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Kultur
05/12/2012

Walkers neuer Gourmet-Krimi "Delikatessen"

Martin Walkers vierter Krimi aus dem Feinschmecker-Paradies Périgord strengt sich sehr an, um die Fans bei Laune zu halten.

Und? Und nichts. Vorerst nichts. Das Gefühl, zurück in einem Winkel des Paradieses im Südwesten Frankreichs zu sein, stellt sich diesmal nur langsamer ein.

Immer Vin de Noix und Trüffel und Gänseleber, selbst das ist auf Dauer nicht der Himmel.

Und immer lieb sein und hausbacken, immer Streit schlichten – das hält man auch nicht so gut aus.

Der Schotte Martin Walker ist sich der Probleme seiner zwischendurch spannenden Wohlfühl-Serie sehr bewusst. "Delikatessen" ist schon der vierte Krimi mit Bruno, dem einzigen Polizisten in der fiktiven 3000-Einwohner Stadt Saint-Denis im echten Périgord – und deshalb hat sich ein bisschen etwas geändert:

1.) Es wird nicht mehr geschildert, wie Bruno die Eier seiner Hühner zum Frühstück bei Bekannten mitnimmt.

2.) Er hat Sex mit zwei Frauen. Hintereinander.

3.) Es wird geschossen.

4.) Die allerallerfreundlichste Romanfigur stirbt.

Bedrohungen

"Delikatessen" ist in der KURIER-Bestsellerliste (Sonntag) gleich auf Platz vier eingestiegen.

Walker verkauft von jedem neuen Krimi geschätzte 100.000 Exemplare. Aber Donna Leon, deren Brunetti ebenfalls im Diogenes Verlag erscheint, wird auch mit dem 20. Fall ("Reiches Erbe"; im Juni) nach wie vor locker die doppelte Zahl erreichen.

Warum das so ist, ist ein Rätsel. Jedenfalls will man sich den 20. "Bruno" lieber nicht vorstellen. Weil: Welche Bedrohungen soll denn das ländliche Städtchen noch erleben? Genmanipulierte Pflanzen hatten wir schon. Betrügereien mit Trüffeln auch – jetzt Tierschützer gegen Entenstopf­leber; und eine neue Amtsrichterin tritt auf, die lässt Bauersleute verhaften, weil sie – verbotenerweise – aus ihren Enten selbst Pastete machen.

Ui, da ist der Bruno sauer: Er organisiert eine Demo. Mist wird vors Auto der Richterin geschüttet. Die Verhaftung hat Bruno mehr aufgeregt als die Leiche, die bei archäologischen Ausgrabungen gefunden wird, aber nur 30 Jahre alt ist.

Eine spanische Leiche.

Eine "Altlast" der ETA.

Eine Vergangenheit, die nicht vergehen will, baut Martin Walker immer ein.

Als politischer Guardian-Journalist schrieb er Bücher über Clinton und Gorbatschow. Jetzt wohnt er selbst im Périgord. Bruno ist gewissermaßen sein Nachbar. Walker gibt sich viel Mühe mit ihm. Deshalb findet man zurück ins Paradies. Es dauert. Spätestens, wenn Leber mit Essig und Honig zubereitet wird, vergisst man seine Zweifel und greift zu.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: **** von *****

Sten Nadolny – "Weitlings Sommerfrische"

Fast liest es sich wie eine Aufforderung, die Zeitreise nachzumachen. Man muss ja dabei nicht unbedingt, ans gekenterte Segelboot geklammert, im stürmischen Chiemsee treiben.

So widerfährt es dem pensionierten Richter Wilhelm Weitling. Er war so in Gedanken vertieft – ein besserer Fußballspieler wäre er gern geworden –, dass er die schwarzen Wolken nicht bemerkte.

Ist er jetzt tot? Stirbt er gerade im Wasser? Jedenfalls hat er Bilder vor Augen: vom 16-jährigen Willy, der er gewesen ist und der sich zu Recht als etwas Besonderes gefühlt hat. Das ging rasch vorüber.

"In jung" gefällt er sich.

Wie konnte aus dem Willy der Wilhelm werden?

Die Zwetschgenknödel von der Mutter sieht er. Schade, dass er die Jugendzeit nicht auch noch riechen kann! "In jung" gefällt er sich. Bei der Lateinschularbeit sieht er Willys Feder übers Papier flitzen.

Der 68-jährige Wilhelm erinnert sich auch an den Mitschüler, dem alles eingesagt wurde und der trotzdem einen Fünfer bekommen hat: Weil der Depp in seinen vom Deutschen ins Lateinische übersetzten Text mehrmals "hostas" einbaute.

Der Einsager hatte nämlich, während er diktierte, im Dialekt gefragt: "Hast du’s?" Hostas.

Schöner können Fehler nicht sein.

Fast 30 Jahre ist es her, seit der Wahl-Berliner Sten Nadolny in "Die Entdeckung der Langsamkeit" gezeigt hat, dass die G’schwinden mit Vorsicht zu genießen sind.

Nadolny hat immer noch etwas zu sagen, und was der 69-Jährige in "Weitlings Sommerfrische" sagt, klingt nach Abschied. Unaufgeregt. Freundlich. Bestimmt ist vieles aus seiner eigenen Biografie enthalten. Ruhig fließt (und tief geht) dieses "Abendrot-Buch", wie Nadolny seinen Roman im profil-Interview selbst genannt hat.

Und wenn Wilhelm Weitling das Unwetter am See überlebt? Dann spielt Sten Nadolny weiter mit ihm, indem er den angeblichen Richter a. D. in ein anderes Leben steckt.

Das richtige?

Gibt’s nicht. Weise schleicht sich Unwissenheit ein: "Sicher ist, dass ich im Leben ein paar grundlegende Dinge nie begriffen habe, und ich weiß nicht einmal, welche."

Peter Pisa

KURIER-Wertung: **** von *****

Dorothea Nürnberg – "Sterntänzer"

Der Roman dreht sich in der Tradition der Derwische. Man wirft währenddessen Blicke auf aggressive Muslime und sanfte, man hört einer Wienerin zu, wie sie gegen die türkische Nachbarsfamilie wettert ..., aber der Roman dreht sich lange genug, um dann nur noch sich selbst wahrzunehmen; die Liebe; den Gott, dem man zwar viele Namen geben kann (wenn man sich nicht dreht), der aber immer derselbe ist.

Der Tanz der Derwische ist im Buch Symbol dafür, wie man gegenseitige Ängste nehmen kann. "Sterntänzer" ist der Versöhnungsversuch der gebürtigen Grazerin Dorothea Nürnberg, die immer zwischen Kulturen Brücken baut. Sie ist für ihre lyrische Sprache bekannt. Beim Tanz einer "ungläubigen" Wienerin mit einem türkischen Derwisch hat sie darauf weitgehend verzichtet. Hier ist es ihr wichtiger, Wissen zu vermitteln, über den Islam, den Koran, die Migranten. Und Wissen baut ja Vorurteile ebenso ab wie Drehen.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: *** von *****

Nora Miedler – "Aschenpummel"

Bei der Wienerin neigt man zu der Frage: Wann schreibt sie endlich etwas Ordentliches?

Aber das ist dumm, denn die bisherigen Bücher Nora Miedlers, zwei Krimis, konnten sich lesen lassen. Nun – dagegen kann man nichts machen – hatte sie Lust auf einen "Frauenroman". Aber mit einer unperfekten, noch jungfräulichen Heldin ohne Gucci-Tascherl: mit der wohlbeleibten Teddy, die an die Komikerin Cindy aus Marzahn erinnert.

Auch Teddy hat Humor (muss man haben, wenn selbst zwei Miederhosen den Bauch nicht zähmen können), es mangelt halt etwas an Selbstbewusstsein.

Sie ist über 30, kümmert sich um ihre besitzergreifende Mama, arbeitet in einem Schuhgeschäft, hört Frank Sinatra, läuft rot an, wenn sie dem einäugigen Buchhändler nebenan begegnet – und man kann’s beim besten Willen nicht leugnen: "Aschenpummel" wird derart flott erzählt – allerweil, TV-Serien hätten solche Dialoge! –, dass es keine Frage des Geschlechts ist: Man unterhält sich.

Peter Pisa

KURIER-Wertung: **** von *****

Mieze Medusa – "Mia Messer"

Mia singt "Stairway to heaven". "Lady Marmalade" singt sie auch, aber da braucht sie Begleitung, weil: "Das fetzt in a capella überhaupt nicht." Wenn Mia nicht singt, raubt sie Kunstschätze.

"Mia Messer", die Geschichte einer singenden Diebin, die sich für feministische Kunst interessiert, ist der zweite Roman der Wienerin Mieze Medusa, die ansonsten Slam Poetry und Musik macht. Zusammen mit dem Musiker Tenderboy hat sie 2007 den Protestsongcontest gewonnen.

"Mia Messer" ist eine originelle, stellenweise lustige Geschichte, die sprachlich an Medusas zweites Standbein Rap erinnert: Kurz und knapp – es raucht "was", sie singt "was". Das kann anstrengend sein. Andererseits: Man liest selten Romane, in denen Lou Lorenz-Dittlbacher vorkommt.

Als Musikerin sei Medusa die A-capella-Version von "Lady Marmalade" ans Herz gelegt, die Christina Aguilera mit Pink und Lil’ Kim gemacht hat. Die fetzt ziemlich!

Barbara Mader

KURIER-Wertung: *** von *****

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