Zitate aus Marx' "Das Kapital".

Revolution

Die Weltmaschine: Franz Gsellmann baute 24 Jahre daran, ohne der Maschine einen Zweck zu geben. Das Material kaufte er am Flohmarkt. Bei seinem Tod 1981 war die Maschine 6 mal 6 mal 3 Meter groß. Foto: Ars Electronica/Courtesy of Family Gsellmann, photographer Gery Wolf Die Weltmaschine: Franz Gsellmann baute 24 Jahre daran, ohne der Maschine einen Zweck zu geben. Das Material kaufte er am Flohmarkt. Bei seinem Tod 1981 war die Maschine 6 mal 6 mal 3 Meter groß.

Die Ars Electronica zeigt angewandte Digitalkunst des 21. Jahrhunderts, ein Alleinstellungsmerkmal. Und reflektiert, was die digitale Revolution für Chancen und Gefahren bringt. Bisher zumindest. Zuletzt hat der künstlerische Leiter Gerfried Stocker die Wissenschaft als Zukunftsthema entdeckt. Und widmet viel Ausstellungsfläche und das heurige Symposium unter dem Gesamtmotto "Origin" (Ursprung) der Grundlagenforschung am Schweizer Forschungszentrum CERN. Wissenschafter erklären, was sie da tun, das Publikum darf Experimente mitmachen, Quantenphysik, Urknall, Weltall werden vermittelt. So spannend dies ist - es geht zulasten der Einzigartigkeit des Festivals.

Die Ars Electronica war auch international ihrer Zeit weit voraus, lange bevor es nun allen dämmert, wie sehr das Digitale die Kultur verändert. Dessen politische, gesellschaftliche, kulturelle Kraft ist noch längst nicht ausreichend verstanden. Ein weiteres Wissenschaftsmuseum hingegen ist entbehrlich.

Politiknachhilfe

Der Parcours durch die Visionen einer "Yes, we can"-Gesellschaft, der das Festival auszeichnet, ist daher heuer kurz geraten. Und dennoch inspirierend. Wenn der chinesische Internet-Pionier Isaac Mao darüber spricht, wie soziale Medien China, Österreich und letztlich der ganzen Welt mehr Offenheit bringen werden: "Wir müssen den Politikern helfen, das zu verstehen." Wenn die zwecklose, in jahrzehntelanger Arbeit zusammengestellte Weltmaschine des steirischen Bauern Franz Gsellmann präsentiert wird.

Wenn ganz viele junge Menschen bei einem Festival im Festival ihre kreativen Ideen zeigen. Wenn neue Musik kein Abonnenten-Schreck, sondern selbstverständlich ist. Da fällt die Rückkehr in die Gegenwart dann etwas schwer.

CERN: Kunst kollidiert kreativ mit Forschung

Wenn Künstler und Wissenschafter zusammenarbeiten, passiert schon mal Unerwartetes. Etwa das Finden einer neuen Berufung: Ein Forscher des CERN hat "seinen inneren Performer befreit und tritt jetzt in den USA auf", schildert Ariane Koek.

Sie leitet das Programm Arts@CERN, bei dem sich Künstler mit der physikalischen Grundlagenforschung auseinandersetzen. Dabei sei es "überhaupt kein Problem", wenn die Künstler die komplexe Wissenschaft nur begrenzt verstehen. "Der künstlerische Blick kann die Wissenschafter von der Tyrannei der Daten befreien und neue Sichtweisen ermöglichen."
Koek betont, dass die Bereiche eng zusammenhängen: "Kunst plus Wissenschaft plus Technologie ergibt Kultur."

Eine neue Kategorie beim Prix Ars Electronica soll dem Rechnung tragen: Bei "Collide@CERN" können Medienkünstler zwei Monate im CERN und in Folge noch einen Monat lang im Futurelab der Ars Electronica arbeiten. Koek betont: "Wissenschaft kann ein Sprungbrett für die Schaffenskraft sein."

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(kurier) Erstellt am
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