Kultur
07.08.2017

Visionär der Museumswelt: Martin Roth gestorben

Der Deutsche erzielte mit Ausstellungen und David Bowie und Alexander McQueen Besucherrekorde und besaß politischen Weitblick.

Er war der erste Deutsche an der Spitze eines britischen Topmuseums: Martin Roth hatte das Londoner Victoria and Albert Museum aus seinem Schattendasein geführt und zum bedeutendsten Ausstellungshaus Großbritanniens gemacht. Dafür wurde es zum „Museum des Jahres“ gekürt. Er selbst legte kurz darauf die Leitung nieder. Jetzt ist der gebürtige Stuttgarter im Alter von 62 Jahren in Berlin gestorben.

Roth hatte von 2001 bis 2011 die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erfolgreich geleitet - als 2009 die Direktorenstelle des Wiener Kunsthistorischen Museums zu besetzen war, fiel häufig sein Name als möglicher Kandidat. Doch Roth ging nach London, wo seine internationale Sichtbarkeit bald noch größer sein sollte: Mit Ausstellungen wie zu David Bowie (2013) oder dem Modedesigner Alexander McQueen (2015) holte er das "Victoria & Albert Museum", bis dahin ein etwas verschlafendes Museum für Angewandte Kunst, aus dem Ruhezustand und profilierte es international.

Das Museum in South Kensington bot Entertainment, Kunst und Zeitvertreib. Roth, stets mit perfekt sitzendem Anzug und Schlips gekleidet, mischte sich unters Volk. Nicht selten bekamen Besucher am Eingangsschalter Informationen direkt von ihm. Wie keinem anderen gelang es ihm, die Relevanz von Kunst und Design in Gesellschaft und Politik aufzuzeigen. Er war der erste Deutsche an der Spitze eines britischen Topmuseums.

Im Herbst 2016 legte er sein Amt nach fünf Jahren nieder. Er wolle sich politisch wieder mehr engagieren, hatte Roth seinen Rückzug aus London begründet. Außerdem glaube er nicht, dass er das führende britische Museum für Kunst und Design noch „besser hinbekomme“. Doch es gab kaum einen Zweifel daran, dass auch das Votum der Briten zum EU-Ausstieg mit seiner Entscheidung zu tun hatte.

Brexit-Protest

Im Deutschlandfunk sagte er, es sei „erbärmlich“, was die Kunst- und Kulturwelt gegen politische und gesellschaftliche Bedrohungen unternehme. Man schaue nur zu und befasse sich mit sich selber. Das Europa, an das er glaube, existiere möglicherweise schon längst nicht mehr. Roth hatte sich vor dem Referendum über den EU-Austritt Großbritanniens deutlich gegen einen Brexit ausgesprochen. Nach Bekanntwerden des Ergebnisses zeigte er sich damals entsprechend enttäuscht. „Ich empfinde dieses Ergebnis als persönliche Niederlage“, sagte Roth damals der Deutschen Welle.

Vor kurzem hatte Roth seine neue Stelle als Präsident des Instituts für Auslandsbeziehungen (IfA) angetreten. Für Kontroversen sorgte er mit der Entscheidung, bei der laufenden Venedig-Biennale den Pavillon von Aserbaidschan zu kuratieren: Man warf Roth vor, sich von einem autoritären Regime einspannen zu lassen. Er selbst verteidigte sein Engagement: Es gehe darum, "Menschen jenseits der Politik zusammenzubringen."

Aus der Politik selbst kamen am Montag zahlreiche Würdigungen - so erklärte die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), Roth sei „eine der markantesten und auch streitbarsten Persönlichkeiten“ der Museumswelt gewesen. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) würdigte Roth als Museumsmacher und Freund: „Er war der kulturellen Zusammenarbeit, der Verständigung über sprachliche, politische und kulturelle Grenzen hinweg verpflichtet wie kein Zweiter“, so der Minister.