Kultur 05.12.2011

Volksoper: neuer Anlauf im Überlebenskampf

© Bild: Volksoper, Dimo Dimov

Saisonauftakt im Haus am Gürtel. Am 9. September hat die Operette "Wiener Blut" von Johann Strauß Premiere.

Wiener Blut". War da nicht was? Genau: Im letzten Wiener Wahlkampf hatte die FPÖ den Titel der Strauß-Operette wissentlich (oder unwissentlich) als Slogan für ihre Anti-Ausländer-Hetzkampagne missbraucht. Muss man das bei einer Neuproduktion des Werkes nicht im Hinterkopf haben?

"Nein", sagen Dirigent Alfred Eschwé und Regisseur Thomas Enzinger unisono. Denn: "Man sollte ein bestimmtes Niveau erst gar nicht unterschreiten und gewissen Herrschaften erst gar keine Plattform geben", so das Leading-Team.

Respektvoll

Wie aber geht man überhaupt an dieses, nach dem Tod von Strauß uraufgeführte, sehr populäre Werk heran? "Mit Respekt", sagen Eschwé und Enzinger. Eschwé: "Die Musik ist ja großartig", so der oft als Operetten-Spezialist titulierte Dirigent. Ein Attribut, dem Eschwé übrigens nichts abgewinnen kann. "Operetten-Spezialist! Was heißt das schon? Ich habe ja auch sehr viel und sehr erfolgreich Oper dirigiert. Nur weil ich auch die Operette sehr ernst nehme, was die Aufgabe jedes Dirigenten wäre, möchte ich mich nicht in diese Schublade stecken lassen."

Nachsatz: "Natürlich liebe ich dieses Genre. Sonst würde ich es wohl nicht machen." Und Thomas Enzinger ergänzt: "Auch ich habe die Operette immer geliebt, habe viele Stücke inszeniert, wurde für diese Liebe aber auch schief angesehen. Frei nach dem Motto: Operette! Wie kannst Du nur?"

Kompromisslos

Und wie kann Enzinger dieses "Wiener Blut" umsetzen? "Es gibt viele Möglichkeiten, an die Sache heranzugehen. Als großes Spektakel wie bei den Seefestspielen Mörbisch, ganz, ganz klassisch wie etwa in Baden. Und natürlich kann man Operette auch zertrümmern. Ich habe einen Mittelweg gewählt. Obwohl Mittelweg immer so nach Kompromiss klingt. Das ist es aber nicht."

Sondern? "Ich bekenne mich dazu, dass die Menschen im Theater auch ein Recht auf Unterhaltung haben. Warum soll man nicht lachen dürfen? Aber diese Unterhaltung sollte mit Stil und Niveau serviert werden. Wenn man es dann noch schafft, dass jene Besucher, die das wollen, auch hinter die scheinbar heile Fassade blicken können, ist schon viel erreicht. Vorschreiben will ich das aber niemandem." Und: "Wichtig ist auch, dass man die Figuren und deren Nöte ernst nimmt. So funktioniert das Werkl dann auch recht gut."
Zeitlos Eschwé ergänzt: "Nehmen wir nur ,Wiener Blut' mit all seinen Liebesgeschichten und Liebesdramen. Dieses Fremdgehen-Wollen, die Entfremdung zwischen Männern und Frauen, dieses gegenseitige Belauern der Geschlechter - das ist doch hochaktuell. Nur weil es in einer anderen Zeit spielt, hat es seine Gültigkeit nicht verloren."

"Aber", so der Maestro, "natürlich gibt es auch Werke, die aus der Zeit herausgefallen sind, die man so nicht mehr auf die Bühne bringen, bei denen man sich dramaturgisch etwas einfallen lassen müsste." Enzinger: "Einen ,Zigeunerbaron' kann man heute nicht kommentarlos und unkritisch eins zu eins umsetzen. Das gilt auch für einige andere Stücke aus diesem Genre. Ich glaube aber fest daran, dass die Operette überleben wird. Man muss sich nur seriös mit ihr befassen."

"Wiener Blut": Fakten und Daten

Werk: Die Operette wurde 1899 nach dem Tod von Strauß in Wien uraufgeführt. Adolf Müller hatte mir Einverständnis des todkranken Komponisten die Musik ausgewählt.

Produktion: Es singen u. a.: Thomas Blondelle, Kristiane Kaiser, Sieglinde Feldhofer, Renée Schüttengruber, Boris Eder und Wolfgang Böck.

Erstellt am 05.12.2011