Kultur
20.12.2011

Vordenker der Friedensbewegung gestorben

Horst-Eberhard Richter starb mit 88 Jahren. Der Psychoanalytiker war ein Pionier der Familienforschung und auch als Friedensaktivist bekannt.

Der Psychoanalytiker und Autor Horst-Eberhard Richter, Vordenker der deutschen Friedensbewegung, ist tot. Richter starb bereits am Montag im Alter von 88 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit im mittelhessischen Gießen. Das teilte die deutsche Sektion der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW), die Richter mitbegründet hatte, am Dienstag in Berlin mit.

Richter machte sich als Pionier der psychoanalytischen Familienforschung und -therapie international einen Namen. Sein Buch "Eltern, Kind und Neurose" aus dem Jahr 1963 wurde zum Standardwerk der Kinderpsychologie und Erziehungswissenschaft. Mit "Alle redeten vom Frieden" avancierte Richter 1981 zur Leitfigur der deutschen Friedensbewegung. Er war Mitbegründer der deutschen IPPNW, die 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Richter trat auch als scharfer Kritiker der beiden Irak-Kriege auf.

Fortschritt als Heilsidee

Zu Richters bedeutendsten Werken gehört das 1979 veröffentlichte Buch "Der Gotteskomplex". Die Grundthese: Der Mensch in der westlichen Kultur habe als Ersatz für die schwindende Glaubenssicherheit den naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt zu einer Heilsidee erhoben. Richter erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Goetheplakette der Stadt Frankfurt. 2007 wurde er nach jahrelangem kommunalpolitischen Hickhack Ehrenbürger der Stadt Gießen.

Die IPPNW würdigte Richter als eine der führenden Persönlichkeiten in der Bundesrepublik. Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Renate Künast und Jürgen Trittin, nannten ihn einen Menschen, der sich mit den gesellschaftlichen Zuständen nicht abgefunden habe. "Er hat nicht haltgemacht bei der Analyse der Gesellschaft und der sozialen Bewegungen, sondern wurde zum maßgeblichen Teil dieser Bewegungen, vor allem der Friedensbewegung in Deutschland. Wir werden ihn als klare und mutige Stimme in Erinnerung behalten."

Bis zuletzt bezog Richter zu aktuellen gesellschaftlichen Themen Stellung, bezeichnete etwa die Finanzkrise als "Kulturkrise, die bestimmt ist von einem systematischen Werteverfall". Er engagierte sich auch im globalisierungskritischen Netzwerk Attac. 1998 war er Festredner beim Brucknerfest Linz.

Richter wurde 1923 als Sohn eines Ingenieurs in Berlin geboren und studierte dort Medizin, Philosophie und Psychologie. Nach einer Zusatzausbildung zum Psychoanalytiker wurde er 1962 auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychosomatik an die Universität Gießen berufen. An der mittelhessischen Hochschule baute er ein fächerübergreifendes Zentrum für Psychosomatische Medizin auf, das er 30 Jahre leitete. Nach seiner Emeritierung wechselte er 1992 als Direktor an das Sigmund-Freud-Institut nach Frankfurt und leitete es bis 2002.

Von Ruhestand hielt er auch danach nicht viel: Richter arbeitete als Therapeut mit Patienten und Gruppen, hielt Vorträge, engagierte sich weiter für Frieden und Gerechtigkeit und schrieb Bücher, 2010 erschien "Moral in Zeiten der Krise".

Sein Engagement führte Richter auf die eigenen Erfahrungen in der Nazi-Zeit und im Zweiten Weltkrieg zurück: "Wir haben erlebt, dass Wissenschaft instrumentalisiert wurde - und daraus die Konsequenz gezogen, dass wir keine Spaltung machen wollten zwischen Denken und Forschen einerseits und gesellschaftlichem Engagement andererseits."