Kultur
28.11.2017

Von Menschenhändlern und Kriegstouristen

Der deutsche Journalist Fritz Schaap hat mit „Hotel Istanbul“ ein lesenswertes Buch seiner besten Reportagen aus dem Nahen Osten und Nordafrika veröffentlicht, das einen anderen Blick auf die Region und seine Menschen erlaubt.

In Österreich würde man sagen Fritz Schaap ist ein "Wilder Hund", freilich keiner, der mit 150 km/h die Streif in Kitzbühel auf Skiern runterfährt, sondern einer, der die Krisenregionen dieser Welt bereist und von dort die packendsten und spannendsten Reportagen, die derzeit in deutschsprachigen Medien zu lesen sind, nach Hause schickt. Schaap, 1981 in Berlin geboren, gehört einer jungen Generation von Reportern an, die auf eigene Rechnung und ohne Verlag im Hintergrund immer auf der Suche nach der besten Geschichte rund um den Globus hetzen.

Kauft die Story wer, ist die Reise finanziert, und es bleibt, wenn es gut geht, abzüglich der Reisespesen, ein wenig Geld über, bleibt er auf der Geschichte sitzen, verbucht er ein sattes Minus. Dass Schaap keine Abnehmer für seine Geschichten findet, kommt allerdings immer seltener vor. Die vergangenen Jahre hat er sich einen Namen gemacht, publiziert im Spiegel, in der Zeit oder in der Welt, um nur einige Medien zu nennen, und hat zahlreiche renommierte Journalistenpreise gewonnen.

Vor allem den Nahen Osten und Nordafrika kennt Schaap wie seine Westentasche, von dort stammen auch seine besten Geschichten, die er jetzt in seinem ersten Buch „ Hotel Istanbul“ im Verlag Knaus veröffentlichte.

Es ist eine Sammlung von Reportagen, die als Gegenentwurf zum ewig gleich geschalteten Agenturbrei in Medien zu verstehen sind, der oberflächlich produziert Zeitungen und Magazine immer weniger unterscheidbar macht. Schaap erzählt lieber die Geschichten hinter der Geschichte, porträtiert ungewöhnliche Orte und Menschen und bietet dabei immer wieder überraschende Zugänge. Wie zum Beispiel in seiner Reportage über das Hotel Istanbul an der türkisch/syrischen Grenze, ein Sammelpunkt naiver Kriegstouristen, die sich von windigen Schleppern nach Syrien schleusen lassen, um dort das richtige Kriegsabenteuer erleben zu wollen. In Gaza hat sich Schaap mit schwulen Palästinensern getroffen, die in einem homophoben Umfeld ums Überleben kämpfen, am Sinai geriet er fast in die Fänge von Menschenhändlern, in Damaskus traf er sich mit Drogenhändlern, und in einer Islamistenschule in Alexandria hat er versucht zu verstehen, wie man sich zum IS-Kämpfer ausbilden lässt.

Es ist eine außergewöhnliche Sammlung von Reportagen, über die man vielleicht mehr über den Nahen Osten und seine Menschen erfährt und politische Mechanismen und Zusammenhänge noch besser verstehen lernt, als in jedem Lehrbuch geschrieben oder in jeder aufwendig gedrehten Dokumentation zu sehen ist. Prädikat: Sehr lesenswert.

Über den Autor: Fritz Schaap, 1981 in Berlin geboren, studierte erst Literatur- und Kommunikationswissenschaften, später Journalismus und Islamwissenschaften in Leipzig und Berlin, Damaskus und Alexandria. Er arbeitet als Reporter für den Spiegel, die Zeit, das SZ-Magazin, die NZZ und viele andere mehr. Für seine Reportagen wurde er mit dem CNN Award, dem Deutschen Journalistenpreis, dem österreichischen Prälat-Ungar-Preis sowie dem Medienpreis der Kindernothilfe ausgezeichnet.