Tartuffe im Landestheater St. Pölten: Empfehlung!

© /Nurith Wagner-Strauss

Landestheater Niederösterreich
03/02/2016

Von der Rebellion bleibt kein Pieps übrig

Wenn man diesem "Tartuffe" etwas vorwerfen möchte, dann dies: Er ist mit knapp zwei Stunden zu kurz.

von Barbara Mader

Tartuffe ist einer, der mit dem Himmel auf gutem Fuße steht. Sagt er. Man glaubt es ihm. Wer skeptisch ist, wird selbst der Heuchelei verdächtigt.

Molières böse Komödie um falsche Moral und politischen Opportunismus fiel in ihrer Urversion Mitte des 17. Jahrhunderts der Zensur zum Opfer. Von ihrer Brisanz hat sie, das zeigt Róbert Alföldis brillante Inszenierung, bis heute nichts verloren.

Alföldi, von der nationalkonservativen Regierung ungeliebter ehemaliger Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, hat den Tartuffe schon vor zehn Jahren auf die Bühne gebracht und man merkt: Der Mann weiß, was er tut. Beinahe schlafwandlerisch bewegt er sich durch Wolfgang Wiens moderne Textfassung, die er, mit leichten Strichen, bis zur bösen Überraschung am Ende belässt, wie sie ist. Das tolle Ensemble darf hier zeigen, was es kann. Bis zur Pause ist dieser Tartuffe eine rabenenschwarze Komödie. Lisa Weidenmüller als Mariane und Swintha Gersthofer als Zofe Dorine liefern sich einen sprachlich wie pantomimisch formidablen Schlagabtausch, der Assoziationen von Commedia dell’arte bis Luis de Funès, ebenfalls ein wunderbarer Molière-Darsteller, weckt – samt Ansätzen von "Nein – doch – ohh!".

Auch Pascal Gross’ Kampf mit dem Sakko ist eine schöne Einlage. Apropos: Fruzsina Nagys Kostüme sind stimmig, ebenso wie Ildikó Tihanyis zurückhaltende Bühne. Ein weißer Raum, in dem durchsichtige Stofftüren nach Belieben neue Räume ergeben. Nach der Pause bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Tartuffes’ Siegeszug, das merken seine Skeptiker erst nach und nach, ist nicht aufzuhalten. Der zusehends irre Familienvater Orgon (Tobias Voigt) liefert dem Erbschleicher seine ganze Existenz aus. Am Ende macht Betrüger Tartuffe (maliziös: Albrecht Abrahem Schuch) alle Beteiligten mit emotionaler Erpressung gefügig. Man hat sie bis aufs letzte Hemd bestohlen, und sie sagen artig danke. Wer je Rebellion gewagt hat, piepst nicht einmal mehr. Parallelen zur – nicht nur ungarischen – politischen Gegenwart drängen sich auf. Beängstigend, virtuos.

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