Kultur 01.04.2012

Volksoper: Öd und grandios an einem Abend

Kritik: Die Volksoper setzt den Henze-Einakter "Das Wundertheater" großartig um, zeigt dafür aber einen schwachen "Bajazzo".

Das Theater: Ein Spiel mit dem Spiel, ein Spiel mit Illusionen, ein Spiel der echten und falschen Gefühle – das ist es, was Hans Werner Henzes himmlisch bösen Operneinakter "Das Wundertheater" und Ruggero Leoncavallos drastischen "Bajazzo" eint.

Die Wiener Volksoper versucht sich an beiden Stücken. Bei Henze höchst erfolgreich; bei Leoncavallo weniger. Ein Regisseur, zwei Dirigenten – im Haus am Gürtel spiegelt sich das Theater selbst wider. Zumindest bei Thomas Schulte-Michels, der im "Wundertheater" auf eine ganz feine, an Charlie Chaplin gemahnende Komik setzt, der bei "Bajazzo"(Schulte-Michels hat auch das Bühnenbild geschaffen) die Logen der Volksoper und den Kronleuchter der Josefstadt auf die Bühne bringt. Warum der Regisseur am Ende auch mit einigen Buh-Rufen abgestraft wurde, ist unverständlich. Denn Schulte-Michels gelingt vor allem im "Wundertheater" eine höchst poetische, kluge Interpretation. Dass sich der "Bajazzo" auch szenisch (hier sorgt nur das Bühnenbild für einen einmaligen Aha-Effekt) nicht ganz ausgeht, ist eine Tatsache.

Grandios: "Das Wundertheater"

Aber zurück zu Henze. Wie in des "Kaisers neue Kleider" gaukelt eine Theatertruppe (die Vorlage stammt übrigens von Miguel de Cervantes) den Honoratioren einer Kleinstadt alle möglichen Illusionen vor. Die kann aber nur sehen, wer brav katholisch und ehelich geboren ist. Natürlich sieht niemand den großen Samson, die tanzende Herodias oder das Ballett der kleinen Mäuse. Alle aber tun so, bis ein Polizist (stark: Nicolaus Hagg) dem Treiben ein Ende setzen will, letztlich aber zum Opfer des "Wundertheaters" wird. Der Kaiser ist nackt, doch keiner will es sehen .

Grandios, wie Dirigent Gerrit Prießnitz und das Orchester der Volksoper diesen Henze umsetzen, wie sie alle Klangfarben, alle musikhistorischen Anspielungen und Parodien umsetzen. Ebenso grandios, wie Jörg Schneider den Leiter des "Wundertheaters" gibt, wie Martina Dorak als dessen Gefährtin Chirinos jede Menge Sex-Appeal einbringt, wie Karl-Michael Ebner slapstick-artig den Knirps oder Alexander Trauner den Gobernadór gibt. "Das Wundertheater" ist ein kurzes, jedoch veritables Ereignis.

KURIER-Wertung: ***** von *****

Öder "Bajazzo"

Danach (nach einer mehr als 30-minütigen Umbaupause!) versucht man sich an Ruggero Leoncavallos Verismo-Reißer "Der Bajazzo", wieder in deutscher Sprache, leider. Denn so platt, so kraftmeierisch, so unsinnlich und letztlich einfach nur langweilig wie unter Dirigent Enrico Dovico (gut freilich der Chor, Einstudierung: Thomas Böttcher)) muss ein Leoncavallo nun wirklich nicht klingen.

Dass dieser "Bajazzo" gar nicht zündet, liegt aber auch an den Sängern. Zwar müht sich Ray M. Wade Jr. als Canio redlich; den vokalen Schmelz bleibt der Tenor aber schuldig. Doch nicht Canio ist das Problem: Viel eher Melba Ramos als ordentlich singende, aber in keiner Weise verführerische oder szenisch glaubhafte Nedda. Bariton Morten Frank Larsen (auch für ihn gab es massive Buhs) hat es als Tonio sehr schwer. Hier kann man von einer Stimmkrise des Künstlers sprechen. Ausgezeichnet dagegen: Mathias Hausman als Silvio, gut JunHoYou als Beppo. Dennoch: Henze siegt auf der ganzen Linie.

KURIER-Wertung: ** von *****

( Kurier ) Erstellt am 01.04.2012